PräsidentschaftswahlenTschechien wählt den Provinzialismus

Miloš Zeman gilt als provinziell und traditionell. Mit seiner Wahl zum Präsidenten vergibt Tschechien die Chance auf einen politischen Stilwechsel. Von J. Schevardo von Jennifer Schevardo

Der neue Präsident Miloš Zeman am Abend der Wahl auf einem Fernsehbildschirm vor dem Prager Schloss

Der neue Präsident Milos Zeman am Abend der Wahl auf einem Fernsehbildschirm vor dem Prager Schloss  |  © REUTERS/Petr Josek

Ein Gewinner der Präsidentschaftswahl in der Tschechischen Republik stand schon vor der zweiten Runde fest: die EU. Denn dass der zukünftige Präsident der politischen Integration in Europa positiver gegenüberstünde als Václav Klaus, war klar, egal welcher der beiden Kandidaten sich im Finale durchsetzen würde. Damit enden aber schon die Gemeinsamkeiten zwischen dem linken Querdenker Miloš Zeman und dem konservativen Fürst Karel Schwarzenberg. So eindeutig sie sich im Wahlkampf voneinander abgrenzten, so groß sind die Unterschiede zwischen ihren Wählern.

Die Differenzen sind mit den klassischen politischen Lagerbezeichnungen rechts und links nicht zu fassen. Sie resultieren eher aus zwei verschiedenen Lebenswelten, die die Tschechische Republik prägen. Insofern war die Wahl auch eine Abstimmung darüber, welches Selbstbild bei den Tschechinnen und Tschechen heute überwiegt und welche Vision sie für die Zukunft haben.

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Gewonnen hat Miloš Zeman. Er ist eine der prägnantesten Figuren der neunziger und frühen nuller Jahre in der Tschechischen Republik. Er, der zunächst sozialdemokratischer Premierminister und Parlamentspräsident war, agierte stets kalt pragmatisch, populistisch und poltrig. Doch obgleich er vielfach in Korruptionsskandale verwickelt war, hat er es geschafft, seit der Gründung seiner eigenen Partei, der Partei der Bürgerrechte, ideologisch an Profil zu gewinnen. Er gilt heute als ein glaubwürdiger Kritiker des politischen Establishments, der sich für stärkere Partizipationsmöglichkeiten einsetzt.

Provinz gegen Großstadt

Zeman gewann die Unterstützung der überwiegend ländlichen und älteren, sozial schwächeren Bevölkerungsgruppen. Weil er seinen Provinzialismus offensiv zum politischen Programm machte, hat er Teilen der tschechischen Bevölkerung Selbstbewusstsein gegeben. Denn viele Bewohner des, wie sie selbst immer wieder betonen, "kleinen Landes" fühlen sich angesichts von Globalisierung und Individualisierung unbehaglich. Zeman gibt ihnen das Gefühl, dass das auch in Ordnung ist.

Sein Kontrahent in der Stichwahl, Außenminister Karel Schwarzenberg, tritt eher feinsinnig und selbstironisch auf. Er fand seine Unterstützer wesentlich bei den jungen, urbanen Eliten, Studenten und Künstlern, die sich weltoffen und ambitioniert geben. Sie erhofften sich von Schwarzenberg frischen Wind und einen neuen Stil in der Politik.

Jennifer Schevardo

ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Transformationsprozesse in Tschechien und der Slowakei sowie die deutsch-tschechische Beziehungen.

Der Kampf um das Präsidentenamt spitzte sich in den vergangenen Tagen deutlich zu. Anlass waren nicht etwa brennende Fragen der Gegenwart oder gar der Zukunft, sondern historische Aspekte. Es ging um die Vertreibung der Deutschen, die Schwarzenberg in einem Fernsehduell mit Zeman scharf kritisiert hatte. Daraufhin sah er sich zahlreichen Anfeindungen und Unterstellungen ausgesetzt. Zwar kamen diese nicht alle aus der direkten Umgebung Zemans, aber auch dieser verstand es, Schwarzenberg als zu freundlich gegenüber den Sudetendeutschen darzustellen.

