Westjordanland : Ein Siedler, der den Palästinensern die Hand reicht
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"Wir haben die Chance, die Bruderschaft zu erneuern"

Gleich hinter der Halle liegt ein Baum quer über dem Weg – nach den jüngsten Stürmen in Israel kein ungewöhnlicher Anblick. Aber Cohen bleibt verwundert stehen und geht auf den grauen Stamm zu. "Schau! Der Baum ist nicht gebrochen und nicht entwurzelt." Das bräuchten auch die Siedler und die Palästinenser, sagt er: "Ein bisschen mehr Flexibilität!"

Denn Cohen will die Siedler mit den Palästinensern versöhnen und andersherum, wenigstens in seinem Ort. "Denn wir haben die Chance, die Bruderschaft zu erneuern, die Söhne Abrahams wieder zusammenführen: Isaak und Ismael, die im gleichen Haus aufgewachsen sind", sagt er, anspielend auf Isaak, Stammvater der Juden und Ismael, Stammvater der Araber. Deswegen organisiert er schon seit den nenziger Jahren Treffen mit Palästinensern.

Am Anfang sprachen sie über Religion. Schon bald verließen sie dieses schwierige Feld und kamen zu ihrem Alltag: Umweltprobleme, die Sicherheit auf den Straßen. Cohen will mit diesen Gesprächen die frühen Tage der israelischen Siedlungen vor dem Unabhängigkeitskrieg heraufbeschwören, als Juden und Araber wie ganz normale Nachbarn lebten.

Siedler sind nicht allein in diesem Land

Denn Cohens Siedlung Kfar Etzion ist mit ihren Nachbardörfern zu einem nationalen Symbol geworden. Schon in den dreißiger Jahren siedelten hier Juden, es war die erste Siedlung im Westjordanland, die nach dem Sechs-Tage-Krieg eröffnet wurde – und der Ort eines fürchterlichen Massakers. Als 1948 die jüdischen Untergrundarmeen mit den Truppen der Arabischen Liga um die Vorherrschaft kämpften, massakrierten arabische Soldaten fast alle Menschen, die sich bei der Eroberung im Dorf aufhielten. Nur vier Bewohner konnten sich retten.

Vor knapp drei Jahren gab Cohen den Treffen mit den Palästinensern einen institutionellen Rahmen und gründete die Organisation Yerushalom, der heute vor allem Siedler der zweiten Generation angehören. "Immer mehr Siedler merken, dass sie nicht allein in diesem Land sind, dass es ein Narrativ gibt, das unterdrückt wird." Aber eben nicht alle.

Israel ist noch nicht so weit

Als Cohen und seine Mitstreiter sich dafür einsetzten, dass ihre palästinensischen Nachbarn die ersten Baugenehmigungen seit 42 Jahren bekommen sollten, ging zunächst alles gut – bis ein neuer Bürgermeister gewählt wurde. Dessen Vorgänger hatte verstanden, welche langfristigen Vorteile Kooperation hat: die Sicherung der Siedlungen. Der Neue wollte davon nichts wissen. Viele in Kfar Etzion sagten, sie könnten doch nicht den Feind stärken. Keine Baugenehmigungen.

Aber Cohen macht weiter. Er führt David Ben-Gurion an, den ersten Ministerpräsidenten des Landes und Übervater der israelischen Politik. Der hatte noch Jahrzehnte nach der Staatsgründung gesagt, das Land sei noch nicht weit genug entwickelt. "Das braucht alles Zeit”, sagt Cohen und verlässt den sonderbaren Baum hinter der Studienhalle. Er geht den Hügel hinab nach Hause, ins Herz der Siedlung.

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