USAKulturkampf gegen Amerikas Waffennarren

Schrill und uneinsichtig wehren sich US-Waffenfans gegen härtere Gesetze. Doch nach den jüngsten Amokläufen wollen ihre Gegner nicht lockerlassen. von 

Waffenmesse im US-Bundesstaat Connecticut

Waffenmesse im US-Bundesstaat Connecticut  |  © Timothy A. Clary/AFP/Getty Images

Alex Jones sieht aus, als wolle er gleich explodieren. "1776 wird wieder passieren, wenn ihr unsere Waffen nehmt!", schreit er Piers Morgan an. Es ist eine Referenz an die amerikanische Revolution gegen die Briten, denn Morgan ist ein CNN-Moderator, der sich zum Anführer der Anti-Gewehr-Lobby ernannt hat. Und ein Brite. Daraufhin hatte Jones eine Petition initiiert, Morgan abzuschieben, und der lud nun den Radiotalker ein.

Im Studio schrie Jones 15 Minuten am Stück: Morgan sei der Henker der Neuen Weltordnung. Und: Nicht Gewehre seien an den Massakern in Newtown oder Aurora schuld, sondern "Massenselbstmordpillen", die die US-Regierung verteile. Damit nicht genug: Nach der Sendung beschwerte sich Jones, das CNN-Studio sehe aus wie "Hitlers Bunker", und die New Yorker Polizei sei ihm gefolgt. Oder die Mafia.

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Seit dem Massenmord an der Grundschule von Newtown ist der Ton in Amerika schriller geworden. Nicht nur die Waffenfans werden immer militanter, auch die Waffengegner lassen diesmal nicht locker. Zuletzt veröffentlichte die New Yorker Klatschsite Gawker eine Liste aller "Arschlöcher, die in New York Waffen besitzen" (inzwischen leicht entschärft). Darunter sind auch Medienleute, die für die Waffenlobby trommeln, wie Roger Ailes und Sean Hannity vom rechtskonservativen Sender Fox News und auch Donald Trump.

Obama will Ernst machen

Nun bewegt sich auch das Weiße Haus. Präsident Barack Obama hat eine "Federal Task Force" angekündigt. Er will eine "Executive Order" für mehr Waffenkontrolle erlassen; soweit dies möglich sei, auch ohne den Kongress. Denn in der Legislative haben die Republikaner die Mehrheit, zudem gibt es Demokraten, die Angst vor der Waffenlobby NRA haben, der National Rifle Association.

Bis Dienstag sollen Vorschläge auf dem Tisch liegen. Der US-Präsident ist relativ autonom, was Gesetze angeht, solange damit keine Budgetierung verbunden ist. Nachgedacht wird etwa über ein Verbot halbautomatischer Sturmgewehre – wie es bis 2004 galt –, eine Beschränkung der zulässigen Patronenzahl in Magazinen und eine gründlichere Prüfung, wer überhaupt Waffen erwerben darf, beispielsweise ehemals psychisch Kranke. Das soll auch auf Waffenverkaufsmessen ausgedehnt werden. Und wer beim Waffenkauf eine Vorstrafe verschweigt, soll künftig strenger bestraft werden.

Waffenlobby nimmt sich den Kongress vor

Vizepräsident Joe Biden und Generalstaatsanwalt Eric Holder hatten sich am Donnerstag mit Vertretern der NRA getroffen, auch mit Waffengegnern wie der "Brady Campaign to End Gun Violence" und "Mayors Against Illegal Guns". Ein Gesandter des New Yorker Bürgermeisters Michael Bloomberg war dabei, unter den Politikern der schärfste Befürworter von Waffenkontrollen. Bloomberg konnte sich kürzlich rühmen, dass New York im vergangenen Jahr die niedrigste Mordrate seit Beginn der Statistik hatte. Dazu kamen Manager der Kaufhauskette Wal Mart, die Millionen von Waffen an Privatpersonen verkauft, und Vertreter der Entertainmentindustrie.

