SyrienkriegWo die Kurden die Macht übernehmen

Assads Truppen haben sich aus dem nordsyrischen Afrin zurückgezogen. Nun regieren hier Kurden; sie fürchten heute vor allem die Oppositions-Milizen der FSA. von Raphael Thelen

Ein Kurde mit Öcalan-Shirt in der Stadt Afrin an der syrisch-türkischen Grenze

Ein Kurde mit Öcalan-Shirt in der Stadt Afrin an der syrisch-türkischen Grenze  |  © Aris Messinis/AFP/Getty Images

Cheikh Salahadin bringt in diesen Tagen kaum einen Satz zu Ende. "Immer viel zu tun", sagt der syrische Kurde mit einem Lachen und drückt seine Zigarette aus. Seit das Regime des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad Salahadins Heimatstadt Afrin verlassen hat, ist er so etwas wie der Bürgermeister. Pausenlos kommen Menschen mit Bitten und Fragen in sein Büro. Der 43-Jährige argumentiert, fleht, entscheidet. Dazwischen klingeln seine beiden Telefone, das Funkgerät auf dem Schreibtisch krächzt.

Für Salahadin, der nach fast 20 Jahren in Deutschland mit seiner Familie zurückgekehrt ist, geht damit ein Wunsch in Erfüllung. "In Deutschland habe ich die ganze Zeit im Internet geschaut, Kollegen in Syrien angerufen und Fernsehen geguckt, um mich über die Situation hier zu informieren", sagt Salahadin und beugt sich in seinem Schreibtischsessel vor. "Das war nicht auszuhalten."

Anzeige

Während im Rest des Landes der Bürgerkrieg mit jedem Tag brutaler wird, herrscht in vielen Städten entlang der türkischen Grenze ein brüchiger Frieden. Das Assad-Regime hat sich im vergangenen halben Jahr schrittweise aus den Gebieten der ungefähr zwei Millionen Kurden des Landes zurückgezogen. Seit dem genießen sie ein ungekanntes Ausmaß an Freiheit. Ähnlich wie in den Nachbarländern Türkei und Irak wurden sie zuvor jahrzehntelang politisch und kulturell unterdrückt.

Auch eine eigene Polizei wurde gegründet

In dem entstandenen Machtvakuum haben Menschen wie Salahadin die Aufgaben und Gebäude der lokalen Regierung übernommen. Sichtlich zufrieden sitzt er am Schreibtisch des ehemaligen Stadtverwalters im Zentrum der Stadt. Wo hinter ihm früher ein Bild vom Bashar al-Assad prangte, hängt jetzt ein zwei Meter großes Bild von Kurdenführer Abdullah Öcalan. Mit seinen Geheimratsecken und dem buschigen Schnauzbart sieht Salahadin ihm ähnlich.

"Da drin wurden viele Herzen kaputt gemacht", sagt er mit einem Blick zum alten Stadtgefängnis vor seinem Fenster. Ein Bagger reißt gerade die Seitenwände ein. "Jetzt machen wir es kaputt." Es ist das sichtbare Symbol für den Machtwechsel in der Stadt.

Im früheren Regierungssitz tragen zahlreiche Männer Computer in die Büros, bewachen den Eingang, tätigen Anrufe. Der Tonfall wechselt ständig von laut scherzend zu flüsternd konspirativ. In einem Stahlschrank hängen ein halbes Dutzend Kalaschnikows. Die Männer kennen sich seit Jahrzehnten. Sie sind Mitglieder der Partei der Demokratischen Union (PYD). Genau wie ihre Schwesterorganisation, die Kurdische Arbeiterpartei (PKK) in der Türkei, kämpfte die PYD schon unter Assad für die Rechte der Kurden.

Neben einem Stadtrat, einem Gericht sowie Jugend- und Frauenzentren hat die PYD in den vergangenen Monaten eine eigene Polizei und Miliz gegründet. Von den 50.000 Einwohnern Afrins sind schätzungsweise 7.000 Mitglieder der Organisation. Genau wie alle anderen kurdischen Organisationen war sie unter Assad verboten und wurde verfolgt.

