Noch nie war ein Wahlkampf in Italien so eindeutig "europäisch" wie in diesem Jahr. Während Silvio Berlusconi jede Gelegenheit nutzt, um gegen das "Deutschland-zentristische Europa" zu wettern, suchen der ausscheidende Ministerpräsident Mario Monti und der Vorsitzende der Demokratischen Partei (PD) Pierluigi Bersani einen engeren Kontakt zur Bundesregierung. Der Ausgang der Parlamentswahl am 24. und 25. Februar interessiert auch nicht nur die Italiener: Sollte das Land vom aktuellen Sparkurs abweichen, halten Finanzexperten die Konsequenzen für die Euro-Zone für unberechenbar.

Spätestens seit dem Beginn der Schuldenkrise ist die Distanz zu Deutschland das wichtigste Thema der italienischen Außenpolitik. Ein Beleg dafür ist das Wort, das den politischen Diskurs in Italien in den vergangenen zwei Jahren am meisten geprägt hat: Spread. Damit ist eigentlich die Differenz zwischen den Zinssätzen der deutschen und italienischen Staatsanleihen gemeint. Langsam aber hat das Wort eine weitere, eher psychologische Bedeutung angenommen: Spread als Indikator der politischen und kulturellen Distanz zwischen den zwei Ländern.

Nimmt man den Zinssatz als Indikator, haben sich Deutschland und Italien in dieser Woche noch einmal weiter voneinander entfernt. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen erschütterten kürzlich zwei Skandale in der Banken- und Energiebranche das Vertrauen der internationalen Anleger in Italiens Konjunkturprogramm. Gleichzeitig sind die Turbulenzen aber auch eine Konsequenz der zunehmenden Popularität von Silvio Berlusconis "Volk der Freiheit" (PDL).

Bis vor zwei Monaten herrschte Berlusconi über eine zersplitterte Partei, die nach Umfragen mit weniger als 20 Prozent rechnen konnte. Durch einen Fernsehauftritt nach dem anderen hat  er es aber inzwischen geschafft, den Abstand zur Demokratischen Partei allmählich zu verringern. Diesen Erfolg verdankt er einer Strategie, die schon immer seinen Wahlkampf prägte: den Wählern das zu versprechen, was sie sich wünschen.

Feindbild Merkel

Zu den eher skurrilen Winkelzügen gehörte dabei dieser: Berlusconi holte den Fußballstar Mario Balotelli aus England nach Mailand zurück, um sich die Stimmen der Fußballfans zu sichern. Vor allem aber versprach er den Italienern, die Erlöse der Immobiliensteuer, die von der Monti-Regierung wieder eingeführt worden war, zurückzuzahlen. Obwohl viele inzwischen aus gutem Grund seinen Versprechungen misstrauen, legte seine Partei kurz darauf in den Umfragen noch einmal etwas zu.

Immerhin bleibt der Abstand zur Demokratischen Partei bei rund zehn Prozentpunkten stabil. Doch dasselbe Wahlgesetz, das Berlusconi und seinen Koalitionspartnern eine Mehrheit im Parlament auch ohne eine Mehrheit der Wählerstimmen sicherte, lässt ihn nun hoffen: Hätte die PD keine Mehrheit an Abgeordneten, könnte daraus eine ähnliche Situation wie 2006 entstehen; die schwache Mitte-Links-Regierung würde bald zusammenbrechen, und der Cavaliere könnte erneut die Rolle des Retters spielen.

Was das für Italiens Europapolitik bedeuten könnte, ist vorhersehbar. Während eines Treffens mit den PDL-Abgeordneten im europäischen Parlament formulierte Berlusconi kürzlich die Prioritäten seiner künftigen Außenpolitik: An erster Stelle steht, "das Tauziehen gegen Deutschland zu gewinnen", beziehungsweise die deutsche Regierung dazu zu zwingen, von der Austerity-Politik abzurücken. Sollte Berlin nicht nachgeben – droht Berlusconi –, würde Italien aus dem Euro aussteigen. "Merkel weiß ganz genau, dass eine andere Musik spielen wird, wenn ich gewinne", sagte er kürzlich in einem Interview.