Ein Kurde mit Öcalan-Shirt in der Stadt Afrin an der syrisch-türkischen Grenze © Aris Messinis/AFP/Getty Images

Cheikh Salahadin bringt in diesen Tagen kaum einen Satz zu Ende. "Immer viel zu tun", sagt der syrische Kurde mit einem Lachen und drückt seine Zigarette aus. Seit das Regime des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad Salahadins Heimatstadt Afrin verlassen hat, ist er so etwas wie der Bürgermeister. Pausenlos kommen Menschen mit Bitten und Fragen in sein Büro. Der 43-Jährige argumentiert, fleht, entscheidet. Dazwischen klingeln seine beiden Telefone, das Funkgerät auf dem Schreibtisch krächzt.

Für Salahadin, der nach fast 20 Jahren in Deutschland mit seiner Familie zurückgekehrt ist, geht damit ein Wunsch in Erfüllung. "In Deutschland habe ich die ganze Zeit im Internet geschaut, Kollegen in Syrien angerufen und Fernsehen geguckt, um mich über die Situation hier zu informieren", sagt Salahadin und beugt sich in seinem Schreibtischsessel vor. "Das war nicht auszuhalten."

Während im Rest des Landes der Bürgerkrieg mit jedem Tag brutaler wird, herrscht in vielen Städten entlang der türkischen Grenze ein brüchiger Frieden. Das Assad-Regime hat sich im vergangenen halben Jahr schrittweise aus den Gebieten der ungefähr zwei Millionen Kurden des Landes zurückgezogen. Seit dem genießen sie ein ungekanntes Ausmaß an Freiheit. Ähnlich wie in den Nachbarländern Türkei und Irak wurden sie zuvor jahrzehntelang politisch und kulturell unterdrückt.

Auch eine eigene Polizei wurde gegründet

In dem entstandenen Machtvakuum haben Menschen wie Salahadin die Aufgaben und Gebäude der lokalen Regierung übernommen. Sichtlich zufrieden sitzt er am Schreibtisch des ehemaligen Stadtverwalters im Zentrum der Stadt. Wo hinter ihm früher ein Bild vom Bashar al-Assad prangte, hängt jetzt ein zwei Meter großes Bild von Kurdenführer Abdullah Öcalan. Mit seinen Geheimratsecken und dem buschigen Schnauzbart sieht Salahadin ihm ähnlich.

"Da drin wurden viele Herzen kaputt gemacht", sagt er mit einem Blick zum alten Stadtgefängnis vor seinem Fenster. Ein Bagger reißt gerade die Seitenwände ein. "Jetzt machen wir es kaputt." Es ist das sichtbare Symbol für den Machtwechsel in der Stadt.

Im früheren Regierungssitz tragen zahlreiche Männer Computer in die Büros, bewachen den Eingang, tätigen Anrufe. Der Tonfall wechselt ständig von laut scherzend zu flüsternd konspirativ. In einem Stahlschrank hängen ein halbes Dutzend Kalaschnikows. Die Männer kennen sich seit Jahrzehnten. Sie sind Mitglieder der Partei der Demokratischen Union (PYD). Genau wie ihre Schwesterorganisation, die Kurdische Arbeiterpartei (PKK) in der Türkei, kämpfte die PYD schon unter Assad für die Rechte der Kurden.

Neben einem Stadtrat, einem Gericht sowie Jugend- und Frauenzentren hat die PYD in den vergangenen Monaten eine eigene Polizei und Miliz gegründet. Von den 50.000 Einwohnern Afrins sind schätzungsweise 7.000 Mitglieder der Organisation. Genau wie alle anderen kurdischen Organisationen war sie unter Assad verboten und wurde verfolgt.

Arabische Milizen bezichtigen die Kurden, einen Deal mit Assad zu haben

Salahadin musste einst wegen seines politischen Engagements Syrien verlassen. "Ich habe ein Fest organisiert für das kurdische Neujahr 1994. Ich habe Musik und Lautsprecher gemietet", erinnert sich Salahadin an den Tag, als sein Exil begann. Einige Tage zuvor war Bashar al-Assads Bruder Bassel gestorben. "Die Polizei kam mit Kalaschnikows und machte alles kaputt, sie sagten zu mir 'Bist du kein Syrer? Ganz Syrien trauert und du machst hier ein Fest?'" Die Polizisten schlugen Salahadin und konfiszierten seinen Pass. Aus Angst verhaftet zu werden, floh Salahadin in den benachbarten Libanon. Dort wartete er auf seine Frau Namet, dann reisten sie zusammen nach Deutschland.

