Kriegsreporter Wenn jedes Foto das letzte sein könnte

Aus Bürgerkriegen wie in Syrien berichten Journalisten unter Lebensgefahr. Gerade junge, unerfahrene Reporter und Fotografen zieht es an die Front.

Fotograf Chris Hondros in einer zerschossenen Ruine im Süden von Beirut 2006. Hondros wurde im April 2011 während eines Angriffs in Libyen getötet.

Fotograf Chris Hondros in einer zerschossenen Ruine im Süden von Beirut 2006. Hondros wurde im April 2011 während eines Angriffs in Libyen getötet.

22. November 2012. Der Aufstand in Syrien ist in einen aussichtslosen Bürgerkrieg umgeschlagen. Seit Monaten arbeitet die Fotografin Nicole Tung mit ihrem Kollegen, dem Videojournalisten James Foley, in dem Land. Gerade ist er in der Provinz Idlib und macht sich auf den Weg zurück in die Türkei. Foley ist einer der vielen freien Journalisten, die einen Großteil der Berichterstattung aus Syrien leisten. Im Gegensatz zu vielen jüngeren Kollegen ist er ein erfahrener Mann, der vorher schon oft aus Kriegsgebieten berichtet hat. Tung erwartet ihn auf der anderen Seite der Grenze. Es ist bewölkt, nieselt, langsam wird es dunkel. Foley taucht nicht auf. Nicht an diesem Abend, nicht seitdem. Bis heute gibt es kein Lebenszeichen von ihm.

James Foley und Nicole Tung

James Foley und Nicole Tung

Mehr als 60.000 Menschen sind in Syrien gestorben. Für Journalisten ist es momentan mit Abstand das gefährlichste Land. Laut dem Committee to Protect Journalists sind im vergangenen Jahr 28 Reporter in Syrien umgekommen. In der vorigen Woche wurden innerhalb von 24 Stunden zwei Kollegen erschossen. Dazu kommen fast ein Dutzend, die entführt wurden – von Regierungsloyalisten, von Islamisten, von einfachen Kriminellen irgendwo dazwischen. Im Wochentakt kommen solche Nachrichten momentan. Trotzdem zieht es Dutzende junge, unerfahrene und oft unvorbereitete Journalisten nach Syrien. Ein Trend, der schon im Bürgerkrieg in Libyen zu beobachten war.

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Daniel Etter

 arbeitet als Fotograf und Autor, er hat aus Libyen berichtet und war oft in Syrien. Zuvor absolvierte er eine Sicherheitstraining der Bundeswehr für Journalisten in Krisenregionen. Er war, wie Nicole Tung und James Foley, Teilnehmer des Erste-Hilfe-Kurses von Risc. Etter ist mit beiden befreundet.

Auch Tung gehörte damals dazu. Ohne zu wissen, was sie erwarten könnte, reiste sie nach Libyen. 24 Jahre alt, das erste Mal in der arabischen Welt, das erste Mal in einem Krieg. "Ich habe schnell gelernt", sagt Tung heute. "Indem ich viel Zeit auf der Straße verbracht und fotografiert habe – und von älteren, erfahreneren Kollegen." Sie zeigten ihr, wie sie sich unter Beschuss verhalten muss, wie sie Erste Hilfe leisten kann, ihr ein Erste-Hilfe-Kit zusammengestellt.

Trotzdem wurde Libyen zu einer traumatischen Erfahrung für sie.

"Drei Monate lang konnte ich meine Kamera nicht anfassen"

20. April 2011. In der Stadt Misrata bekämpfen sich Rebellen und Regierungstruppen. Eine Gruppe von Kriegsfotografen, Veteranen und Unerfahrenen hat sich an die Front bewegt. Aus dem Nichts eine Explosion. Vielleicht eine Granate, vielleicht ein Mörser. Die Splitter treffen Chris Hondros, Tim Hetherington und zwei junge Kollegen. Tung hört davon, eilt ins Krankenhaus. Sie hat eng mit Hondros zusammengearbeitet. Als sie im Krankenhaus ankommt, ist Hetherington bereits tot. Hondros lebt noch, doch ein Granatsplitter hat die Schädeldecke unter seinem Helm durchschlagen, ist in sein Gehirn eingedrungen. Tung sitzt an seinem Bett in der Intensivstation, als er stirbt. Die beiden anderen Fotografen überleben, einer von ihnen schwer verletzt.

