22. November 2012. Der Aufstand in Syrien ist in einen aussichtslosen Bürgerkrieg umgeschlagen. Seit Monaten arbeitet die Fotografin Nicole Tung mit ihrem Kollegen, dem Videojournalisten James Foley, in dem Land. Gerade ist er in der Provinz Idlib und macht sich auf den Weg zurück in die Türkei. Foley ist einer der vielen freien Journalisten, die einen Großteil der Berichterstattung aus Syrien leisten. Im Gegensatz zu vielen jüngeren Kollegen ist er ein erfahrener Mann, der vorher schon oft aus Kriegsgebieten berichtet hat. Tung erwartet ihn auf der anderen Seite der Grenze. Es ist bewölkt, nieselt, langsam wird es dunkel. Foley taucht nicht auf. Nicht an diesem Abend, nicht seitdem. Bis heute gibt es kein Lebenszeichen von ihm.

Mehr als 60.000 Menschen sind in Syrien gestorben. Für Journalisten ist es momentan mit Abstand das gefährlichste Land. Laut dem Committee to Protect Journalists sind im vergangenen Jahr 28 Reporter in Syrien umgekommen. In der vorigen Woche wurden innerhalb von 24 Stunden zwei Kollegen erschossen. Dazu kommen fast ein Dutzend, die entführt wurden – von Regierungsloyalisten, von Islamisten, von einfachen Kriminellen irgendwo dazwischen. Im Wochentakt kommen solche Nachrichten momentan. Trotzdem zieht es Dutzende junge, unerfahrene und oft unvorbereitete Journalisten nach Syrien. Ein Trend, der schon im Bürgerkrieg in Libyen zu beobachten war.

Auch Tung gehörte damals dazu. Ohne zu wissen, was sie erwarten könnte, reiste sie nach Libyen. 24 Jahre alt, das erste Mal in der arabischen Welt, das erste Mal in einem Krieg. "Ich habe schnell gelernt", sagt Tung heute. "Indem ich viel Zeit auf der Straße verbracht und fotografiert habe – und von älteren, erfahreneren Kollegen." Sie zeigten ihr, wie sie sich unter Beschuss verhalten muss, wie sie Erste Hilfe leisten kann, ihr ein Erste-Hilfe-Kit zusammengestellt.

Trotzdem wurde Libyen zu einer traumatischen Erfahrung für sie.

"Drei Monate lang konnte ich meine Kamera nicht anfassen"

20. April 2011. In der Stadt Misrata bekämpfen sich Rebellen und Regierungstruppen. Eine Gruppe von Kriegsfotografen, Veteranen und Unerfahrenen hat sich an die Front bewegt. Aus dem Nichts eine Explosion. Vielleicht eine Granate, vielleicht ein Mörser. Die Splitter treffen Chris Hondros, Tim Hetherington und zwei junge Kollegen. Tung hört davon, eilt ins Krankenhaus. Sie hat eng mit Hondros zusammengearbeitet. Als sie im Krankenhaus ankommt, ist Hetherington bereits tot. Hondros lebt noch, doch ein Granatsplitter hat die Schädeldecke unter seinem Helm durchschlagen, ist in sein Gehirn eingedrungen. Tung sitzt an seinem Bett in der Intensivstation, als er stirbt. Die beiden anderen Fotografen überleben, einer von ihnen schwer verletzt.

Es gibt ein Bild von Nicole Tung, wie sie weinend am Hafen von Misrata steht und sich von Hetherington und Hondros verabschiedet. Ihre Körper werden mit einem Schiff weggebracht. "Es war ein ernüchternder Moment für mich. Ich habe realisiert, dass selbst die erfahrensten Journalisten nicht unverwundbar sind. Jeden von uns hätte es treffen können."

Nach dem Tod der beiden stellte Tung ihren Beruf infrage: "Drei Monate lang konnte ich meine Kamera nicht anfassen", sagt sie. "Ich habe mich verraten gefühlt von diesem Werkzeug, das mit dafür verantwortlich war, dass Chris gestorben ist." Doch Journalismus ist für sie mehr Berufung als Beruf. Der Drang, die Geschichte mitzuerleben, lässt sie ihre Arbeit wieder aufnehmen. Erst in Libyen und seit Anfang 2011 in Syrien. Der Tod ihres Freundes, sagt sie, hat sie vorsichtiger gemacht. Sie denke mehr darüber nach, wie sie sich selber schützen kann.