Die Chefin der demokratischen Minderheit im Kongress, Nancy Pelosi, forderte unterdessen, auch die Legislative müsse handeln. Und die kalifornische Senatorin Dianne Feinstein will sich dafür einsetzen, das 2004 ausgelaufene Verbot von Sturmgewehren wieder einzuführen. Kaum machte diese Neuigkeit die Runde, setzte ein Ansturm auf Waffen ein; Amerikaner kauften ganze Waffenregale in den Läden leer. Die NRA gewann in den vergangenen Wochen 100.000 neue Mitglieder.

Der Kulturkampf wird also fortgesetzt. Marion Hammer, die frühere Vorsitzende der NRA, sagte, Waffen aufgrund ihres Aussehens zu verbieten sei Rassismus, so als ob Menschen aufgrund ihres Aussehens diskriminiert würden. Und das ist noch harmlos: James Tracy, ein Journalismusprofessor an der Florida Atlantic University behauptete in seinem Blog, das Sandy-Massaker sei gar nicht passiert, es sei bloß eine Verschwörung der Obama-Regierung, um Amerikanern die Waffen wegzunehmen. Der Beweis: Die Zeitungen hätten keine Fotos von Kinderleichen gedruckt.

Derweil werden andere Waffennarren konkret: Kurz nach der Amoklauf von Newtown annoncierte eine "Survival Community" in Idaho, eine Hochburg der Rechtsradikalen, man wolle eine befestigte Zitadelle für "freiheitssuchende Patrioten" in den Bergen bauen, ohne Steuern und ohne Waffenkontrolle.

Zwischen Hitler und den Vätern der Verfassung

Eine der liebsten Verschwörungstheorien der Waffenlobby ist, dass Hitler an die Macht kam, weil "die Deutschen" von "den Nazis" entwaffnet wurden. Tatsächlich hatten die Nazis viel Ähnlichkeit mit den schlimmsten amerikanischen Waffennarren: Bei beiden handelt es sich um eine Volksbewegung antikommunistischer, bewaffneter, ausländerfeindlicher Rechter, zumeist weiße junge Männer, die gern glauben, die Welt werde von einer Verschwörung jüdischer Banker kontrolliert. Der Nazi-Vergleich ist für die Waffennarren ein absolutes Totschlagargument, wie John Stewart in der Daily Show süffisant zusammenfasste: "Das heißt also, wir können nichts gegen unsere heutigen Probleme unternehmen, weil ihr euch um den Aufstieg eines imaginären Hitlers sorgt."

Die Waffenbefürworter berufen sich auf das Second Amendment, den zweiten Verfassungszusatz, der eine "wohlregulierte Miliz" vorsieht. Damit meinten die Verfassungsväter allerdings eine Art Nationalgarde, die das Militär beim Kampf gegen eine ausländische Invasionsmacht unterstützt, keine private Bürgerwehr gegen Washington.

Aber die meisten Waffennarren wollen auch gar nicht gegen staatliche Tyrannei antreten; die Radikalen sind die Ausnahme. Die meisten verstehen sich eher als Hilfspolizisten der bestehenden Ordnung, da die eigentliche Polizei ihrer Ansicht nach nicht entschieden genug gegen Kriminelle vorgeht.

Die Angst vor dem schwarzen Mann

Letztlich steckt hinter der Waffen-Vernarrtheit etwas ganz anderes als die Furcht vor Uncle Sam: Es ist die Angst der Weißen vor dem schwarzen Mann, sei es vor einer neuen Black Panther-Bewegung – vor der Fox News ständig warnt – oder auch vor schwarzen Kriminellen. Tatsächlich galt das Recht auf Waffenbesitz in den USA lange Zeit nur für Weiße. Sklaven war das Tragen von Waffen natürlich verboten, und nach dem Bürgerkrieg erließen die Südstaaten Gesetze, sogenannte "Black Codes", die Afro-Amerikanern das Waffentragen untersagten und noch bis hinein in die vierziger Jahre galten. Auch Indianer durften in Wild-West-Staaten wie New Mexico bis 1945 keine Waffen tragen (und nicht wählen).

Gleichwohl gab es die meisten Aufstände gegen die Staatsgewalt in den Schwarzenvierteln von Detroit, Newark und zuletzt in South Central L.A., wo 1992 ganze Straßenzüge abbrannten. In keinem dieser Fälle hat die NRA gefordert, die Schwarzen müssten eben mehr Waffen haben, um sich zu verteidigen. Auch vergangenes Jahr, als George Zimmerman, ein Weißer aus Florida, einen 17-jährigen schwarzen Jungen namens Trayvon Martin erschoss, blieb die Waffenlobby bemerkenswert still. Niemand wünschte sich öffentlich, Martin habe eine Waffe getragen.