Zyperns designierter Präsident Nikos Anastasiadis hat keine Zeit zu verlieren. Das weiß der Gewinner der Stichwahl. Auf ihm lastet das politische Erbe des bisherigen kommunistischen Inselpräsidenten Christofias, der das Land mit einer hemmungslosen Ausgabenpolitik hoch verschuldet hat. Die Inselrepublik ist praktisch pleite. Das Geld in der Staatskasse reicht noch bis Ende April, allenfalls bis Mai.

Zu allem Überfluss waren Zyperns Banken auch noch in den Strudel der griechischen Krise geraten. Die wankenden Geldhäuser drohen jetzt die ganze Insel mit in den Abgrund zu reißen. Schon im Juni 2012 beantragte Zypern Hilfskredite der EU. Doch die Verhandlungen führten bisher zu keinem Erfolg, weil Christofias sich gegen die Sparauflagen der EU sträubte.

Spätestens am 3. Juni, wenn zyprische Staatsanleihen im Volumen von 1,4 Milliarden Euro fällig werden, droht nun die Insolvenz – wenn bis dahin keine Hilfskredite fließen. Dafür muss Anastasiadis aber erst einmal die Vorwürfe der Geldwäsche und des Steuerdumpings, die gegen sein Land erhoben werden, entkräften – oder zumindest glaubhaft mehr Transparenz am Finanzplatz Zypern versprechen.

Schwarzgelddebatte lenkt von den eigentlichen Problemen ab

In der EU gibt es deshalb Überlegungen, reiche Zyprer mit einer Vermögenssteuer an der Rettung zu beteiligen, Firmengewinne höher zu besteuern und möglicherweise sogar Bankguthaben heranzuziehen. Vor allem russische Magnaten sollen Milliarden bei Zyperns Banken gebunkert haben. Deshalb ist auch eine Beteiligung Russlands an dem Zypern-Rettungspaket im Gespräch, etwa mit einem staatlichen Darlehen.

Allerdings wird die Diskussion um angebliches Schwarzgeld russischer Oligarchen in Zypern gerade in Deutschland mitunter allzu populistisch geführt. An Finanzplätzen wie Luxemburg oder London wird mutmaßlich mehr Schwarzgeld gewaschen als auf Zypern. Und dubiose Briefkastenfirmen sowie undurchsichtige Finanztransaktionen gibt es auch auf Malta und den Kanalinseln.

Der Unterschied ist nur: Zypern will mit europäischen Steuermitteln gerettet werden. Da ist es berechtigt, genauer hinzusehen. Die Schwarzgelddebatte darf aber nicht von den eigentlichen Problemen der Insel ablenken: Ein völlig überdimensionierter Bankensektor, ein aufgeblähter öffentlicher Dienst, reformfeindliche Gewerkschaften, überregulierte Märkte und ein nicht finanzierbares Sozialsystem, das horrende Haushaltsdefizite produziert.

Diese Strukturprobleme muss der neue Staatschef entschlossen anpacken. Sonst werden die Hilfskredite schnell verpuffen. Zu warten, dass in ein paar Jahren mal Erlöse aus den mutmaßlichen Öl- und Gasvorkommen vor den Küsten der Insel fließen, kann er sich auf jeden Fall nicht leisten. Zeit hat Zypern nur bis Mai.