Damit aktivierte er in der Bevölkerung bereits vorhandene Zweifel an Schwarzenbergs grundsätzlicher Eignung für das Präsidentenamt. Kann jemand, der 50 Jahre lang im Ausland gelebt hat, die tschechischen Bürgerinnen und Bürger vertreten?

Leserkommentare
  1. Ein Populist, der mit alten Ressentiments den Hradschin erobert, besiegt einen Fürsten der Aussöhnung und einen überzeugten Europäer wie Schwarzenberg.

    Dabei waren viele Sudetendeutsche keine Nazis sondern Sozialdemokraten, z.B. Peter Glotz.
    Die Tschechen haben viel ertragen müssen, die Besatzung durch Hitler, den gescheiterten Prager Frühlung und sie werden auch irgendwann den Demagogen Zeman wieder von der Burg jagen.

    Wer wie ich vor und nach der Wende oft in Tschechien war, kennt die Gastfreundschaft der Menschen, vor allem die der Prager.
    Da mag vielleicht der Tourismus eine Rolle spielen, aber
    auf dem Wenzelplatz liegen immer noch Blumen für den von den Sowjets ermordeten Studenten und was wäre unsere Kultur ohne Smetana, Dvorjak, Kafka usw.

    Aufwiegler wie Zemann werden sich nicht lange halten, denn die Tschechen sind Europäer. Ob nun auch der Euro eingeführt wird, ist unwichtig.

    "Am Grunde der Moldau wandern die Steine
    es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
    Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine,
    die Nacht hat zwölf Stunden dann kommt schon der Tag"
    (Berthold Brecht)

    2 Leserempfehlungen
  2. Die Zuschreibung "Provinzialismus" ist negativ besetzt und abwertend. Die einfachen Menschen, die so als in ihrem Horizont beschränkt tituliert werden, würden ihre Kritiker umgekehrt als urban-blasiert belächeln. Der ansonsten um Ausgewogenheit bemühte "Zeit"-Artikel lässt so etwas vom uralten Stadt-Land-Konflikt durchschimmern, in dem die Städter häufig als etwas Besseres erscheinen wollten.

    6 Leserempfehlungen
  3. Sie glauben doch nicht im Ernst, dass Polen und Tschechien das Geld von der EU umsonst bekommen, oder?

    Kennen Sie eigentlich den Gegenwert?

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    • ntrues
    • 27. Januar 2013 19:37 Uhr
    28. Na und,

    Was genau auch immer tschechischer Provinzialismus ist, die Jungen, insbesondere die mit Bildungsanspruch, werden auch weiterhin sehr weltoffen agieren. Das ist das Entscheidende.

  4. Ich hatte in der Tat den Eindruck, dass einige tschechische und leider auch viele deutsche Medien statt einer neutralen Berichterstattung ein eigenes politisches Ziel bei diesen Wahlen verfolgten. Dass diese Kampagne sich nicht auszahlen konnte, liegt daran, dass Zemans Wähler eben jene sind, die kaum Zeitungen lesen und wenn doch, dann diesen Zeitungen einfach nicht alles glauben, was drinsteht. Zeman passt von seinem naturell viel besser zu diesen Leuten als ein adeliger Fürst. Nach dem kulturafinen Dichter und dem besserwisserischen Wirtschaftsprofessor wollten sie lieber Onkel Milos von nebenan auf dem Hradschin als einen Fürsten mit entsprechendem Habitus. Schwarzenberg hat bei den reichen Städtern zwar gepunktet, aber den Menschen auf dem Land und in den Arbeitervierteln ist er fremd geblieben, weil er zeitlebens buchstäblich in einer anderen Welt als sie gelebt hat. Das war meiner Meinung nach wahlentscheidend - und nicht das in Deutschland viel stärker als in Tschechien in den Fokus gerückte Thema der Sudetendeutschen....