Es gibt ein Bild von Nicole Tung, wie sie weinend am Hafen von Misrata steht und sich von Hetherington und Hondros verabschiedet. Ihre Körper werden mit einem Schiff weggebracht. "Es war ein ernüchternder Moment für mich. Ich habe realisiert, dass selbst die erfahrensten Journalisten nicht unverwundbar sind. Jeden von uns hätte es treffen können."

Nach dem Tod der beiden stellte Tung ihren Beruf infrage: "Drei Monate lang konnte ich meine Kamera nicht anfassen", sagt sie. "Ich habe mich verraten gefühlt von diesem Werkzeug, das mit dafür verantwortlich war, dass Chris gestorben ist." Doch Journalismus ist für sie mehr Berufung als Beruf. Der Drang, die Geschichte mitzuerleben, lässt sie ihre Arbeit wieder aufnehmen. Erst in Libyen und seit Anfang 2011 in Syrien. Der Tod ihres Freundes, sagt sie, hat sie vorsichtiger gemacht. Sie denke mehr darüber nach, wie sie sich selber schützen kann.

Libyen, sagt Tung heute, war anders als Syrien, sicherer, einfacher. "Ich will nicht diejenige sein, die sagt, Journalisten ohne Kriegserfahrung sollten nicht dorthin gehen, denn ich habe dasselbe in Libyen gemacht. Doch die Bedingungen sind viel schwieriger." Es gibt keine anderen Journalisten, die jungen Kollegen weiterhelfen können. "In Syrien bist du allein. Du weißt nicht, wem du trauen kannst, was sicher ist." Es brauche Zeit, bis man sich zurechtfinde, sagt sie. Zeit, die man in Syrien nicht hat. Im vergangenen August wurde die japanische Journalistin Mika Yamamoto in Aleppo erschossen – ein paar Stunden nachdem sie in Syrien eingereist war.

Der Konflikt ist so gefährlich geworden, dass kaum eine Zeitung, kaum ein Fernsehsender eigene Reporter nach Syrien sendet. Es ist eine Frage des Geldes, aber mehr noch eine Frage der Verantwortung angesichts des enormen Risikos. Wer informiert die Familie im Todesfall? Wer verhandelt mit Geiselnehmern? Und dann, wenn einer dieser Fälle eingetreten ist, kommt unweigerlich die Frage: Hat man alle nötigen und möglichen Vorkehrungen getroffen? War der Journalist ausreichend ausgebildet und ausgerüstet? Verständlich, dass nur die wenigsten Redaktionen Journalisten in ihrem Auftrag nach Syrien schicken. Für einen großen Teil der Fotografen, die momentan aus Syrien berichten, ist es das erste Mal, dass sie in einem Kriegsgebiet sind.

Kein Geld für eine schusssichere Weste

Auch wenn die Chance, einen Auftrag in dem Land zu bekommen, für freie Journalisten gegen Null geht, können sie ihre Berichte und Bilder doch leicht verkaufen. Sie müssen nicht mit Angestellten konkurrieren und können ihre Arbeit auch in großen Medien unterbringen. Dahinter steckt eine große Verlockung: Geschichte miterleben zu dürfen, darüber berichten und sich einen Namen machen zu können. Doch zugleich sind gerade diese Kollegen der Gefahr besonders ausgesetzt: Sie sind allein für sich verantwortlich. Oft schaut niemand danach, ob sie ausreichend vorbereitet und erfahren genug sind – niemand hält sie zurück. Für die wichtigsten Hilfsmittel und Absicherungen fehlt ihnen manchmal das Geld: für eine schusssichere Weste etwa, für die Versicherung oder für ein Satellitentelefon.

Inzwischen gibt es Organisationen, die sich um diese Probleme kümmern. Sie organisieren Erste-Hilfe-Kurse oder unterstützen die Finanzierung von Workshops für die Arbeit in Krisen- und Konfliktgebieten.

