Salahadin musste einst wegen seines politischen Engagements Syrien verlassen. "Ich habe ein Fest organisiert für das kurdische Neujahr 1994. Ich habe Musik und Lautsprecher gemietet", erinnert sich Salahadin an den Tag, als sein Exil begann. Einige Tage zuvor war Bashar al-Assads Bruder Bassel gestorben. "Die Polizei kam mit Kalaschnikows und machte alles kaputt, sie sagten zu mir 'Bist du kein Syrer? Ganz Syrien trauert und du machst hier ein Fest?'" Die Polizisten schlugen Salahadin und konfiszierten seinen Pass. Aus Angst verhaftet zu werden, floh Salahadin in den benachbarten Libanon. Dort wartete er auf seine Frau Namet, dann reisten sie zusammen nach Deutschland.

Die beiden kamen in ein Asylbewerberheim in Saarbrücken. Kurze Zeit später zogen sie ins benachbarte Saarlouis. Hier kamen ihre drei Töchter zur Welt. Sie bezogen ein kleines Mietshaus und hielten sich mit Aushilfsjobs über Wasser. Nach vier Jahren erhielten sie ihre Aufenthaltserlaubnis. Ganz heimisch wurden sie jedoch nie. "Es ist gut in Deutschland. Da ist Mensch Mensch. Alles ist gut und sauber", sagt Salahadin. "Aber es ist nicht meine Kultur, meine Heimat. Meine Heimat ist immer in meinem Herz geblieben." Als es sicher genug war zurückzukehren, entschied die Familie heimzufahren.

"Es gefällt den Kindern hier, weil unsere ganze Familie da ist", sagt Cheikhs Ehefrau Namet. Doch vieles bleibt ungewohnt. Die syrische Regierung hat sich um Afrin genauso wenig gekümmert, wie um die restlichen Kurdengebiete. Die Straßen sind dreckig und kaputt. Viele Häuser sind heruntergekommen, ihre Bewohner oft arbeitslos. Schlachter verkaufen hier ihre Waren auf dem Bürgersteig und wenn es regnet, bilden sich in den Straßen kleine Bäche.

"PKK ist genauso autoritär wie Assad"

Doch nicht nur die Äußerlichkeiten machen Salahadin zuweilen das Leben schwer: In den vergangenen Wochen kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen mit der Freien Syrischen Armee (FSA). Viele der vorwiegend arabischen Oppositionsmilizen werfen den Kurden vor, einen Deal mit Assad zu haben. Demzufolge beteilige sich die PYD im Gegenzug für ihre Autonomie nicht an den Kämpfen gegen das Regime. Gleichzeitig werfen viele den Kurden vor, sich von Syrien abspalten zu wollen. "Was will die Jeisch al-Hurr hier?", fragt Salahadin und verwendet den arabischen Namen der FSA. "Wenn die kommen, dann greift Assad auch hier an." Andernorts sei genau dies in den vergangenen Monaten passiert.

Doch nicht alle Menschen in Afrin sind glücklich mit der Machtübernahme der PYD. Zozan ist mit ihrer Familie kürzlich aus Aleppo nach Afrin geflohen. Auch hier fühlt sie sich nicht frei, denn obwohl sie Kurdin ist, misstraut sie Cheikh und seinen Gefolgsleuten. "Die Situation hier hat sich nicht verändert", sagt sie. "Jetzt beherrscht die PKK die Stadt. Die sind genauso autoritär wie Assad."

Die PYD und die PKK in Syrien und der Türkei arbeiten weitgehend unabhängig voneinander. Doch auch viele der syrischen Kurden sind Anhänger des in der Türkei inhaftierten Öcalan. Dieser soll mehrere Kritiker seiner eigenen Partei getötet haben lassen, auch in Syrien mehren sich Berichte, dass die PYD unliebsame Politiker töten lässt. "Das ist keine Demokratie hier", sagt Zozan. "Wir können immer noch nicht sagen, was wir wollen." In Afrin zumindest ist noch kein anderer Politiker ermordet worden.

"Ich will einfach nur, dass es hier ruhig bleibt. Für meine Frau, meine Kinder und die Kurden", sagt Salahadin. "Doch wenn die Jeisch al-hurr angreift, dann kämpfe ich." In seiner Stimme liegt Entschlossenheit. Es klingt, als spreche er über etwas, auf das er lange gewartet hat. "Er kämpft, ich haue ab", erwidert dagegen Namet. "Um mich ist es egal – aber die Kinder müssen ein Leben haben."