Deutschlands RolleFrohes Neues, kleine Supermacht

Es ist etwas Bemerkenswertes geschehen im Jahr 2012: Deutschland hat erfahren, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen – Griechenland sei Dank. von 

Mein persönlicher Jahresrückblick ist erschreckend langweilig. Ich gucke auf die Geschichte Amerikas in 2012 und muss zugeben: Es ist nichts passiert.

Gut, da war dieser Hurrikan, der New York City heimgesucht hat. Aber mit Katrina konnte er doch nicht wirklich konkurrieren. Dann der Wahlkampf, in dem Präsident Obama sich gegen einen von der Tea Party unterstützten Mormonen durchsetzen musste. Was da alles gesagt und behauptet wurde, habe ich schon jetzt vergessen. Dann die Fiskalklippe: Zum Jahresende lieferten sich Republikaner und Demokraten einen Kleinkrieg in der Debatte um den US-Haushalt und nahmen dabei das ganze Land als Geisel. Manche nennen das erschreckend, ich nenne das Alltag in Washington.

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Da bin ich ein wenig eifersüchtig auf die Deutschen. Hier ist was los. In 100 Jahren werden die Kinder in der Schule über das Jahr 2012 nichts über Sandy, Mitt Romney oder die Haushaltsdebatte erfahren. Dafür wird jedes Schulkind abgefragt werden: "In welchem Jahr wurde den Deutschen bewusst, dass sie eine Supermacht sind, und warum?"

Das Beste seit dem Mauerfall

Ich weiß es! Ich! Ich! Das Jahr war 2012 und das "Warum" war die Griechenland-Krise.

Im Rückblick war diese Krise das Beste, was den Deutschen seit dem Mauerfall, ach was, seit Kriegsende passieren konnte. Besser als die WM von 2006.

Eric T. Hansen

Eric T. Hansen ist Amerikaner, Buchautor (Planet Germany) und Satiriker, der sein halbes Leben in Deutschland lebte, heute in Berlin. Sein aktuelles Buch ist Die ängstliche Supermacht: Warum Deutschland endlich erwachsen werden muss. Auf ZEIT ONLINE erklärt er einmal in der Woche die Eigenheiten seiner Heimat – und der Deutschen.

Die Griechenland-Krise erzieht Deutschland zu einem erwachsenen, verantwortungsbewussten Land. Erst jetzt wird diesen Typen klar, dass sie keine Wahl haben, als sich international zu engagieren. Bis jetzt war die mutigste Initiative der Deutschen in Sachen internationale Politik eine Enthaltung im UN-Sicherheitsrat.

Das bedeutet aber auch, dass sie künftig die Verantwortung tragen werden, wenn die Dinge schiefgehen. In ein paar Jahren werden wir wissen, ob Merkels Sparplan für Griechenland geholfen oder das Land endgültig ruiniert hat. Sich derart risikoreich und selbstbereichernd in die Wirtschaft einer anderen souveränen Nation einzubringen ist Imperialismus pur, sagen zumindest die Griechen, und sie haben Recht. Ich sage: Es wurde höchste Zeit, das einmal auszusprechen, wenn man es schon tut.

Irgendwas geht immer schief

Endet es als Katastrophe, werden die Deutschen erkennen, was die Amis schon lange verstehen: Egal, was man tut, irgendwas wird immer schiefgehen, und trotzdem muss man etwas tun.

Die Griechenland-Krise zeigt den Deutschen endlich auch, wo es in Zukunft lang geht: Bald gibt es keine deutsche Nation mehr, sondern nur noch einen deutschen Teil von Europa. Ja, Sarrazin hatte Recht, Deutschland schafft sich ab, aber nicht, weil es von anderen überrollt wird, sondern, weil es alle anderen überrollt. Denn wer zahlt, der hat das Sagen.

Leserkommentare
  1. "Die Griechenland-Krise erzieht Deutschland zu einem erwachsenen, verantwortungsbewussten Land. Erst jetzt wird diesen Typen klar, dass sie keine Wahl haben, als sich international zu engagieren."

