Naher OstenIsrael musste Syrien angreifen

Es geht um die Hisbollah, nicht um den Sturz Assads: Waren wirklich syrische Waffen auf dem Weg in den Libanon, hat Israel nur rational gehandelt. Von Carsten Luther von 

Eine Einheit des Iron-Dome-Raketenabwehrsystems nahe Haifa im Norden Israels

Eine Einheit des Iron-Dome-Raketenabwehrsystems nahe Haifa im Norden Israels  |  © Oren Ziv/Getty Images

Nur eines scheint nach den jüngsten alarmierenden Meldungen aus dem Nahen Osten bislang sicher zu sein: Die israelische Luftwaffe hat in den vergangenen Tagen Einsätze auf syrischem Gebiet geflogen. Unklar ist, ob die Luftschläge einen Konvoi russischer Boden-Luft-Raketen auf dem Weg in den Libanon trafen, ein Chemiewaffen-Forschungszentrum nordwestlich von Damaskus oder ein anderes militärisches Ziel. Darüber gehen die Informationen auseinander. Eindeutig jedoch ist, dass die Angriffe letztlich gegen die schiitische Hisbollah-Miliz im Libanon gerichtet waren, Israels ärgstem Feind.

Überraschend kam die israelische Operation für Fachleute nicht. Denn nicht erst seit der Konflikt in Syrien zwischen dem autoritären Regime von Präsident Assad und den Aufständischen immer unübersichtlicher wird, treibt Israel die Sorge um, syrische Waffen, insbesondere Chemie-Waffen könnten in die Hände der Hisbollah gelangen.

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Seit dem Libanon-Krieg 2006 hat die radikalislamische Miliz mit massiver Unterstützung von Iran und Syrien versucht, ihre militärische Handlungsfähigkeit wiederherzustellen und zu verstärken. Der damalige israelische Ministerpräsident Ehud Olmert hatte schon 2008 deutlich gemacht, wann aus Sicht seines Landes die "rote Linie" überschritten wäre: Wenn solche Waffen aus Syrien in den benachbarten Libanon kämen, die die militärische Balance zwischen Hisbollah und Israel gefährdeten. Russische SA-17-Raketenbatterien, wenn sie denn das Ziel waren, hätten Israels Lufthoheit über dem Libanon gefährdet. Chemische Kampfmittel, die in die Hände der Hisbollah gelangen könnten, wären ebenfalls ein plausibles Ziel.

Deshalb ist der Angriff sicher nicht so zu verstehen, dass sich Israel in den Bürgerkrieg im Nachbarland einmischen möchte. Denn die Regierung in Jerusalem hat in der Vergangenheit durchaus mit Assad und seinem Vater, wenn auch vertraulich, verhandelt, um den immer noch herrschenden Kriegszustand zwischen beiden Ländern zu beenden. Bei einem Sieg der Opposition muss Israel hingegen befürchten, dass ähnlich wie in Ägypten islamistische Kräfte in Damaskus an die Macht kommen.

Es dürfte sich also in erster Linie um eine Selbstschutzmaßnahme gehandelt haben. In den zurückliegenden Tagen hatte Israel wiederholt eindringlich gewarnt, dass ein solcher Einsatz nötig werden könnte. Auch hatte die Armee bereits nahe der nördlichen Grenze zum Libanon Einheiten des Iron-Dome-Raketenabwehrsystem in Stellung gebracht.

Iran und Hisbollah drohen nur

Rund um die Uhr, so hört man, hält das israelische Militär per Satellitenüberwachung nach möglichen Waffen-Konvois und anderen verdächtigen Bewegungen in Syrien und über die Grenze zum Libanon Ausschau. Seit Jahren ist es das vornehmliche Ziel der Geheimdienste, den Verbleib von Russland gelieferter Mittelstrecken- und Luftabwehrraketen nachzuvollziehen und das Chemiewaffenprogramm im Auge zu behalten.

