Was steht für uns Europäer auf dem Spiel? Auch wenn die USA vorerst dem Nahen und Mittleren Osten nicht den Rücken kehren werden: Europa muss sich darauf einstellen, dass Amerika von seinen europäischen Verbündeten mehr Engagement rund um das Mittelmeer einfordern wird. Euro-Krise hin oder her: Die EU wird über kurz oder lang als sicherheitspolitischer Akteur an Statur gewinnen müssen, auch um in ihrer südlichen und südöstlichen Nachbarschaft Aufgaben der nach Asien schwenkenden USA übernehmen zu können.

Ebenso wichtig aber ist in Zeiten äußerster Ressourcenknappheit auf beiden Seiten des Atlantiks und immer enger werdender Handlungsspielräume des Westens in Nahost, über eine möglichst wirkungsvolle Bündelung der begrenzten Mittel nachzudenken. Ausgerechnet die oft als zu zögerlich, widersprüchlich und unzureichend gescholtene Reaktion des Westens auf die Arabische Revolution gibt hier Anlass zu verhaltenem Optimismus. Denn bei der konkreten Unterstützung arabischer Transformationsstaaten lassen sich durchaus positive Beispiele transatlantischer Koordination finden. Etwa die Deauville-Partnerschaft der G8, die enge Abstimmung zwischen dem EU-Sonderbeauftragten für das südliche Mittelmeer und dem "US Office for Middle East Transition" oder das gemeinsam erweiterte Mandat der "European Bank for Reconstruction and Development" auf die südlichen Mittelmeeranrainer.

Wer nun aber den großen transatlantischen Wurf in Form einer gemeinsamen Strategie des Westens für Nahost fordert, den wird die realpolitische Wirklichkeit schnell einholen. Denn erst wenn die EU ihre außenpolitische Kleinstaaterei überwunden hat, kann sie ernstzunehmender Partner für eine Strategiediskussion mit den USA sein.