Präsidentschaftswahlen : Tschechien wählt den Provinzialismus

Miloš Zeman gilt als provinziell und traditionell. Mit seiner Wahl zum Präsidenten vergibt Tschechien die Chance auf einen politischen Stilwechsel. Von J. Schevardo
Der neue Präsident Milos Zeman am Abend der Wahl auf einem Fernsehbildschirm vor dem Prager Schloss © REUTERS/Petr Josek

Ein Gewinner der Präsidentschaftswahl in der Tschechischen Republik stand schon vor der zweiten Runde fest: die EU. Denn dass der zukünftige Präsident der politischen Integration in Europa positiver gegenüberstünde als Václav Klaus, war klar, egal welcher der beiden Kandidaten sich im Finale durchsetzen würde. Damit enden aber schon die Gemeinsamkeiten zwischen dem linken Querdenker Miloš Zeman und dem konservativen Fürst Karel Schwarzenberg. So eindeutig sie sich im Wahlkampf voneinander abgrenzten, so groß sind die Unterschiede zwischen ihren Wählern.

Die Differenzen sind mit den klassischen politischen Lagerbezeichnungen rechts und links nicht zu fassen. Sie resultieren eher aus zwei verschiedenen Lebenswelten, die die Tschechische Republik prägen. Insofern war die Wahl auch eine Abstimmung darüber, welches Selbstbild bei den Tschechinnen und Tschechen heute überwiegt und welche Vision sie für die Zukunft haben.

Gewonnen hat Miloš Zeman. Er ist eine der prägnantesten Figuren der neunziger und frühen nuller Jahre in der Tschechischen Republik. Er, der zunächst sozialdemokratischer Premierminister und Parlamentspräsident war, agierte stets kalt pragmatisch, populistisch und poltrig. Doch obgleich er vielfach in Korruptionsskandale verwickelt war, hat er es geschafft, seit der Gründung seiner eigenen Partei, der Partei der Bürgerrechte, ideologisch an Profil zu gewinnen. Er gilt heute als ein glaubwürdiger Kritiker des politischen Establishments, der sich für stärkere Partizipationsmöglichkeiten einsetzt.

Provinz gegen Großstadt

Zeman gewann die Unterstützung der überwiegend ländlichen und älteren, sozial schwächeren Bevölkerungsgruppen. Weil er seinen Provinzialismus offensiv zum politischen Programm machte, hat er Teilen der tschechischen Bevölkerung Selbstbewusstsein gegeben. Denn viele Bewohner des, wie sie selbst immer wieder betonen, "kleinen Landes" fühlen sich angesichts von Globalisierung und Individualisierung unbehaglich. Zeman gibt ihnen das Gefühl, dass das auch in Ordnung ist.

Sein Kontrahent in der Stichwahl, Außenminister Karel Schwarzenberg, tritt eher feinsinnig und selbstironisch auf. Er fand seine Unterstützer wesentlich bei den jungen, urbanen Eliten, Studenten und Künstlern, die sich weltoffen und ambitioniert geben. Sie erhofften sich von Schwarzenberg frischen Wind und einen neuen Stil in der Politik.

Jennifer Schevardo

ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Transformationsprozesse in Tschechien und der Slowakei sowie die deutsch-tschechische Beziehungen.

Der Kampf um das Präsidentenamt spitzte sich in den vergangenen Tagen deutlich zu. Anlass waren nicht etwa brennende Fragen der Gegenwart oder gar der Zukunft, sondern historische Aspekte. Es ging um die Vertreibung der Deutschen, die Schwarzenberg in einem Fernsehduell mit Zeman scharf kritisiert hatte. Daraufhin sah er sich zahlreichen Anfeindungen und Unterstellungen ausgesetzt. Zwar kamen diese nicht alle aus der direkten Umgebung Zemans, aber auch dieser verstand es, Schwarzenberg als zu freundlich gegenüber den Sudetendeutschen darzustellen.

Damit aktivierte er in der Bevölkerung bereits vorhandene Zweifel an Schwarzenbergs grundsätzlicher Eignung für das Präsidentenamt. Kann jemand, der 50 Jahre lang im Ausland gelebt hat, die tschechischen Bürgerinnen und Bürger vertreten?