Die NRA-Leute waren danach allerdings enttäuscht. Die Task Force habe sich hauptsächlich damit beschäftigt, Restriktionen gegen gesetzestreue, ehrliche, Steuern zahlende und hart arbeitende Amerikaner zu debattieren, statt über Gewalt in Hollywoodfilmen oder über Sicherheitsmaßnahmen an Schulen zu sprechen, hieß es in einem NRA-Statement. Die NRA – die einflussreichste Lobby in den USA mit einem Jahresbudget von 300 Millionen Dollar – will nun Druck auf den Kongress ausüben.

Leserkommentare
  1. ...irgendwo im mittleren Westen eine Farm hätte, hätte ich vermutlich auch ein Gewehr, weil ich es brauche - um damit im Zweifelsfall einen tollwütigen Coyoten oder einen kranken Gaul erschießen zu können. Die Vorstellung sich mit einer Schußwaffe zu verteidigen, wenn man 10 Meilen vom nächsten Nachbarn entfernt wohnt ist allerdings ziemlich absurd. Gegen wen denn? Den Steuerinspektor von der IRS?! Den Freund der minderjährigen Tochter?!?

    Bei einem Überfall von mehreren bewaffneten Einbrechern wird man nämlich in aller Regel den Kürzeren ziehen.

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    • KBV
    • 12. Januar 2013 2:10 Uhr

    Wieviele Fälle von bewaffneter Verteidigung gegen mehrere Einbrecher kennen Sie denn, dass Sie daraus sogar eine Regel ableiten können?
    Und was ist dann besser?
    Gar keine Waffe?
    Da freut sich jeder Ganove!

  2. Redaktion

    Die Waffenverliebtheit vieler Amerikaner hat wenig mit Aufmüpfigkeit gegen die Obrigkeit zu tun, das erzählen die gerne, aber wenn Sie ein NRA-Mitglied fragen, ob er es gut findet, dass ein mexikanischer Einwanderer auf einen Sheriff schießt ... eher nicht. Letztlich geht es um ungelöste ethnische Konflikte. Die Abneigung dieser Leute richtet sich gegen das Federal Government, weil das in der Regel die Interessen von Afro-Amerikanern und Einwanderern gegen alteingesessene Weiße durchsetzt. Deswegen macht es auch keinen Sinn, das mit Deutschland zu vergleichen.

    Ich war mal in einem Kaff in Nevada namens Rachel, nahe einem militärischen Sperrgebiet, in einer Bar, und kam mit ein paar Leuten ins Gespräch, alles stolze Waffenbesitzer, und gesprächsbereit. Einer meinte, ich müsse das verstehen, dass sie Waffen bräuchten; hier draußen, wenn etwas passiere, das dauere Stunden, bis der Sheriff kommt, außerdem gebe es hier Berglöwen. Daraufhin ich: Klar, aber ich komme aus New York City, wenn es da freien Zugang zu Waffen gäbe, würden sich die schwarzen und puertoricanischen Gangs bis an die Zähne bewaffnen und wir Weißen, insbesondere wir Frauen, guckten dumm aus der Wäsche. Das verstand er sofort.

    Ich fragte dann noch, ob es sie als erklärte Gegner des Federal Government nicht stört, direkt an einem militärischen Sperrgebiet zu wohnen, wo noch nicht mal Handys funktionieren, aber die meinten, sie seien Republikaner, und die seien pro-Militär.

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  3. als souveräner europäischer Rechtsstaat. Dies scheinen manche gerne übersehen oder einfach nicht ernstnehmen zu wollen.

    Die Schweiz ist nicht die EU - die Schweizer Bürger BESITZEN laut unserem geltenden Recht eine ARMEEWAFFE ZU HAUSE.

    Das geltende Recht unseres souveränen Rechtsstaates kann in der offiziellen Administration unserer Regierung hier studiert werden:

    http://www.lba.admin.ch/internet/lba/de/home/themen/pers0.html

    Die historische Erfahrung hat die Schweizer/innen gelehrt, dass die Armeewaffe am Mann / an der Frau BLEIBT.

