Der Umzug ist fast geschafft. Die Tische hat Eliaz Cohen schon hinübergetragen, die Stühle, Schränke, seine ganze Bibliothek. Nur drei zerlesene Bücher thronen noch auf einem kleinen Regal über dem leeren Raum: eine spezielle Studienausgabe der Thora, ein Gebetsbuch und die Thora selbst. "Diese Bücher bleiben hier", sagt Cohen, "solange ich hier noch einräume und packe." Es sind nur wenige Schritte bis zu seinem neuen Haus im Zentrum.

Cohen ist Vater von vier Kindern, das alte Haus war zu klein geworden. Er wohnt in dem religiösen Kibbuz Kfar Etzion im Westjordanland: Er ist ein Siedler. Verwaschene Augen sitzen unter seinen Locken und darauf eine große Yarmulke, eine gehäkelte Kippa, die religiöse Zionisten tragen. Er ist Sozialarbeiter, Lektor, Dichter. Die israelische Literaturkritik feiert den 40-Jährigen als Protagonisten der neuen religiösen Poesie. Cohen ist aber auch ein Aktivist, der gegen die Zwei-Staaten-Lösung kämpft, gegen ein Land, das geteilt wird zwischen Palästinensern und Israelis.

"Die einzige Lösung ist eine Konföderation", sagt er. "So ähnlich wie die Europäische Union: eine Wirtschaft, eine Währung, die gleichen Regeln und Rechte für alle Bürger." Die palästinensischen Flüchtlinge dürften wieder zurückkehren in ihre alten Dörfer, die Siedler könnten im Westjordanland bleiben. Das ist ihm wichtig: dass auch er hier bleiben kann, zwischen den "Hügeln, die schon König David als Hirte mit seinen Schafen durchstreifte".

Egoistischer, unsozialer

Als Izchak Rabin und Jassir Arafat Anfang der Neunziger die Oslo-Verträge unterzeichneten, war das für den damals 22-jährigen Cohen eine Katastrophe. Die Siedlungen wären geräumt worden; Cohen und seine Nachbarn wussten nicht, wie lange sie ihre Häuser noch behalten konnten. Aber die Stimmung hat sich längst zugunsten der Siedler gedreht, Prognosen für die kommende Wahl sehen die Siedler-Parteien mit großen Zuwächsen in die Knesset einziehen.

Dennoch lacht Cohen nur bitter, als er das Wort Wahl hört. Er hatte gehofft, aus den sozialen Protesten vor zwei Jahren könne sich eine echte politische Kraft entwickeln. Aber im Gegenteil, es sei schlimmer geworden, egoistischer, unsozialer. "Die Gründerväter sagten immer wieder, Israel solle das Licht der Nationen sein, ein moralisches und soziales Vorbild für die ganze Welt."

Netanjahu mache aber alles schlimmer. "Alle seine Energie verwendet er darauf, den Staat Israel gegen seine Feinde zu stärken. Er stärkt den Rahmen, während das Bild hässlich bleibt", sagt Cohen. Diese Gesellschaft kümmere sich nicht um ihre Armen und diskriminiere die Palästinenser. "Weil wir das Heilige Land beherrschen, müssen wir aber bestimmten Werten verbunden bleiben." In der Bibel erkennt Cohen diese – sozialistischen – Werte, beruft sich damit auf die Urwerte der Kibbuzim: Solidarität und Gleichheit und Gerechtigkeit.

Er geht zu dem einzigen verbliebenen Regal im Wohnzimmer seines alten Hauses und holt die Thora, einige Seiten darin sind lose. Ein Griff, dann findet er die Stelle. Genesis, Psalm 27, Die Schöpfung: "Gott schuf also den Menschen als sein Abbild", liest Cohen vor, der Finger von rechts nach links den hebräischen Zeichen folgend. "Als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie." Diese Zeilen zeigen für ihn, dass Gott alle Menschen als gleiche Wesen erschaffen hat. Später wird er in der Studienhalle der Siedlung stolz den Ort zeigen, an dem seine Tochter zu ihrer Bat Mitzwah aus der Thora vorlesen wird – bei den Orthodoxen bleibt diese Ehre den Jungen vorbehalten.