Zeman muss die jungen Tschechen einbinden

Die stellenweise höchst aggressiv geführte Debatte um den Außenminister wird in den deutschen Medien mit Befremden diskutiert. Doch es wäre falsch, sie als eine erneut erwachende antideutsche Stimmung im Land, die zu einer Verschlechterung der bilateralen Beziehungen führen könnte, zu deuten. Denn die Debatte hat mit den Beziehungen zu Deutschland nichts zu tun; es handelt sich um einen internen tschechischen Streit. Hier kämpfen vor allem ältere und weniger gebildete Menschen darum, an nationalen Narrativen festzuhalten – in dem Fall ist es die historische Opfer-Erzählung der Tschechen – die dabei helfen, Neues und von außen Kommendes abzuwehren. Dieser Mechanismus ist Teil des bereits beschriebenen bequemen Provinzialismus.

Karel Schwarzenberg hat Zeman im Wahlkampf als Mann der Vergangenheit bezeichnet. Ob der 75-jährige Adelige eher die Gegenwart repräsentiert oder gar die Zukunft, sei dahingestellt. Sicher aber hätte er eine neue Art der politischen Auseinandersetzung gebracht.

Mit Miloš Zeman ist nun jemand an der Macht, der mit seinem Vorgänger Václav Klaus in den neunziger Jahren nicht nur eine Brüderschaft jenseits aller politischen Werte zum alleinigen Machterhalt schloss. Er ähnelt diesem auch stilistisch. Auf die zehn Jahre eines Präsidenten, der sich allzu oft in der Provokation um ihrer selbst Willen und in eitler Trotzigkeit gefiel, könnten nun fünf weitere Jahre folgen.

Es bleibt nur zu hoffen, dass Zeman sich gegenüber seiner Zeit als Premierminister geändert hat. Vielleicht gelingt es ihm, zu einem sachlicheren, ruhigeren Stil zu finden und auch versöhnliche Töne anzuschlagen. Vielleicht gelingt es ihm, diejenigen einzubinden, die zurzeit noch gegen ihn sind. Denn diese, die Jungen und gut Ausgebildeten, sind die Zukunft des Landes und diese darf nicht erst in fünf Jahren beginnen.

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

52 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

Provinzialität

Provinziell ist es, wenn die Herkunft, wie z.B. Oberbayern, Schwaben, Franken oder Oberpfalz im Alltag eine Rolle spielt.

Provinziell ist es, wenn gerne auf die Bayern und München geschimpft wird, man aber selbstverständlich ein Bayer ist, wenn Bayern in irgendeinem Vergleich gut ist.

Provinziell ist es, sich eine „Metropolregion“ zusammen zu zimmern, deren Bevölkerungsdurchschnitt pro qm² unter dem Bundesschnitt liegt und dort Ackerbau und Viehzucht eine sehr wichtige Rolle spielt. Alles, damit man auch „etwas“ hat.

Provinziell ist es, über Ausgleichszahlungen zu schimpfen, obwohl man selbst lange Jahre davon profitiert hatte.

Provinziell ist es, sich beim Thema Kernenergie über die angebliche Technikfeindlichkeit von Rot-Grün zu mokieren und dabei zu vergessen, das das Bundesland NRW in dieser Technik mal mit wirklicher „Zukunftstechnologie“ experimentiert hatte und gerade die Stromversorger aus NRW bis zur Merkel'schen Wende die Hauptprofiteure der Kernenergie waren.

Die Liste läßt sich auch noch beliebig fortsetzen.

So ist es

werter Galgenstein. Allein, dass sich Sitzblockaden-Thierse über die Schwaben im Prenzlauer Berg beschwert, ist ein Skandal. Nicht genug damit, dass sich dieser Altveteran zum Verfechter aller ausländischen Bewohner aufschwingen möchte, verweigert er doch glattweg unseren Bürgerinnen und Bürgern aus Baden-Würtemberg ihre heimatlichen Traditionsrechte. Auch ich hatte einst meine leichten Schwierigkeiten in Berlin. Statt Brötchen kaufte ich ebend Schribben. Wo ist das Problem? Also, Berlin nennt viele Deutsche und Ausländer ihre Bewohnerschaft. Sie sollen doch ihrer Tradition leben dürfen. Da darf es nicht die Spur eines Zweifels geben, auch nicht, wenn es sich um Bürger
handelt, wenn sie denn aus deutschem Lande kommen.