    Na ja, Herr Hansen, schön wäre es. Die meisten Mitforisten scheinen aber anderer Meinung zu sein. Ein gerade mal 11 Millionen Einwohner Land in einer globalisierten Welt von über 7 Milliarden (!) Einwohnern macht den meisten Deutschen noch zu schaffen. Das kleinkarierte Denken ist noch zu stark, als dass man von Verantwortung und dessen Übernahme sprechen könnte. Lokal über global. In der Wirtschaft sieht's eher umgekehrt aus.

    • H.v.T.
    • 01. Januar 2013 18:19 Uhr

    Absolute Zustimmung, bravo !

    Antwort auf "Europäer III"
    • Allora
    • 01. Januar 2013 18:21 Uhr

    ... solange sind wir die "kleine Supermacht", obwohl wir von Herzen gern viel lieber eine große Schweiz sein würden!

    2 Leserempfehlungen
  2. Die Analyse ist insgesamt zutreffend. Deutschland schafft ein deutsches Europa, indem es alle anderen überrollt. Es bereichert sich über Exportüberschüsse und günstige Zinsen, diktiert den anderen Ländern durch wirtschaftliche Übermacht die Bedingungen eines künftigen Europas. So wie es schon Ulrich Beck formuliert hat: "Brutaler Neoliberalismus nach außen, sozialdemokratisch getönter Konsens nach innen - das ist die Erfolgsformel, mit der 'Merkiavelli' ihre Machtposition und die des deutschen Europa immer weiter ausgebaut hat." ("Das deutsche Europa. Neue Machtlandschaften im Zeichen der Krise"). Aus deutscher Sicht sind dies sicherlich positive Gedanken zum Thema Europa. Die anderen europäischen Länder dürften zu einer anderen Sichtweise neigen.

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    • Amparos
    • 01. Januar 2013 18:31 Uhr

    Herrlicher Artikel von Herr Beck.

    http://www.spiegel.de/spi...

    • Amparos
    • 01. Januar 2013 18:25 Uhr

    "Wollen sie die EU wirklich auflösen, diesen Vorsprung zunichte
    machen und dann versuchen gegen China, Indien und Indonesien direkt antreten?"

    Neben den Frieden erhalten, müssten doch die meisten mittlerweile wissen, das die Punkte die Sie geschrieben wie Wohlstand, Bildung, Infrastruktur nicht im Alleingang zu halten sind.

    Aber nehmen wir mal die Ländern. China hat uns bereits überholt, auch wenn wir Europa heißen. Dieses Land wird in kurzer Zeit die beste Infrastruktur Bildung,Wohlstand haben.

    In Indien wird es zunehmend Schwierigkeiten aufgrund der Inakzeptanz des Kastensystems in der indischen Gesellschaft geben. Ich denke es könnte vielleicht auch Bürgerkrieg oder einzelne Kriegsherde auftreten. Indonesien und Maylaysia sind enorm aufstrebende Nationen. Und nicht zu vergessen Brasilien. Sobald dieses im Land die verarbeitende Industrie verankern können, werden sie uns auch überholt haben. Nicht zu vergessen einzelne Länder in Afrika.

    Selbst wenn wir uns in Europa einig sind, haben wir wohl schon einiges an wichtigen Änderungen und Absprachen verschlafen ggü. den aufstrebenden Ländern.

    Antwort auf "Europäer III"
    • Amparos
    • 01. Januar 2013 18:31 Uhr

    Herrlicher Artikel von Herr Beck.

    http://www.spiegel.de/spi...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • th
    • 01. Januar 2013 18:46 Uhr

    blendet aber das wesentliche aus:

    die Rolle der Währungsunion bei diesem Desaster. Die Krise ist keine Europa-Krise, oder EU-Krise, sondern eine Krise des EURO-Raums, wo man aus purem Idealismus und in grenzenloser Überschätzung der wirtschaftspolitischen Möglichkeiten Länder wie Griechenland und Zypern einerseits, und Finnland und Estland andererseits in ein gemeinsames Joch gespannt hat, um den EU-Karren zu ziehen. Und in der Mitte das Super-Pferd (welches auch schon ein wenig lahmt, aber im Vergleich ...) Deutschland.