    UND DAS IST GUT SO.

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    • Moika
    • 11. Januar 2013 19:11 Uhr

    Sicher - das Aufrüsten gegen den Nachbarn können Sie als Metapher ansehen. Trotzdem ist man ziemlich nah an diesem Thema dran, denn das Mißtrauen gegen den Anderen wächst. Vielleicht noch nicht so sehr unter den weißen Amerikanern, aber wir wissen ja auch, daß die in wenigen Jahren die Minderheit der Einwohner bilden werden. Die beginnen nämlich schon seit längerem um ihre Pfründe zu fürchten.

    Sehen Sie sich die Absetzbewegungen vieler reicher Amerikaner ins Ausland nach Obamas Wiederwahl an. Die Rückgabe ihrer Pässe ist auch an viele andere ein Signal, sich "erweiterte" Gedanken über die Zukunft zu machen. Diese Menschen haben die Möglichkeiten des Landes gnadenlos ausgenutzt, um ihren Reichtum enorm zu vermehren. Und nun drehen sie ihrem "Wohltäter" den Rücken zu und lassen ihn im Regen stehen - das wird Auswirkungen - und später eine ziemliche Sogwirkung haben.

    Sie erinnern sich an den größten Werbegag der Superreichen vor 4 Jahren, als das Groß der Milliardäre 90 Prozent ihres Vermögens in eine Stiftung für die Allgemeinheit einbringen wollte? Was ist davon geblieben? Mittlerweile haben die ihre Vermögen so umgeschichtet, daß der weitaus größte Teil den USA entzogen wurde. Andere werden folgen, das Land wird gesellschaftlich vollends erodieren.

    Das ist das amerikanische Kapital-System: Nehmen ist seliger denn geben. Was bleiben wir, werden Sie sich selbst ausmalen können. Das Schlimmste dabei ist, daß dieser Prozeß kaum noch aufzuhalten ist.

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  4. Bei der Bundeswehr standen Sie unter Aufsicht und Kontrolle. Ihnen wurden Waffe und Munition ausgegeben, Sie mussten sie nach dem Schießen wieder abgeben. Ob Sie damit wirklich verantwortungsvoll umgehen können, ist also damit noch nicht gesagt. Trauen Sie es sich zu oder nicht?

    Für Sie gibt es keinen Grund, eine Schußwaffe zu besitzen, das ist zu akzeptieren. Für andere, z.B. Sportschützen, Jäger oder auch nur Bürger mit einem anderen Sicherheitsbedürfnis gibt es solche Gründe. Wollen Sie aufgrund Ihrer Grundlosigkeit andere Gründe nicht gelten lassen?

    Es gibt Menschen, die aus sportlichen, jagdlichen oder Sicherheitsgründen eine Waffe besitzen wollen. Sie sind bereit, sich überprüfen zu lassen, ihre Waffe anzumelden und die Sachkunde darüber nachzuweisen. Es ist daran nichts Verwerfliches. Ich will zur sportlichen Ausübung Waffen besitzen und ich halte es für legitim, auch aus Sicherheitsgründen eine Waffe zu besitzen.
    Warum wollen Sie das anderen verbieten?

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    • mat123
    • 11. Januar 2013 19:37 Uhr

    ...gibt es durchaus. Bei nüchterner Betrachtung sieht die Argumentation für eine restriktivere Waffenpolitik etwa so aus:

    Keine Institution der Welt kann zuverlässig zwischen den guten Menschen einerseits und den anderen (krank oder böse) unterscheiden. Will man den Handlungsspielraum der letzteren einschränken, so geht dies zwangsweise auch mit Restriktionen der erstgenannten einher (wohlgemerkt: Restriktion, NICHT "Strafe" oder "Hetze").