Auch deshalb ist nicht davon auszugehen, dass der Bürgerkrieg in Syrien nun die Grenzen überschritten oder die gesamte Region ergriffen hat. Das ist längst geschehen, und ein Konflikt dieses Ausmaßes betrifft immer eine ganze Region. Zumal Israel im Grunde seit 1967 mit Syrien einen stillen Krieg führt. Nun, da die Lage sich mehr und mehr der Kontrolle entzieht, handelt Israel nur konsequent, um unmittelbare Gefahren für sich abzuwehren. Es kann aber kein Interesse daran haben, sich in die Kämpfe in Syrien selber hineinziehen zu lassen.

Ebenso wenig wird der Iran trotz aller Vergeltungsdrohungen eine Eskalation wollen. Die Hisbollah dürfte sich ebenfalls still verhalten. Denn alles andere gäbe Israel nur einen weiteren Anlass für einen Angriff auch gegen den Iran.

Natürlich hat Teheran dennoch das Ziel, die Hisbollah weiter zu stärken. Denn wenn das Assad-Regime fällt, verliert Iran einen der letzten Verbündeten in der Region. Dann bliebe als Unterstützer im Kampf gegen Israel nur noch die schiitische Miliz, die den Libanon beherrscht. Ein Sturz Assads wiederum würde allerdings die Hisbollah von militärischer Unterstützung und Waffenlieferungen aus dem Nachbarland abschneiden. Das werden auch die in Syrien aktiven iranischen Kämpfer und Berater wahrscheinlich nur hinauszögern, aber nicht verhindern können.

Ob der Iran direkt an den vermuteten Waffenverlegungen beteiligt war, ist zwar bislang nicht klar. Für den Fall eines Umsturzes in Damaskus dürfte die Führung in Teheran jedoch sehr daran gelegen sein, zumindest einen Teil des Arsenals von Assad den libanesischen Freunden zu verschaffen. Und Israel muss genau dies fürchten.

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Leserkommentare
  1. Wofür? Weil der Staat Israel seine Bürger vor konkreten und zu erwartenden Angriffen schützt?

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    Wofür? Weil der Staat Israel seine Bürger vor konkreten und zu erwartenden Angriffen schützt?

    Konkret?

    Zu Erwartenden?

    Ist Ihnen bewusst, dass es das absolut Letzte ist was Assad derzeit gebrauchen kann, ein krieg mit Israel ist?

    Bis jetzt gibt es keinerlei Beweise für diesen Transport. Lediglich der Angriff nahe Damaskus wurde bestätigt.

    [...]

    Gekürzt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

    gezogen werden. Sie verteidigen nicht, sie annektieren, scheren sich nicht um andere Kulturen. Einzig das Bündnis zum Westen, die Vormachtstellung im Nahen Osten ermöglich ein völkerrechtswidriges Auftreten. Israel ist ein Beleg, wie Politik funktioniert. Erfahrungsgemäß ist die feindliche keine gute Perspektive. Die arabische Welt wird das nie tolerieren.

    Angriff also auf das hoch gerüsteteste Land der Region. Etwa mit Luftabwehrraketen???

  2. Sie liegen falsch! Israel befindet sich seit Jahrzehnten im Kriegszustand mit Syrien. Es gibt keinen Friedensvertrag zwischen beiden Völkern. Demnach kann Israel jede Bedrohung gegen sein Territorium mit Waffengewalt bekämpfen.

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    Das gilt dann umgekehrt sicher auch für Syrien.

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

  3. Wofür? Weil der Staat Israel seine Bürger vor konkreten und zu erwartenden Angriffen schützt?

    Konkret?

    Zu Erwartenden?

    Ist Ihnen bewusst, dass es das absolut Letzte ist was Assad derzeit gebrauchen kann, ein krieg mit Israel ist?

    Bis jetzt gibt es keinerlei Beweise für diesen Transport. Lediglich der Angriff nahe Damaskus wurde bestätigt.

    [...]

    Gekürzt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

    3 Leserempfehlungen
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    dass es das absolut Letzte ist was Assad derzeit gebrauchen kann, ein krieg mit Israel ist?"