Salahadin musste einst wegen seines politischen Engagements Syrien verlassen. "Ich habe ein Fest organisiert für das kurdische Neujahr 1994. Ich habe Musik und Lautsprecher gemietet", erinnert sich Salahadin an den Tag, als sein Exil begann. Einige Tage zuvor war Bashar al-Assads Bruder Bassel gestorben. "Die Polizei kam mit Kalaschnikows und machte alles kaputt, sie sagten zu mir 'Bist du kein Syrer? Ganz Syrien trauert und du machst hier ein Fest?'" Die Polizisten schlugen Salahadin und konfiszierten seinen Pass. Aus Angst verhaftet zu werden, floh Salahadin in den benachbarten Libanon. Dort wartete er auf seine Frau Namet, dann reisten sie zusammen nach Deutschland.

Die beiden kamen in ein Asylbewerberheim in Saarbrücken. Kurze Zeit später zogen sie ins benachbarte Saarlouis. Hier kamen ihre drei Töchter zur Welt. Sie bezogen ein kleines Mietshaus und hielten sich mit Aushilfsjobs über Wasser. Nach vier Jahren erhielten sie ihre Aufenthaltserlaubnis. Ganz heimisch wurden sie jedoch nie. "Es ist gut in Deutschland. Da ist Mensch Mensch. Alles ist gut und sauber", sagt Salahadin. "Aber es ist nicht meine Kultur, meine Heimat. Meine Heimat ist immer in meinem Herz geblieben." Als es sicher genug war zurückzukehren, entschied die Familie heimzufahren.

"Es gefällt den Kindern hier, weil unsere ganze Familie da ist", sagt Cheikhs Ehefrau Namet. Doch vieles bleibt ungewohnt. Die syrische Regierung hat sich um Afrin genauso wenig gekümmert, wie um die restlichen Kurdengebiete. Die Straßen sind dreckig und kaputt. Viele Häuser sind heruntergekommen, ihre Bewohner oft arbeitslos. Schlachter verkaufen hier ihre Waren auf dem Bürgersteig und wenn es regnet, bilden sich in den Straßen kleine Bäche.

"PKK ist genauso autoritär wie Assad"

Doch nicht nur die Äußerlichkeiten machen Salahadin zuweilen das Leben schwer: In den vergangenen Wochen kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen mit der Freien Syrischen Armee (FSA). Viele der vorwiegend arabischen Oppositionsmilizen werfen den Kurden vor, einen Deal mit Assad zu haben. Demzufolge beteilige sich die PYD im Gegenzug für ihre Autonomie nicht an den Kämpfen gegen das Regime. Gleichzeitig werfen viele den Kurden vor, sich von Syrien abspalten zu wollen. "Was will die Jeisch al-Hurr hier?", fragt Salahadin und verwendet den arabischen Namen der FSA. "Wenn die kommen, dann greift Assad auch hier an." Andernorts sei genau dies in den vergangenen Monaten passiert.

Doch nicht alle Menschen in Afrin sind glücklich mit der Machtübernahme der PYD. Zozan ist mit ihrer Familie kürzlich aus Aleppo nach Afrin geflohen. Auch hier fühlt sie sich nicht frei, denn obwohl sie Kurdin ist, misstraut sie Cheikh und seinen Gefolgsleuten. "Die Situation hier hat sich nicht verändert", sagt sie. "Jetzt beherrscht die PKK die Stadt. Die sind genauso autoritär wie Assad."

Die PYD und die PKK in Syrien und der Türkei arbeiten weitgehend unabhängig voneinander. Doch auch viele der syrischen Kurden sind Anhänger des in der Türkei inhaftierten Öcalan. Dieser soll mehrere Kritiker seiner eigenen Partei getötet haben lassen, auch in Syrien mehren sich Berichte, dass die PYD unliebsame Politiker töten lässt. "Das ist keine Demokratie hier", sagt Zozan. "Wir können immer noch nicht sagen, was wir wollen." In Afrin zumindest ist noch kein anderer Politiker ermordet worden.

