Weißrussland : Ein Sozialdemokrat widersteht Diktator Lukaschenko
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"Das war schon ein Stück Freiheit"

Für Statkewitsch Frau Marina Adamowitsch, die weiterhin in Minsk lebt, haben die Ereignisse vor zwei Jahren dennoch große Hoffnungen geweckt: "Sie haben die Gesellschaft politisiert, sie viel aktiver gemacht", sagt sie im Gespräch mit ZEIT ONLINE. "18 Jahre lang hat Lukaschenko versucht, die Menschen mit allen Methoden einzuschüchtern. Vor den Wahlen 2010 schien es so, als seien solche Massenproteste überhaupt nicht möglich. Das war schon ein Stück Freiheit."

Doch auf die Demonstrationen und die Welle der Solidarität mit den Inhaftierten reagierte das Regime mit beispielloser Härte: noch mehr Festnahmen für Nichtigkeiten, noch mehr brutale Einschüchterungsversuche. Zum Beispiel der Fall der Aktivistin Julia Stepanowa. Er zeigt, dass es damit noch lange keine Ende hat. Sie warb in sozialen Netzwerken um Unterstützung für politische Gefangene. Die Drohungen waren zuerst anonym, ihr Facebook-Account wurde mehrfach gehackt, sie verlor schließlich von jetzt auf gleich ihren Job. Dann eines Abends vor zwei Wochen lauerten Stepanowa zwei Männer vor ihrem Haus auf. Einer drehte ihr brutal die Arme auf den Rücken, der andere rasierte ihr die langen Haare ab. Sie stießen die junge Frau in den Schnee und warnten, sie solle ihr Engagement besser beenden.

Es gibt fast keine legale Möglichkeit, anderer Meinung als die Regierung zu sein. Viele Künstler dürfen nicht mehr öffentlich auftreten, auch Diskussionsrunden von Oppositionsgruppen finden häufig heimlich in Wohnzimmern statt, seit mehrere Parteibüros enteignet oder geschlossen, Veranstaltungen aufgelöst wurden. Adamowitsch sagt nur nüchtern: "Alle, die daran teilnehmen, wissen ganz genau, dass sie in einem Gefangenenlager landen können."

"Es gibt eine neue Elite"

Aber, sagt Adamowitsch, es bewegt sich etwas, die weißrussische Gesellschaft ist nicht erstarrt. "Es gibt eine neue Elite, neue aktive Menschen, die ihre Meinung sagen – aber diese Entwicklung ist sehr langsam", sagt sie. So langsam, dass man schon genau hinschauen muss, um sie zu sehen: Was sie von Lukaschenko bei einer Pressekonferenz gern erfahren würden, wurden kürzlich einfache Bürger gefragt. "Eigentlich nur eines – wann er endlich geht" – diejenigen, die das sagten, hatte jedenfalls keine Angst.

Der Präsident spüre diesen Druck im Inneren, und er reagiere auch auf Druck von außen, sagt Adamowitsch. "Es gibt Hebel, die man ansetzen kann, da kann Lukaschenko noch so oft tun, als interessierten ihn die westlichen Regierungen nicht." Die europäische Politik sei weiterhin zu sehr auf Dialog ausgerichtet, Lukaschenko stelle das als Schwäche dar und nutze es für seine Zwecke. Doch vor Kurzem wurde er gefragt, was das größte Hindernis seines Landes in den Beziehungen zur EU sei. Statkewitsch, antwortete er. Eine Freilassung Statkewitschs steht nicht in Aussicht, aber es geht manchmal auch um ganz kleine Schritte: Immerhin, Marina Adamowitsch darf ihren Mann inzwischen zweimal im Jahr besuchen, nicht nur einmal.

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Kommentare

18 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Ich erinnere mich schon ganz gut

Lukaschenko ist nicht als wahrer Demokrat zu bezeichnen, wenn er mit dem Begriff des Diktators kokettiert und Homosexualität für ehrenrühriger als die Diktatur hält.

Angesichts von Prügel und Gefängnisstrafe für Oppositionelle und von der Gleichsetzung von Demonstrationen mit "Aufruhr gegen die Staatsgewalt" kann man solche Aussagen auch nicht als dahergesagten Witz missverstehen.