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    • u.t.
    • 28. Januar 2013 1:22 Uhr

    "Schwarzenberg hat bei den reichen Städtern zwar gepunktet, aber den Menschen auf dem Land und in den Arbeitervierteln ist er fremd geblieben,..."

    Das ist mir dann doch wieder etwas zuviel Pro-Zeman-Stilisierung.

    Sicher, es ist wohl leicht an den Ergebnissen abzulesen, dass Zeman v.a. auf dem Land gewonnen hat.

    Aber wenn 45% für Schwarzenberg nur /reiche/ Städter sind, dann ist Tschechien zu beneiden. 45% der Bevölkerung reich! Wow!

    Ehrlich gesagt, ich nehme an, dass auch einige weniger Reiche unter diesen 45% sein müssen. Aber es passt Zeman natürlich gut, dieses Klischee - Schwarzenberg ist reich (ja, da kann man kritisieren), also müssen alle seine Wähler auch eingebildete, arrogante Yuppies sein, was?

  5. zu 29: Vielleicht haben Sie Recht mit diesen Gründen. Das Thema der Sudetendeutschen war allerdings ein rein tschechisches. Einige in Deutschland reagierten gereizt, dass damit auf grobe Weise Wahlkampf gemacht wurde. Wie groß der Effekt auf die Wahlentscheidung war, weiß ich nicht, es war jedenfalls das Kalkül der Zeman-Unterstützer und von Klaus, damit zu punkten.

    "Nicht alles glauben, was in Zeitungen steht"
    In der Regel unterstellt man gerne dem politisch Andersdenkenden, dass er bereit ist, alles zu glauben, was in der Zeitung steht, während man selbst natürlich alles durchschaut, was in der Zeitung steht oder auch nicht steht. Aber vielleicht ist es ja auch so, dass man Zeitungsmeinungen, die von der eigenen abweichen für Propaganda oder eine Kampagne hält und die Bestätigung der eigenen Meinung in den Zeitungen für rechtschaffene Weisheit.

    Ansonsten begrüße ich eine soziale Politik, wenn Zeman sie anstrebt. Hauptsache, dass Václav Clown abtritt.

  6. Provinziell ist es, wenn die Herkunft, wie z.B. Oberbayern, Schwaben, Franken oder Oberpfalz im Alltag eine Rolle spielt.

    Provinziell ist es, wenn gerne auf die Bayern und München geschimpft wird, man aber selbstverständlich ein Bayer ist, wenn Bayern in irgendeinem Vergleich gut ist.

    Provinziell ist es, sich eine „Metropolregion“ zusammen zu zimmern, deren Bevölkerungsdurchschnitt pro qm² unter dem Bundesschnitt liegt und dort Ackerbau und Viehzucht eine sehr wichtige Rolle spielt. Alles, damit man auch „etwas“ hat.

    Provinziell ist es, über Ausgleichszahlungen zu schimpfen, obwohl man selbst lange Jahre davon profitiert hatte.

    Provinziell ist es, sich beim Thema Kernenergie über die angebliche Technikfeindlichkeit von Rot-Grün zu mokieren und dabei zu vergessen, das das Bundesland NRW in dieser Technik mal mit wirklicher „Zukunftstechnologie“ experimentiert hatte und gerade die Stromversorger aus NRW bis zur Merkel'schen Wende die Hauptprofiteure der Kernenergie waren.

    Die Liste läßt sich auch noch beliebig fortsetzen.

  7. Die Wahl des Milos Zeman läßt eher frösteln,als den Prager Frühling willkommen zu heißen. Also kein Frühlingserwachen.
    Der neue Präsident muss erst noch beweisen, dass er ein guter Demokrat und Europäer ist. In seinem Wahlkampf jedenfalls ließ er die "Hohe Schule der Diplomatie" eher vermissen. Da ist unser freiheitlich gesinnter Bundespräsident Joachim Gauck erheblich ausgewogener.
    Das sich gut entwickelnde Verhältnis zu Deutschland sollte in keiner Weise durch überholte, vorgestrige Wortwahl getrübt werden.
    Das wollen beide Völker nicht.

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