"Wir haben die Chance, die Bruderschaft zu erneuern"

Gleich hinter der Halle liegt ein Baum quer über dem Weg – nach den jüngsten Stürmen in Israel kein ungewöhnlicher Anblick. Aber Cohen bleibt verwundert stehen und geht auf den grauen Stamm zu. "Schau! Der Baum ist nicht gebrochen und nicht entwurzelt." Das bräuchten auch die Siedler und die Palästinenser, sagt er: "Ein bisschen mehr Flexibilität!"

Denn Cohen will die Siedler mit den Palästinensern versöhnen und andersherum, wenigstens in seinem Ort. "Denn wir haben die Chance, die Bruderschaft zu erneuern, die Söhne Abrahams wieder zusammenführen: Isaak und Ismael, die im gleichen Haus aufgewachsen sind", sagt er, anspielend auf Isaak, Stammvater der Juden und Ismael, Stammvater der Araber. Deswegen organisiert er schon seit den nenziger Jahren Treffen mit Palästinensern.

Am Anfang sprachen sie über Religion. Schon bald verließen sie dieses schwierige Feld und kamen zu ihrem Alltag: Umweltprobleme, die Sicherheit auf den Straßen. Cohen will mit diesen Gesprächen die frühen Tage der israelischen Siedlungen vor dem Unabhängigkeitskrieg heraufbeschwören, als Juden und Araber wie ganz normale Nachbarn lebten.

Siedler sind nicht allein in diesem Land

Denn Cohens Siedlung Kfar Etzion ist mit ihren Nachbardörfern zu einem nationalen Symbol geworden. Schon in den dreißiger Jahren siedelten hier Juden, es war die erste Siedlung im Westjordanland, die nach dem Sechs-Tage-Krieg eröffnet wurde – und der Ort eines fürchterlichen Massakers. Als 1948 die jüdischen Untergrundarmeen mit den Truppen der Arabischen Liga um die Vorherrschaft kämpften, massakrierten arabische Soldaten fast alle Menschen, die sich bei der Eroberung im Dorf aufhielten. Nur vier Bewohner konnten sich retten.

Vor knapp drei Jahren gab Cohen den Treffen mit den Palästinensern einen institutionellen Rahmen und gründete die Organisation Yerushalom, der heute vor allem Siedler der zweiten Generation angehören. "Immer mehr Siedler merken, dass sie nicht allein in diesem Land sind, dass es ein Narrativ gibt, das unterdrückt wird." Aber eben nicht alle.

Israel ist noch nicht so weit

Als Cohen und seine Mitstreiter sich dafür einsetzten, dass ihre palästinensischen Nachbarn die ersten Baugenehmigungen seit 42 Jahren bekommen sollten, ging zunächst alles gut – bis ein neuer Bürgermeister gewählt wurde. Dessen Vorgänger hatte verstanden, welche langfristigen Vorteile Kooperation hat: die Sicherung der Siedlungen. Der Neue wollte davon nichts wissen. Viele in Kfar Etzion sagten, sie könnten doch nicht den Feind stärken. Keine Baugenehmigungen.

Aber Cohen macht weiter. Er führt David Ben-Gurion an, den ersten Ministerpräsidenten des Landes und Übervater der israelischen Politik. Der hatte noch Jahrzehnte nach der Staatsgründung gesagt, das Land sei noch nicht weit genug entwickelt. "Das braucht alles Zeit”, sagt Cohen und verlässt den sonderbaren Baum hinter der Studienhalle. Er geht den Hügel hinab nach Hause, ins Herz der Siedlung.