"Ich will einfach nur, dass es hier ruhig bleibt. Für meine Frau, meine Kinder und die Kurden", sagt Salahadin. "Doch wenn die Jeisch al-hurr angreift, dann kämpfe ich." In seiner Stimme liegt Entschlossenheit. Es klingt, als spreche er über etwas, auf das er lange gewartet hat. "Er kämpft, ich haue ab", erwidert dagegen Namet. "Um mich ist es egal – aber die Kinder müssen ein Leben haben."

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Bei allem Elend, das der syrische Buergerkrieg mit sich bringt: die neugewonnene Freiheit der Kurden ist ein Hoffnungsschimmer.

    Auf dass bald bessere Zeiten fuer die Bewohner Syriens kommen, und nicht alles im Chaos versinkt.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Dadurch, das "Bürgermeister" Waffen tragen? Oder dadurch, dass selbsternannte, schwer bewaffnete "Sicherheitskräfte" das Bild eines Terroristenführers auf dem T-Shirt tragen?

  2. viel Spaß.
    Wenn Syrien jetzt ganz offiziell in (ethnisch oder sonstwie definierte) Interessensphären, Kantone oder auch Staaten zerfällt,
    wird dann irgendwan auch mal die Behauptung fallengelassen, daß der Golan "nicht Israel" sei?
    Von israelischen Beobachtern und Kommentatoren war vor Jahren schon zu hören, welchen Pulverkessel man mit Syrien vor sich hätte. (Soviel zu Verhandlungen und Zugeständnissen - und ob es überhaupt einen legitimierten Ansprechpartner gibt)

    [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf diffamierende Aussagen. Danke, die Redaktion/jp

    9 Leserempfehlungen
  3. Dadurch, das "Bürgermeister" Waffen tragen? Oder dadurch, dass selbsternannte, schwer bewaffnete "Sicherheitskräfte" das Bild eines Terroristenführers auf dem T-Shirt tragen?

    5 Leserempfehlungen
  4. Ohne Assad ist das Gemetzel nicht geringer. Regionale Clans streiten sich um den Rest. Mit Assad oder ohne spielt keinerlei Rolle.

    8 Leserempfehlungen
    • scoty
    • 22. Januar 2013 8:03 Uhr

    statt:

    " Sie sind Mitglieder der Partei der Demokratischen Union (PYD). Genau wie ihre Schwesterorganisation, die Kurdische Arbeiterpartei (PKK) in der Türkei, kämpfte die PYD schon unter Assad für die Rechte der Kurden. "

    Dr. Hans-Peter Friedrich, Bundesminister des Innern:

    " Die PKK ist in Deutschland seit längerer Zeit verboten. "

    Bitte ändern !

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    dass dies ein Artikel über die Situation in den kurdischen Gebieten im Norden Syriens ist?

    Ihr Hinweis hat deshalb im Artikel nichts zu suchen.

    @Redaktion: Danke für den etwas anderen Blick auf das Land.

  5. "Doch wenn die Jeisch al-hurr angreift, dann kämpfe ich."

    Diesen Satz sollten sich alle, die meinen Syriens Probleme wären zu Ende wenn Assad "weg ist", gut merken!

    9 Leserempfehlungen
    • Chorus
    • 22. Januar 2013 9:48 Uhr

    Die Kurden machen rund 10 Prozent der 23 Millionen Einwohner zählenden Bevölkerung Syriens aus.

    Die türkische Regierung sieht sich durch die inzwischen erfolgte Einrichtung autonomer kurdischer Gebiete in Syrien an der türkischen Grenze bedroht und beunruhigt. Es besteht das Risiko einer militärischen Eskalation durch ein (offenes) Eingreifen der Türkei in den syrischen Krieg, in die die Bundeswehr wegen der Patriot-Stationierung hineingezogen werden könnte. Der türkische Präsident Erdogan hat sich immer wieder für die Einrichtung von Flugverbotszonen und Schutzzonen eingesetzt. Dies ist gegen den Willen der syrischen Regierung nur mit Einsatz militärischer Gewalt möglich.