    Also muss man eine Abwägung vornehmen. Und zu dieser Abwägung gehört auch eine realistische Einschätzung, inwiefern Waffen tatsächlich dabei helfen, Verbrechen zu vermeiden. Sicherlich, Waffen führen zu einer gewisse Abschreckung "kleiner" Verbrecher. Aber Tötungsdelikte werden normalerweise nicht durch die bewaffnete Zivilbevölkerung verhindert, schon gar nicht Amokläufer mit kugelsicherer Weste.

    Mein nüchternes Urteil: Waffenbesitzer sind größtenteils ehrenwerte Leute, aber trotzdem muss man Gesetze erlassen, durch die sie in ihrer Freiheit eingeschränkt werden.

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    Antwort auf "Es ist unmöglich"
  5. Diejenigen, die meinen, mit dem Verbot des legalen Waffenbesitzes eine sicherere Welt zu schaffen blendenmeines Erachtens völlig aus, dass diese legalen Waffen nicht das Problem, gar die Gefahr sind, sondern dass es vor allem die illegalen Waffen sind, von denen die Schätzungen sagen, dass sie viel zahlreicher in unserem Land vorhanden sind als legale Waffen, die zur Bedrohung für die Gesellschaft werden können. Es fehlt mir außerdem an der ausgewogenen Verhältnismäßigkeit in den Vergleichen. Die USA sind hier vielleicht ein Extrem der einen Seite, Deutschland scheint aber zum Extrem der anderen Seite zu werden.

    Warum soll ein unbescholtener Bürger, der seine Sachkundigkeit nachgewiesen hat denn keine Waffe besitzen dürfen? Es hat ja keiner amerikanische Verhältnisse für Deutschland verlangt, aber es sollten auch keine Restriktionen wie in Diktaturen sein. Überhaupt reicht ein Blick zu unseren Nachbarn in die Schweiz oder auch nach Österreich, um zu erkennen, dass es durchaus liberaler zu handhaben ist. Mir scheint derzeit eine gewisse Verbotshysterie sich hierzulande breit zu machen, die mit den Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaates schwer zu vereinbaren sein dürfte und jede Verhältnismäßigkeit aus dem Auge verliert.

    Wie gesagt, es würden bei einer Zulassungsbeschränkung für KFZ auf max. 130 Km/h erheblich mehr Leben gerettet, als mit einem Totalverbot für Waffen. In England hat dies sogar zu einem Anstieg bewaffnter Straftaten geführt.

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    • mat123
    • 11. Januar 2013 20:16 Uhr

    Manch illegaler Amoklauf wurde mit einer vormals legalen Waffe durchgeführt.

    Zu dieser Erkenntnis kann man durchaus auch mit "nüchterner Sachlichkeit" gelangen.

    • mat123
    • 11. Januar 2013 20:19 Uhr

    steht außerdem gar nicht zur Debatte in den USA. Nur kleine Einschränkungen, und bereits die wollen viele Waffenliebhaber nicht akzeptieren.

  6. So viele hier, die das Recht auf privaten Waffenbesitz damit begründen wollen, dass man sich gegen eine mögliche Diktatur schützen können wolle.

    Kann es sein, dass Hollywood schon ganze Arbeit geleistet hat und durchaus schlüssig argumentierende Mitbürger ernsthaft glauben, allein oder in der Gruppe mit ein paar Gewehren in der Hand mal eben den "Sicherheitskräften" eines normalen Erste-Welt-Staats Paroli bieten zu können, wenn dieser es ernst meint?

    Weiter oben wurde eine Studie zitiert, nach der in Brasilien die Überlebenschance einer bewaffneten Privatperson gegen einen ebenfalls bewaffneten Kriminellen bei ca. 10% liegt.
    Das würde im Kampf Privatmiliz gegen Armee, Polizei, Geheimdienste, KSK etc. eher noch schlechter aussehen.

    Wer eine Diktatur verhindern will, muss anderswo ansetzen - mit Köpfchen statt Knarre und viel früher. Mut braucht man in beiden Fällen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte USA | Barack Obama | Trayvon Martin | Fox | Donald Trump | Joe Biden
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