"Wenn du tot bist, bist du tot"

20. April 2012. Ein Jahr nach dem Tod ihres Mentors Chris Hondros steht Nicole Tung vor einer Gruppe von Journalisten in New York. Sie ringt um Worte. Die Gruppe hat gerade drei Tage Erste-Hilfe-Training hinter sich gebracht. Nicht das übliche, sondern eines, das auf Kriegs- und Krisengebiete ausgerichtet ist. Wie behandelt man Schusswunden? Wie abgerissene Beine? Und wie bleibt man selbst sicher? Der Buchautor und Dokumentarfilmer Sebastian Junger hat dieses kostenlose Training unter dem Namen Risc (Reporters Instructed In Saving Colleagues) ins Leben gerufen – in Erinnerung an seinen Freund und Kollegen Tim Hetherington. Der hätte vielleicht überleben können, wenn er vor genau einem Jahr sofort Erste Hilfe bekommen hätte. Weinend  bedankt sich Tung bei Junger für das Training. Unter den Kursteilnehmern ist auch James Foley, der heute verschwunden ist.

Alle hier sind irgendwann unerfahren in einen Krieg geflogen. Und viele geben zu, dass sie naiv und schlecht vorbereitet waren, kein ausreichendes Training hatten und keine angemessene Ausrüstung. Am Ende, sagt Tung, geht es nicht um die eigene Person. "Wenn du tot bist, bist du tot. Deine Familie und deine Freunde sind diejenigen, die den Preis zahlen, mit den Konsequenzen fertig werden müssen."

 
Leser-Kommentare
  1. sollte keine Menschenleben kosten. Die nun ergriffenen Massnahmen zum Überleben sind sicherlich wichtig genau so wie mehr Vorsicht.
    Durch den Mut der Fotografen in den Kriegsgebieten die vermutlich alle einmal jung begonnen haben sind wir immer informiert worden.

    Jedoch in der heutigen Zeit überdenke ich solche Fotos gerne und überlege ob es halbwegs objektiv oder bewusst so abgedruckt wurde.

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    "Durch den Mut der Fotografen in den Kriegsgebieten die vermutlich alle einmal jung begonnen haben sind wir immer informiert worden."
    da frage ich mich wo sie sich informiert haben. sorry, also ich habe hier zwar sehr viele, aber kaum aussagekräftige bilder oder artikel zum lybien krieg gefunden.

    "Durch den Mut der Fotografen in den Kriegsgebieten die vermutlich alle einmal jung begonnen haben sind wir immer informiert worden."
    da frage ich mich wo sie sich informiert haben. sorry, also ich habe hier zwar sehr viele, aber kaum aussagekräftige bilder oder artikel zum lybien krieg gefunden.

  2. ...ergreift halt jede Chance, um nicht von Harz IV leben zu müssen:

    "Gerade junge, unerfahrene Reporter und Fotografen zieht es an die Front."

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    allen anderen Berufen zählt halt nicht Erfahrung , sondern Vitamin B damit wird man dann als Slawist der in Russland nicht viel gerissen hat, Bürochef in Istanbul und Experte für den Mittleren Osten.

    Die die diesen Job als Berufung ansehen, können sehen wie sie klar kommen. Zur Thematik gibt es auch einen schönen Film der Bang Bang Club.

    Wie hilfreich das Sicherheitstraining der Bundeswehr ist sei auch dahingestellt, besonders wenn man die Bundeswehr dieser Tage in der Türkei sieht.

    Trotzdem Hut ab vor den Andrenalinjunkies, man hofft nur das sie keine Familie mehr haben. Über die Naivität der anfänglichen Unverwundbarkeitsannahme der Frau Tung kann man jedoch nur den Kopf schütteln. Denn im Krieg gibt es nur eine Wahrheit, Menschen sterben.

    allen anderen Berufen zählt halt nicht Erfahrung , sondern Vitamin B damit wird man dann als Slawist der in Russland nicht viel gerissen hat, Bürochef in Istanbul und Experte für den Mittleren Osten.

    Die die diesen Job als Berufung ansehen, können sehen wie sie klar kommen. Zur Thematik gibt es auch einen schönen Film der Bang Bang Club.

    Wie hilfreich das Sicherheitstraining der Bundeswehr ist sei auch dahingestellt, besonders wenn man die Bundeswehr dieser Tage in der Türkei sieht.

    Trotzdem Hut ab vor den Andrenalinjunkies, man hofft nur das sie keine Familie mehr haben. Über die Naivität der anfänglichen Unverwundbarkeitsannahme der Frau Tung kann man jedoch nur den Kopf schütteln. Denn im Krieg gibt es nur eine Wahrheit, Menschen sterben.