Die beiden kamen in ein Asylbewerberheim in Saarbrücken. Kurze Zeit später zogen sie ins benachbarte Saarlouis. Hier kamen ihre drei Töchter zur Welt. Sie bezogen ein kleines Mietshaus und hielten sich mit Aushilfsjobs über Wasser. Nach vier Jahren erhielten sie ihre Aufenthaltserlaubnis. Ganz heimisch wurden sie jedoch nie. "Es ist gut in Deutschland. Da ist Mensch Mensch. Alles ist gut und sauber", sagt Salahadin. "Aber es ist nicht meine Kultur, meine Heimat. Meine Heimat ist immer in meinem Herz geblieben." Als es sicher genug war zurückzukehren, entschied die Familie heimzufahren.

"Es gefällt den Kindern hier, weil unsere ganze Familie da ist", sagt Cheikhs Ehefrau Namet. Doch vieles bleibt ungewohnt. Die syrische Regierung hat sich um Afrin genauso wenig gekümmert, wie um die restlichen Kurdengebiete. Die Straßen sind dreckig und kaputt. Viele Häuser sind heruntergekommen, ihre Bewohner oft arbeitslos. Schlachter verkaufen hier ihre Waren auf dem Bürgersteig und wenn es regnet, bilden sich in den Straßen kleine Bäche.

"PKK ist genauso autoritär wie Assad"

Doch nicht nur die Äußerlichkeiten machen Salahadin zuweilen das Leben schwer: In den vergangenen Wochen kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen mit der Freien Syrischen Armee (FSA). Viele der vorwiegend arabischen Oppositionsmilizen werfen den Kurden vor, einen Deal mit Assad zu haben. Demzufolge beteilige sich die PYD im Gegenzug für ihre Autonomie nicht an den Kämpfen gegen das Regime. Gleichzeitig werfen viele den Kurden vor, sich von Syrien abspalten zu wollen. "Was will die Jeisch al-Hurr hier?", fragt Salahadin und verwendet den arabischen Namen der FSA. "Wenn die kommen, dann greift Assad auch hier an." Andernorts sei genau dies in den vergangenen Monaten passiert.

Doch nicht alle Menschen in Afrin sind glücklich mit der Machtübernahme der PYD. Zozan ist mit ihrer Familie kürzlich aus Aleppo nach Afrin geflohen. Auch hier fühlt sie sich nicht frei, denn obwohl sie Kurdin ist, misstraut sie Cheikh und seinen Gefolgsleuten. "Die Situation hier hat sich nicht verändert", sagt sie. "Jetzt beherrscht die PKK die Stadt. Die sind genauso autoritär wie Assad."

Die PYD und die PKK in Syrien und der Türkei arbeiten weitgehend unabhängig voneinander. Doch auch viele der syrischen Kurden sind Anhänger des in der Türkei inhaftierten Öcalan. Dieser soll mehrere Kritiker seiner eigenen Partei getötet haben lassen, auch in Syrien mehren sich Berichte, dass die PYD unliebsame Politiker töten lässt. "Das ist keine Demokratie hier", sagt Zozan. "Wir können immer noch nicht sagen, was wir wollen." In Afrin zumindest ist noch kein anderer Politiker ermordet worden.

"Ich will einfach nur, dass es hier ruhig bleibt. Für meine Frau, meine Kinder und die Kurden", sagt Salahadin. "Doch wenn die Jeisch al-hurr angreift, dann kämpfe ich." In seiner Stimme liegt Entschlossenheit. Es klingt, als spreche er über etwas, auf das er lange gewartet hat. "Er kämpft, ich haue ab", erwidert dagegen Namet. "Um mich ist es egal – aber die Kinder müssen ein Leben haben."