Nikolai Statkewitsch vor Gericht in Minsk im Mai 2011 © Vasily Fedosenko/Reuters

Einmal im Monat darf Nikolai Statkewitsch seine Tochter in Deutschland anrufen. Nicht immer hält sich das Personal im Gefängnis Nummer vier im weißrussischen Mogilew daran. Oder das Telefon klingelt sonntags um 7 Uhr morgens – wenn dann niemand abnimmt, hat sich das Gespräch für dieses Mal erledigt. 30 Tage warten, 30 Tage ohne ein Wort.

Kommt der Kontakt zustande, dauert es manchmal nur wenige Minuten, irgendwann ist die Leitung einfach tot. Vielleicht haben die Aufpasser etwas gehört, das ihnen gefährlich erscheint, selbst wenn Katja Statkewitsch mit ihrem Vater nie über Politik spricht. Oft ist es bloß Schikane, um dem inhaftierten Oppositionellen und seinen Angehörigen zu zeigen, wer die Macht hat.

Wie ihr Vater sonst behandelt wird, auch das lässt sich für die 32-Jährige nur erahnen. Die Briefe, die beide austauschen, sind harmlos und kommen trotzdem nicht immer an. Aus der Strafkolonie Nummer 17 in Schklou wurde Statkewitsch vor einem Jahr in das berüchtigte Gefängnis verlegt. Angeblich hatte er gegen die Regeln verstoßen, Taschentücher, die er bei sich trug, nicht angegeben. Auch neige er zu Gewalt und es bestehe Fluchtgefahr, hieß es. Im vergangenen Sommer verbrachte er fast zwei Wochen im Karzer, weil er sich geweigert hatte, seine Schuld einzugestehen und ein Gnadengesuch an Machthaber Alexander Lukaschenko zu richten.

Aus dem Auto gezerrt, verprügelt und weggeschleppt

Nach dessen Wiederwahl zum Präsident am 19. Dezember vor zwei Jahren war Statkewitsch verhaftet worden. 30.000 Menschen gingen damals in der Hauptstadt Minsk auf die Straße. In den Augen vieler Beobachter hatten sie allen Grund dazu: Frei und fair war diese Abstimmung nicht. Keiner weiß das besser als Statkewitsch selbst, der für die Sozialdemokratische Partei gegen Lukaschenko angetreten war. Er hatte auf dem Unabhängigkeitsplatz im Zentrum der Stadt zu den Demonstranten gesprochen, saß im Auto, als maskierte Männer die Scheiben einschlugen, ihn hinauszerrten, auf ihn einprügelten und ihn wegschleppten.

Keine Ausweise, keine Rechtfertigung, kein ordentliches Verfahren – so wie Statkewitsch erging es Hunderten, die gegen das Regime protestiert hatten. Manche steckten die Sicherheitskräfte nur ein, zwei Wochen lang in eine Zelle, einige sind noch immer in Haft. Die Willkür traf vor und nach der Wahl überhaupt all jene, die es wagten, gegen Lukaschenko zu sein: Präsidentschaftskandidaten, kritische Journalisten, politische Aktivisten, Künstler.

Als Statkewitsch in der vergangenen Woche der Sonderpreis für besonderen politischen Mut des Internationalen Willy-Brandt-Preises zugesprochen wurde, sagte der SPD-Politiker Egon Bahr in seiner Laudatio: "Sein einziges 'Verbrechen', dessen er sich schuldig gemacht hatte, war sein Eintreten für freie demokratische Wahlen." Der Vorwurf lautete am Ende "Aufruhr gegen die Staatsgewalt", den der Politiker organisiert haben soll. Dafür gab es sechs Jahre Haft.

"Das war schon ein Stück Freiheit"

Für Statkewitsch Frau Marina Adamowitsch, die weiterhin in Minsk lebt, haben die Ereignisse vor zwei Jahren dennoch große Hoffnungen geweckt: "Sie haben die Gesellschaft politisiert, sie viel aktiver gemacht", sagt sie im Gespräch mit ZEIT ONLINE. "18 Jahre lang hat Lukaschenko versucht, die Menschen mit allen Methoden einzuschüchtern. Vor den Wahlen 2010 schien es so, als seien solche Massenproteste überhaupt nicht möglich. Das war schon ein Stück Freiheit."

Doch auf die Demonstrationen und die Welle der Solidarität mit den Inhaftierten reagierte das Regime mit beispielloser Härte: noch mehr Festnahmen für Nichtigkeiten, noch mehr brutale Einschüchterungsversuche. Zum Beispiel der Fall der Aktivistin Julia Stepanowa. Er zeigt, dass es damit noch lange keine Ende hat. Sie warb in sozialen Netzwerken um Unterstützung für politische Gefangene. Die Drohungen waren zuerst anonym, ihr Facebook-Account wurde mehrfach gehackt, sie verlor schließlich von jetzt auf gleich ihren Job. Dann eines Abends vor zwei Wochen lauerten Stepanowa zwei Männer vor ihrem Haus auf. Einer drehte ihr brutal die Arme auf den Rücken, der andere rasierte ihr die langen Haare ab. Sie stießen die junge Frau in den Schnee und warnten, sie solle ihr Engagement besser beenden.

Es gibt fast keine legale Möglichkeit, anderer Meinung als die Regierung zu sein. Viele Künstler dürfen nicht mehr öffentlich auftreten, auch Diskussionsrunden von Oppositionsgruppen finden häufig heimlich in Wohnzimmern statt, seit mehrere Parteibüros enteignet oder geschlossen, Veranstaltungen aufgelöst wurden. Adamowitsch sagt nur nüchtern: "Alle, die daran teilnehmen, wissen ganz genau, dass sie in einem Gefangenenlager landen können."

"Es gibt eine neue Elite"

Aber, sagt Adamowitsch, es bewegt sich etwas, die weißrussische Gesellschaft ist nicht erstarrt. "Es gibt eine neue Elite, neue aktive Menschen, die ihre Meinung sagen – aber diese Entwicklung ist sehr langsam", sagt sie. So langsam, dass man schon genau hinschauen muss, um sie zu sehen: Was sie von Lukaschenko bei einer Pressekonferenz gern erfahren würden, wurden kürzlich einfache Bürger gefragt. "Eigentlich nur eines – wann er endlich geht" – diejenigen, die das sagten, hatte jedenfalls keine Angst.

Der Präsident spüre diesen Druck im Inneren, und er reagiere auch auf Druck von außen, sagt Adamowitsch. "Es gibt Hebel, die man ansetzen kann, da kann Lukaschenko noch so oft tun, als interessierten ihn die westlichen Regierungen nicht." Die europäische Politik sei weiterhin zu sehr auf Dialog ausgerichtet, Lukaschenko stelle das als Schwäche dar und nutze es für seine Zwecke. Doch vor Kurzem wurde er gefragt, was das größte Hindernis seines Landes in den Beziehungen zur EU sei. Statkewitsch, antwortete er. Eine Freilassung Statkewitschs steht nicht in Aussicht, aber es geht manchmal auch um ganz kleine Schritte: Immerhin, Marina Adamowitsch darf ihren Mann inzwischen zweimal im Jahr besuchen, nicht nur einmal.