Wahl in ItalienWer sind Italiens Protestwähler?

Welche Menschen haben Italien ins demokratische Chaos gestürzt? Fabio Ghelli analysiert die Anhänger von Berlusconis Mitte-Rechts-Bündnis und von Beppe Grillo. von 

Eine Italienerin gibt in Rom ihren Stimmzettel ab.

Eine Italienerin gibt in Rom ihren Stimmzettel ab.  |  © Filippo Monteforte/AFP/Getty Images

Wer sind die 8,9 Millionen Italiener, die Berlusconis Mitte-Rechts-Koalition gewählt haben? Wer sind die 8,6 Millionen, die sich für Beppe Grillos Fünf-Sterne-Bewegung entschieden haben? Auch in Italien tut man sich mit Antworten auf diese Fragen schwer. 

Schon bei der Vorhersage des Wahlergebnisses haben die Meinungsforscher ziemlich daneben gelegen, jetzt haben sie Mühe, das Verhalten einzelner Wählergruppen nachzuvollziehen. Der Grund dafür ist die öffentliche Zurückhaltung der Berlusconi- und Grillo-Wähler. Beide Gruppen gelten als "umfragescheu". In den Befragungen der Meinungsforschungsinstitute rücken sie nur ungern mit der Wahrheit heraus. Im Fall von Grillos Fünf-Sterne-Bewegung liegt dies an einem generellen Misstrauen gegenüber der "offiziellen" Medienwelt. Bei den PDL-Wählern, so erklärt es der Kolumnist Pierluigi Battista, könnte es mit Schamgefühlen zu tun haben: Wer will schon zugeben, dass er Berlusconi gewählt hat. Nach allem, was passiert ist.

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Die Zeit, in der sie "Silvio" in der Öffentlichkeit hochjubelten, ist vorbei. Ihre politischen Neigungen leben seine Anhänger jetzt meistens im Geheimen aus. Es ist relativ schwierig, sie ausfindig zu machen. Am Stadtrand von Mailand gibt es zum Beispiel einen Sex-Shop, in dessen Schaufenster ein Plakat verkündet: "Zum Glück gibt es Silvio! Bunga Bunga für alle!" Fragt man die Besitzerin, eine sympathische junge Frau, ob ihr Plakat zum PDL-Wahlkampf gehört, reagiert sie empört: "Wie kommen Sie darauf? Das hat überhaupt nichts mit Politik zu tun."

Bauch des Landes, heißen Berlusconis Wähler

Die italienischen Medien nennen Berlusconis Wähler oft abwertend "la pancia del paese", den "Bauch des Landes". Gemeint sind die Kleinhändler, die Unternehmer und Freiberufler, die sich über die Steuerlast beschweren, die um ihre Ersparnisse fürchten und generell dem Staat misstrauen.

Interessant ist die regionale Verteilung: In sieben Regionen Italiens hat Berlusconis Mitte-Rechts-Koalition PDL eine relative Mehrheit. Zwei davon befinden sich im Norden, fünf im Süden. Es sind zwei sehr unterschiedliche Welten, doch der Hass auf die römische Steuerpolitik ist in beiden ähnlich ausgeprägt.

In der Lombardei und in Venetien – beide im Norden – liegen einst blühende Industriegebiete brach. Viele der dort traditionell ansässigen kleinen und mittelgroßen Unternehmen fielen der Wirtschaftskrise zum Opfer. Im ohnehin armen Süden wiederum ist die Lage seit Beginn der Krise hoffnungslos: In Kampanien, Kalabrien und Sizilien liegt die Arbeitslosenquote bei zwanzig Prozent, neun Punkte über dem nationalen Durchschnitt.

Da wird der Staat, und speziell das Steueramt, schnell zum Hauptfeind. Berlusconi war schon immer ein Meister darin, solche Stimmungen auszunutzen. So ist es nicht verwunderlich, dass sich viele Wähler in diesen Regionen von Berlusconis Versprechen, die Steuerlast zu senken, abermals überzeugen ließen.

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