    Die Starrheit dieser Konstruktion erzwingt doch erst die ganzen "Rettungs"-Maßnahmen, unter normalen Umständen - d.h. mit nationaler Souveränität über die nationale Währung - würden die meisten der Krisenländer mit Abwertung bzw. Deutschland mit Aufwertung mehr oder weniger gut über die Runden kommen: die Probleme beruhen doch nicht auf der Böswilligkeit einer antieuropäischen Verschwörung von Spekulanten, sondern auf der unterschiedlichen wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der beteiligten Partner. Diese kann sich nicht mehr in gegenseitigen Wechselkursen abbilden, sondern erzeugt jede Menge finanzieller Spannungen im EURO-Raum, die durch immer waghalsigere Konstruktionen bekämpft werden müssen.

    Anstatt mehr Flexibilität ins System zu bringen, schnürt man den Ländern mit immer starreren Regelungen die Luft ab.

    Ergebnis:
    Die einen sollen zahlen, dafür wollen sie dann bei den anderen hineinregieren.

    Ein sicheres Rezept für dauernden Unfrieden.

  3. und weidet sich wohl jedesmal aufs Neue, wenn er die bierernsten Foristenbeiträge dazu liest, die vermutlich nur seine augenzwinkernden Klischee bestätigen:

    Deutscher Humor ist,
    wenn man
    trotzdem nicht lacht.

    Anmerkung:
    Aber dafür wird wird die "kleine Supermacht" auch nicht schadenfroh über arme "große Supermacht" lachen, weil die in 2013 vor dem größten GAU ihrer Wirtschafts- und Finanzgeschichte steht.

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  4. Sie schreiben mir aus der Seele.

    Ich habe die letzen Wochen genutzt, und ir viele Zahlen vom statistischen Bundesamt angesehen, verglichen und Schlüsse gezogen.
    Die Frage in meiner Tageszeitung war, ab die NeoArmut in Deutschland politisch gewollt war oder nur ein versehen ist oder "alternativlos" (von Gott gewollt) wie unsre Kanzlerin meint.

    Das deutsche Volk wurde seit Schröder/Fischer gezielt verdummt. Mit Sprüchen wie: "Der Standort Deutschland ist gefährdet" oder "die LOhnnebenkosten sind zu hoch", "sozial ist was Arbeit schafft" (Mein absoluter "Lieblingsspruch"),
    Wurden die Löhne nachhaltig gesenkt, die Rentenkassen ausgehebelt, Der Schutz vor Arbeitslosigkeit faktisch abgeschafft, usw.

    Zur Zeit arbeiten alle, auch die Medien, an der Verbreitung der Lüge: "wir können wegen der Überalterung keine aureichenden Renten mehr bezahlen!"
    Es ist bewiesen, daß ein umlagefinaziertes Rentensystem sicherer ist als ein Kapitalfinanziertes.

    Altersruktur: Die Menschen im erwerbsfähigen Alter (20-63 Jahre alt) waren
    1970 = 53 % 2010 = 55 % 2040 geschätzt = 47 %
    Diese Gruppe mußte 1970 32 Prozent = 1-20 Jahre ünterstützen, 2040 werden das nur noch 16 Prozent sein. Dafür haben wir 18-20% Prozent mehr Alte über 63 Jahre.

    Würden nicht Millionen von Arbeitnehmern im Sklavenlonsektor arbeiten müssen, dann wäre die Rente sicher. Das wird abgetritten, selbst wenn das statistische Bundesamt diese Zahlen veröffentlicht.

    Die Neoarmut ist Ergebnis der sogenannten Neoliberalen Politik.

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