Saudi-Arabien : Riads Führungsschwäche kann zum Problem werden

Die Entscheidung, wer Saudi-Arabien zukünftig führen wird, ist gefallen. Doch der Übergang ist ungeregelt, das Land ist für die Zukunft nicht gerüstet.
Prinz Muqrin bin Abdalaziz Al Saud (Juni 2012) © Reuters

Kaum eine Nachricht hat in Saudi-Arabien zuletzt größeres Aufsehen erregt – während sie im Westen kaum beachtet wurde: König Abdallah hatte seinen Halbbruder Prinz Muqrin bin Abdalaziz Al Saud zum zweiten stellvertretenden Ministerpräsidenten ernannt. Die Entscheidung schien auf den ersten Blick wenig spektakulär, doch beendete sie in dem Land die seit Monaten kursierenden Spekulationen, wer nach dem Tod des 90-jährigen Abdallah und des 77-jährigen Kronprinzen Salman König von Saudi-Arabien werden solle. Es wird aller Voraussicht nach Muqrin sein, denn der Posten des zweiten stellvertretenden Ministerpräsidenten wurde auch in der Vergangenheit schon an den künftigen Kronprinzen vergeben.

Guido Steinberg

forscht an der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) unter anderem zu Saudi-Arabien. Die Stiftung berät Bundestag und Bundesregierung in Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik.

Muqrin, geboren 1943, war bisher lediglich als Chef des Auslandsgeheimdienstes General Intelligence Directorate zwischen 2005 und 2012 bekannt geworden und gilt als enger Verbündeter von König Abdallah. Seine Ernennung ist eine Überraschung, er wurde lange Zeit nicht als Kandidat für eine mögliche Thronfolge angesehen, da er der jüngste Sohn des Staatsgründers Ibn Saud ist und mit seinen 70 Jahren jünger als wichtige Vertreter der Enkelgeneration, die sich ebenfalls Hoffnungen auf die Krone machen.

Es schien vielmehr lange als wahrscheinlich, dass einer der Vertreter der Sudairis, einer mächtigen Faktion von Vollbrüdern und deren Söhnen, das Rennen machen würde. Mit dem Tod der wichtigsten Vertreter dieser Gruppe – Königs Fahd 2005, Verteidigungsminister Sultan 2011 und Innenminister Naif 2012 – haben sie jedoch stark an Einfluss verloren.

Die Thronfolge bleibt ungelöst

Mit der Designation Muqrins ist jedoch die Kernfrage der saudi-arabischen Thronfolge immer noch nicht geregelt, nämlich welcher Enkel die Generation der Söhne des Staatsgründers auf dem Thron ablösen wird. Seit 1953 folgt jeweils der älteste befähigte und willige Sohn Ibn Sauds auf seinen verstorbenen Bruder. Dies führte seit den 1990er Jahren dazu, dass die Spitzenposten der saudischen Politik von zunehmend älteren und hinfälligeren Greisen besetzt wurden und 2011 und 2012 innerhalb weniger Monate zwei Kronprinzen starben. Zwar hat König Abdallah schon 2007 eine Nachfolgekommission einrichten lassen, die im Falle von Tod, Krankheit oder Unzurechnungsfähigkeit des Königs und des Kronprinzen deren Nachfolge regeln soll. Doch ist unklar, ob diese Kommission in der politischen Praxis überhaupt eine Rolle spielt.

Viele Saudis äußerten sich in den letzten Monaten besorgt, da sich König Abdallah immer wieder in medizinische Behandlung begeben muss und auch der Kronprinz Gerüchten zufolge schwere gesundheitliche Probleme hat. Mit der Ernennung Muqrins scheint die Thronfolge wieder für etwas längere Zeit geregelt zu sein, doch ist die schwierige Frage, wer auf ihn folgen soll, bisher nicht gelöst.

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Kommentare

13 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Adellos

Ah, diesen Nervenkitzel im Zusammenhang mit Machtübergängen kennt man im durchdemokratisierten Deutschland gar nicht mehr. Wer aus der Herrscherfamilie wird neuer König? Das hört sich schon ganz anders an, als wenn zwischen beamteten Politikern das, mehr der weniger provisorische, Staatsoberhaupt ausgekungelt wird.
Traditionell war Deutschland DER Fundus für adeliges Blut. Sachsen-Coburg-Gotha, die von Battenberg und viele andere haben es bis in die Spitzen der europäischen Häuser geschafft. Warum vergeben wir unser Bestes so bereitwillig und suchen unsere zukünftigen Staatsoberhäupter nicht auch wieder in den immer noch intakten Adelsfamilien?

@dacapo

Ein Viertel der einheimischen Bevölkerung im Königreich - keine Gastarbeiter und auch nicht nur Angehörige von Minderheiten - ist arm und lebt von islamischer Wohlfahrt:

http://www.guardian.co.uk...

Es gibt eine erstaunlich reichhaltige Blogger- und Kultur-Szene von jungen Saudis, insbesondere auch von jungen Frauen. Kultstatus in der arabische Originalversion genießt dieses Video einer saudischen Frau, die sich mit der Religionspolizei anlegt und das auch deutschsprechenden Salafisten Schaum vor den Mund treibt, wie man den Kommentaren des in deutscher Sprache bearbeiteten Videos entnehmen kann:
https://www.youtube.com/w...

Interessant auch ein authentischer Bericht einer jungen deutschen Besucherin des Landes vom vorigen Jahr:
http://www.alsharq.de/201...

Zu empfehlen ist schließlich die neuste Ausgabe von "Zenith", Das auf Saudi Arabien bezogene Titelbild und Hinweise sind zu finden unter www.zenithonline.de.