Kaum eine Nachricht hat in Saudi-Arabien zuletzt größeres Aufsehen erregt – während sie im Westen kaum beachtet wurde: König Abdallah hatte seinen Halbbruder Prinz Muqrin bin Abdalaziz Al Saud zum zweiten stellvertretenden Ministerpräsidenten ernannt. Die Entscheidung schien auf den ersten Blick wenig spektakulär, doch beendete sie in dem Land die seit Monaten kursierenden Spekulationen, wer nach dem Tod des 90-jährigen Abdallah und des 77-jährigen Kronprinzen Salman König von Saudi-Arabien werden solle. Es wird aller Voraussicht nach Muqrin sein, denn der Posten des zweiten stellvertretenden Ministerpräsidenten wurde auch in der Vergangenheit schon an den künftigen Kronprinzen vergeben.

Muqrin, geboren 1943, war bisher lediglich als Chef des Auslandsgeheimdienstes General Intelligence Directorate zwischen 2005 und 2012 bekannt geworden und gilt als enger Verbündeter von König Abdallah. Seine Ernennung ist eine Überraschung, er wurde lange Zeit nicht als Kandidat für eine mögliche Thronfolge angesehen, da er der jüngste Sohn des Staatsgründers Ibn Saud ist und mit seinen 70 Jahren jünger als wichtige Vertreter der Enkelgeneration, die sich ebenfalls Hoffnungen auf die Krone machen.

Es schien vielmehr lange als wahrscheinlich, dass einer der Vertreter der Sudairis, einer mächtigen Faktion von Vollbrüdern und deren Söhnen, das Rennen machen würde. Mit dem Tod der wichtigsten Vertreter dieser Gruppe – Königs Fahd 2005, Verteidigungsminister Sultan 2011 und Innenminister Naif 2012 – haben sie jedoch stark an Einfluss verloren.

Die Thronfolge bleibt ungelöst

Mit der Designation Muqrins ist jedoch die Kernfrage der saudi-arabischen Thronfolge immer noch nicht geregelt, nämlich welcher Enkel die Generation der Söhne des Staatsgründers auf dem Thron ablösen wird. Seit 1953 folgt jeweils der älteste befähigte und willige Sohn Ibn Sauds auf seinen verstorbenen Bruder. Dies führte seit den 1990er Jahren dazu, dass die Spitzenposten der saudischen Politik von zunehmend älteren und hinfälligeren Greisen besetzt wurden und 2011 und 2012 innerhalb weniger Monate zwei Kronprinzen starben. Zwar hat König Abdallah schon 2007 eine Nachfolgekommission einrichten lassen, die im Falle von Tod, Krankheit oder Unzurechnungsfähigkeit des Königs und des Kronprinzen deren Nachfolge regeln soll. Doch ist unklar, ob diese Kommission in der politischen Praxis überhaupt eine Rolle spielt.

Viele Saudis äußerten sich in den letzten Monaten besorgt, da sich König Abdallah immer wieder in medizinische Behandlung begeben muss und auch der Kronprinz Gerüchten zufolge schwere gesundheitliche Probleme hat. Mit der Ernennung Muqrins scheint die Thronfolge wieder für etwas längere Zeit geregelt zu sein, doch ist die schwierige Frage, wer auf ihn folgen soll, bisher nicht gelöst.