    Die „Freie Syrische Armee“ (FSA) greift bekanntlich von der Türkei aus militärisch ein. Auf Seiten der FSA kämpfen/ morden auch bewaffnete Elemente der salafistischen und terroristischen "Jubat Al Nosra". Berichten zufolge nimmt die Anwesenheit von Türken im Norden Syriens stark zu. Es werden auch turkmenische Milizen gemeldet, die von türkischen Offizieren betreut und ausgestattet werden. Auch im Nordwesten Aleppos wurden Türken gesichtet bei sog. humanitären Operationen. Angeblich befinden sich unter getöteten Kämpfern (der FSA) ebenfalls Türken.

    Seit April 2011 erhielten übrigens zuvor staatenlose - darunter auch illegal aus der Türkei eingewanderte - Kurden die syrische Staatsbürgerschaft.

    11 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...das ist der grund warum die türkei patriot raketen als schutz haben wollen. da auch türken in syrien "erwischt" worden sind hat die türkische regierung schiss das syrien sich diese einmischnug nicht gefallen lässt. es sind nicht die granaten (welche übrigens von der fsa abgefeuert werden) die auf türkischen boden einschlagen, sondern ihre eigenen aktivitäten die einen türkisch - syrischen konflikt befeuern. das wissen auch die nato partner und dies ist auch gewollt, denn sonst wären die nicht so fix mit ihrem patriot system zur stelle. zu mal syriens schicksal immer im kontext mit dem iran zusehen ist. was ja das erklärte ziel der nato/usa ist.

    ist ein ein Aspekt unter vielen, der die Auseinandersetzungslinien in Syrien bestimmt.

    Die syrischen Kurden haben von Anfang an den zunächst
    friedlich begonnenen Aufstand gegen die Assad Diktatur dazu benutzt, autonome Gebiete zu schaffen.

    In der Türkei ist die öffentliche Meinung gespalten – in der Kurdenfrage, in der Auseinandersetzung zwischen Säkularisten und Islamisten als auch hinsichtlich der Rechte religiöser Minderheiten.

    Ein weiteres Problemfeld stellt der Konflikt mit dem Nachbarstaat Syrien dar. Im Oktober wurde nach einer Parlamentsdebatte ein Gesetz verabschiedet, der dem türkischen Militär ein zwölf Monate gültiges Mandat erteilt, Bodentruppen auch jenseits der eigenen Grenzen einzusetzen – also auch in Syrien.

    Daraufhin kam es zu Protesten für die Wahrung des Friedens und gegen die Beschlüsse des Parlaments.

    Der als liberal geltende Journalist Yıldıray Oğur von der Tageszeitung "Taraf" schrieb in einem seiner jüngsten Artikel, dass sich die jetzige Situation und die türkische Reaktion darauf nicht mit dem Widerstand gegen die Irak-Invasion durch US-Truppen vergleichen lasse.

    Er betonte, dass das Regime in Syrien die eigene Bevölkerung massakriere. Sich aus diesem blutigen Konflikt herauszuhalten und nicht Partei zu ergreifen, sei schlicht inhuman, so Oğur.

    "Einige denken, dass Assad zurücktreten müsse, aber ohne dass sich das Ausland einmische. Doch genau diese Denkweise ist der wahre Grund dafür, weshalb immer mehr Syrer sterben müssen."

  6. ...das ist der grund warum die türkei patriot raketen als schutz haben wollen. da auch türken in syrien "erwischt" worden sind hat die türkische regierung schiss das syrien sich diese einmischnug nicht gefallen lässt. es sind nicht die granaten (welche übrigens von der fsa abgefeuert werden) die auf türkischen boden einschlagen, sondern ihre eigenen aktivitäten die einen türkisch - syrischen konflikt befeuern. das wissen auch die nato partner und dies ist auch gewollt, denn sonst wären die nicht so fix mit ihrem patriot system zur stelle. zu mal syriens schicksal immer im kontext mit dem iran zusehen ist. was ja das erklärte ziel der nato/usa ist.

    5 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf mehreren Seiten lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Abdullah Öcalan | Syrien | Türkei | Aufenthaltserlaubnis | Familie | Fest
Service