    Ist Ihnen bewusst, dass Herr Assad nicht mehr Herr der Lage in seinem Land ist und Hezbollah im Lebanon versucht, für sich zu retten, was zu retten ist, da einer ihrer Hautausrüster demnächst ausfallen wird? Ist Ihnen bewusst, was man mit einem BUK-M2 air defense missile system alles anrichten kann? Ist Ihnen überhaupt bewusst, was vor Ort gerade vor sich geht? Ich denke, definitiv nicht!
    Sie üben lediglich - wie gewöhnlich - blind "Israelkritik"!

  4. Dieser Angriff auf das Territorium eines souveränen Staates zeigt doch nur wieder einmal, dass der von vielen gefürchtete dritte Weltkrieg schon lange gekommen ist.

    Woran erkennt man das? Nunja, alle Kontinente beteiligen sich an kriegerischen, militärischen Kampfhandlungen und das seit geraumer Zeit an unterschiedlichten Schauplätzen.

    Untergrundorganisationen wie Al Quaida, die Hisbolla, die NSU usw. greifen offen Souveräne Staaten an.

    Die Tatsache das dieser Weltkrieg nicht so offensichtlich verläuft wie die beiden vorangegangenen spricht nur für eine subtilere Kriegsführung, elegantere Methoden und geschliffenere Diplomatie.

    Das ganze soll nicht der Aufhänger für eine große Verschwärungstheorie sein, sondern ledigich zeigen, das nur die Defnition besagt, dass wir uns in Deutschland im Frieden befinden.

    Die Europäische Union ist ein unzähligen bewaffneten auseinandersetzungen beteiligt. Sogar Handelsschiffe müssen eskortiert werden wie im 2. und 1. Weltkrieg, siehe Somalia.

    Die Menschenrechtskonventionen und das Völkerrecht sind oft bloße Lippenbekentnisse die durch jede Wirtschaftliche einflußnahme nullifiziert werden.

    Was fehlt ist eine ehrliche engagierte Politik die sich nicht nur zu den Prinzipien der Menschenrechte und des Völkerrechts bekennen sondern sie auch effektiv und auch mit eigenen Einbußen durchsetzt. Ansonsten wird dieser Weltkrieg noch einige Jahrhunderte andauern.

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  5. 29. Na dann

    Das gilt dann umgekehrt sicher auch für Syrien.

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    Ja natürlich!

  6. Das Eine ist der Angriff, würden wir über die innenpolitische Situation in Syrien reden hätte der Diktator an mir sicher keine Freude. Die Rebellen wahrscheinlich auch nicht. Auch werde ich den Verdacht nicht los, dass die innenpolitischen Verhältnisse in Syrien nicht unwesentlich auf äußerer Einmischung beruhen.

    Obwohl unsere Presse uns ja so objektiv mit Informationen versorgt, ist es mir noch nicht gelungen mir ein Bild von der wirklichen Situation und wie es dazu gekommen ist, zu machen.

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  7. Aufgrund eines Doppelpostings entfernt. Die Redaktion/ls.

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  8. Sicher stellen Sie der Gegenseite ebenso "kritische" und "mutige" Fragen. Dürfen Hamas und Hisbollah israelische Ortschaften mit Raketen und Mörsergranaten beschießen? Sicher beschweren Sie sich regelmäíg über die fast täglichen Angriffe auf israelische Zivilisten, die vor allem aus dem Gazastreifen erfolgen. Und Sie kritisieren sicherlich auch den Iran für seine wiederholten Vernichtungsdrohungen gegen Israel und den Rest der Welt. Gegen den Rest der Welt? Ja, der Iran droht nicht nur Israel, sondern bringt seinen Schulkindern bereits bei, dass es die Aufgabe des Irans sei, die Welt zu islamisieren oder bei dem Versuch zusammen mit der Welt unterzugehen. Auch das zweite wird als Sieg verkauft, da auf diese Weise alle Ungläubigen in die Hölle und alle Moslems ins Paradies kommen sollen. Das Märchen, es handele sich dabei um Übersetzungsfehler, sparen Sie sich bitte.

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    Antwort auf "Wie auch immer,"
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    Entfernt. Bitte verfassen Sie differenzierte Kommentare. Danke, die Redaktion/ls

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Hisbollah | Ehud Olmert | Iran | Israel | Libanon | Syrien
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