Die Euro-Krise gibt es nicht erst seit 2012, aber erst in diesem Jahr habe ich wiederholt aus deutschem Munde vormals tabuisierte Begriffe gehört wie "europäische Föderation", "die Vereinigten Staaten von Europa", und am wichtigsten: "deutsche Führungsrolle". Ich weiß noch, damals, in den Achtzigern, durfte man nie das Wort "Führer" benutzen, das klang zu sehr nach Drittem Reich. Heute ist Deutschland der Führer Europas, und keiner zuckt zusammen.

In früheren Jahren habe ich Freunde auf Cocktailparties immer wieder damit schockiert, wenn ich ihnen enthüllte, "Ihr Deutschen seid eines der reichsten und mächtigsten Länder der Welt, Nummer fünf neben Amerika, China, Japan und Indien auf der Liste der größten Wirtschaftsmächten der Welt."

Bis vor Kurzem hörte ich dann, "Ach, das kann nicht sein, Deutschland?" Seit diesem Jahr kann ich es nicht mehr bringen: Die haben es endlich kapiert.

Zurückfallen in Deutschtümelei

2012 gab es ein weiteres Phänomen, das mich schockiert hat: Zum ersten Mal habe ich das Wort "Supermacht" in Bezug auf Deutschland gehört. Das heißt, auch hierzulande wird langsam offensichtlich, was bisher nur in den Gängen von Brüssel (und Washington und Peking und London und Dubai und Zürich und Mumbai und Honolulu) geflüstert wurde: Europa ist auf dem Weg, neben den USA und vielleicht auch China, eine Supermacht zu werden, und Deutschland ist auf dem besten Wege, die Führungsrolle einer Supermacht zu übernehmen.

Das ist auch der Grund, warum so viele brave Bürger heute urplötzlich in Deutschtümelei zurückfallen und die Europa-Idee fürchten: Es bedeutet eine ungeheure Verantwortung und ein unberechenbares Risiko, also exakt jene beiden Dinge, die die Deutschen in den letzten 70 Jahren auf der internationalen Bühne gemieden haben wie die Pest.

In den 1980ern war es anders. Zumindest theoretisch. Jeder Friedensdemonstrant liebte diesen hübschen Spruch, "Wenn ein Vogel über Europa fliegt, sieht er keine Grenzen." Die Deutschen waren die Hippies Europas. Heute ist dieser Spruch ebenso verschwunden wie die Grenzkontrollen, und ich höre nur noch den Gegenpart, "ein 'Vereinigte Staaten von Europa' kann es nie geben, denn es sind zu viele verschiedene Kulturen, die sich nicht vereinigen lassen."

Es zeigt wohl, dass die Deutschen vor ihrer neuen Aufgabe, nun da sie in greifbare Nähe rückt, ordentlich Bammel haben. Und das ist gut so, denn es bedeutet, dass sie langsam verstehen, dass ein vereinigtes, vogeltaugliches Europa einen hohen Preis hat: Griechenland ist nur der Anfang. Deutschland wird in Zukunft auch für andere Länder aufkommen und bei anderen Katastrophen einspringen müssen. Der Weg zu Europa wird mit Desastern, Krisen und Reue gepflastert sein und untermalt von einem leisen, kontinuierlichen Geräusch irgendwo aus der Ferne: Peng! Platsch! Plopp! Das ist das Geräusch der unermüdlich platzenden Selbsttäuschungen.

Macht euch nichts draus. Denn erst, wenn es fest im Sattel der Vereinigten Staaten von Europa sitzt, wird Deutschland wieder richtig interessant.

Frohes Neues, kleine Supermacht. 2013 wird spannend!