  3. "Durch den Mut der Fotografen in den Kriegsgebieten die vermutlich alle einmal jung begonnen haben sind wir immer informiert worden."
    da frage ich mich wo sie sich informiert haben. sorry, also ich habe hier zwar sehr viele, aber kaum aussagekräftige bilder oder artikel zum lybien krieg gefunden.

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    Ich erinnere mich an ein wunderbares Zeit-Dossier, in dem der Journalist und ein Rebellenanfüher sich mit einem mit Waffen und Kämpfern beladenen Boot nach Tripolis geschlichen haben.

    Ich erinnere mich an ein wunderbares Zeit-Dossier, in dem der Journalist und ein Rebellenanfüher sich mit einem mit Waffen und Kämpfern beladenen Boot nach Tripolis geschlichen haben.

    • tb
    • 24.01.2013 um 19:59 Uhr

    Als Leser frage ich mich , welche Qualität dann die Reportagen haben können.

    4 Leser-Empfehlungen
  4. Ich erinnere mich an ein wunderbares Zeit-Dossier, in dem der Journalist und ein Rebellenanfüher sich mit einem mit Waffen und Kämpfern beladenen Boot nach Tripolis geschlichen haben.

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "wie bitte?"
  5. Wäre hier nur anzumerken, dass es da auch Jene gibt, die alles andere als unerfahren sind...:

    "Auslandsspionage
    Bei ihrer verdeckten Propagandaarbeit gehen die Militärspezialisten mit verwandten Abteilungen des
    deutschen Staatsapparates vor. Die ,,Deutsche Welle", Kooperationspartner der Propagandatruppe, hat
    organisierte Kontakte mit Journalisten einräumen müssen, deren enge Beziehungen zur deutschen Auslandsspionage
    (Bundesnachrichtendienst/BND) unbestritten sind. Verbindungen zwischen dem Psycho-Bataillon und einer angeblich privaten ,,Internationalen Medienhilfe" (IMH/Hennef bei Köln) sind nachgewiesen...

    ...Bundeswehr: Psychologischer Krieg
    ANDERNACH (Eigener Bericht) - Der deutsche militärische Apparat für psychologische Kriegführung
    wird zentralisiert und auf zusätzliche operative Aufgaben ,,am Gegner" eingestellt. Die Psycho-Truppe der Bundeswehr, die bis jetzt aus rund 700 Soldaten besteht (,,Bataillon Operative Information 950"), sucht für weltweite Aktivitäten in kommenden Kriegen u.a. Rundfunktechniker, Videotechniker, Computerexperten und Printjournalisten. Das Bataillon tritt gemeinsam mit Organisationen auf, die geheimdienstlicher Kontakte verdächtigt werden..."

    http://ub.unibw-muenchen....

    ...und damit Jene in Gefahr bringen, die tatsächlich neutral und ohne "Auftrag" berichten.

    5 Leser-Empfehlungen
  6. allen anderen Berufen zählt halt nicht Erfahrung , sondern Vitamin B damit wird man dann als Slawist der in Russland nicht viel gerissen hat, Bürochef in Istanbul und Experte für den Mittleren Osten.

    Die die diesen Job als Berufung ansehen, können sehen wie sie klar kommen. Zur Thematik gibt es auch einen schönen Film der Bang Bang Club.

    Wie hilfreich das Sicherheitstraining der Bundeswehr ist sei auch dahingestellt, besonders wenn man die Bundeswehr dieser Tage in der Türkei sieht.

    Trotzdem Hut ab vor den Andrenalinjunkies, man hofft nur das sie keine Familie mehr haben. Über die Naivität der anfänglichen Unverwundbarkeitsannahme der Frau Tung kann man jedoch nur den Kopf schütteln. Denn im Krieg gibt es nur eine Wahrheit, Menschen sterben.

    • Plupps
    • 24.01.2013 um 21:42 Uhr

    Ehrlich gesagt, empfand ich weder die Berichterstattung aus Lybien noch aus Syrien in irgendeinerweise qualitativ gut.
    Wenn Leute da hin fahren wollen, gut, aber bitte nicht mit dem Weltgewissen kommen. Das Weltgewissen benötigt nicht unbedingt die frischesten Blutbilder.

    Mir tun die Toten leid, aber Adrenanlinjunkies gibt es auch andere. Nur dass bei verrückten Motorradstunts nicht so getan wird, als würden die Piloten etwas für den Rest der Menschheit tun.

    5 Leser-Empfehlungen

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