Wir Amis / US-Kolumne : Ameropa als Schutzwall gegen China

Eine Freihandelszone zwischen USA und EU wäre für unseren Kolumnisten Eric T. Hansen eine Konsequenz der neuen Weltordnung. Doch wer hätte das Sagen: Amis oder Europäer?

Welche Weltordnung das 21. Jahrhundert prägen wird, ist nach dem Ende des Kalten Krieges offen geblieben. Kurz konnte man glauben, alle Welt werde demokratisch, und das wäre dann das Ende der Geschichte, wie es der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama etwas melodramatisch formulierte. Dann gab es die Theorie einer multipolaren Welt, in der Frankreich zum ersten Mal seit Napoleon wieder ein Pol wäre. Diese witzige Theorie wurde sogar eine Zeit lang ernst genommen – solange Jacques Chirac noch in Hörweite war. Zuletzt kam die Idee auf, die USA sänken in die Bedeutungslosigkeit, und alle Welt würde fortan nur noch chinesisch sprechen. Aber auch daraus wird offenbar nichts.

Heute zeichnet sich ein anderes Bild ab: Ähnlich wie damals im Kalten Krieg bilden sich in der Welt zwei Fronten, diesmal mit China auf der einen und der westlichen Welt auf der anderen Seite. Seit der Antrittsrede von US-Präsident Barack Obama sieht es sogar so aus, als könnten Amerika und die Europäische Union zu einem Ameropa zusammenschmelzen.

In seiner Ansprache kündigte Obama nämlich unter Beifall auf beiden Seiten des Atlantiks an, er strebe die größte Freihandelszone der Welt an – genannt Transatlantic Trade and Investment Partnership. Eine solche US-europäische Wirtschaftsunion würde die gesamte westliche Welt unter einem Dach vereinen.

Der Auslöser für diese Idee ist klar: Wird China in den kommenden Jahrzehnten tatsächlich zu dem wirtschaftlichen Riesen, wie Fachleute es vorhersagen, kann es den globalen Märkten die Regeln diktieren. Es sei denn, die westliche Welt tritt dem geschlossen entgegen. Amerika allein ist kleiner als China, auch die Europäische Union ist es, aber gemeinsam sind sie größer. Ameropa wäre ein kapitalistischer Schutzwall gegen China.

Noch schnellere Germanisierung Amerikas

Der wahre Grund dafür, dass viele deutsche Politiker eine solche Freihandelszone wollen, könnte natürlich auch sein: Sie haben die Nase voll davon, auf dem Rückweg von einer USA-Reise immer für all ihre Freunde Handys oder DVDs am Zoll vorbeischmuggeln zu müssen.

Eric T. Hansen

© [M] Ralf IlgenfritzEric T. Hansen ist Amerikaner, Buchautor (Planet Germany) und Satiriker, der sein halbes Leben in Deutschland lebte, heute in Berlin. Sein aktuelles Buch ist Die ängstliche Supermacht: Warum Deutschland endlich erwachsen werden muss. Auf ZEIT ONLINE erklärt er einmal in der Woche die Eigenheiten seiner Heimat – und der Deutschen.

Haben Sie jetzt Angst, bald endgültig von amerikanischen Waren überschwemmt zu werden? Gut so. Es wird höchste Zeit, dass wir Amis auch mal ein Stück vom Kuchen bekommen. Die Deutschen verdienen nämlich viel mehr Geld in Amerika (73,7 Milliarden Euro) als wir Amis in Deutschland (48,5 Milliarden Euro). In unseren Fabriken stehen deutsche Roboter, unser wichtigster Verlag, Random House, nimmt Befehle aus Gütersloh entgegen, und Hunderttausende unserer Arbeiter sind in deutschen Firmen angestellt. Schon jetzt ist Amerika nach Frankreich der wichtigste Markt für den Exportvizeweltmeister Deutschland, und ohne Zollbeschränkungen wird die Germanisierung Amerikas noch schneller voranschreiten.

Doch das macht uns Amis nichts aus, denn auch wir haben etwas davon: Ameropa würde uns helfen, unsere politische Vormachtstellung zu behalten. Eine transatlantische Freihandelszone würde die gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeit zwischen Amerika und Europa vertiefen. Es würde sich für die EU deshalb aber künftig eher lohnen, auf der Seite Amerikas zu stehen, ob gegen China oder Al-Kaida. Die Freihandelszone würde zu einer Art Neo-Nato: Europa bekäme die Dollars, die es so heiß liebt, und Amerika darf weiter in der internationalen Politik den Ton angeben.

Die Utopie der Vereinigten Staaten von Europa

Obwohl: Geht das noch in so einem Team? Das ist die wirklich spannende Frage: Wer hat in einem Ameropa das Sagen, Amerika oder Europa? Zwei Szenarien sind denkbar.

Ideal für Europa wäre folgender utopischer Tagtraum: Die Europäische Union vollendet ihre Entwicklung und wird, um die Worte Churchills zu benutzen, zu den Vereinigten Staaten von Europa. Die EU war ja ursprünglich wenig mehr als eine Freihandelszone. Jetzt steht sie hastdunichtgesehen an der Schwelle zu einer politischen Föderation. Alles, was dazu nötig ist, sind ein paar kleine Schritte.

Die Euro-Krise hat gezeigt, dass Europa eine starke Europäische Zentralbank braucht, die das Geflecht der vielen nationalen Notenbanken ersetzt. Danach folgt ein EU-Außenministerium. Bald darauf gibt es dann einen echten europäischen Präsidenten (ich tippe auf Silvio Berlusconi), und zack! – bis Mitte des 21. Jahrhunderts haben wir die United States of Europe.

Europa verstrickt sich in Einzelinteressen

Das erhöbe Europa zu der Weltmacht, die es vor langer Zeit einmal war. Wirtschaftlich und wohl auch politisch wären die Vereinigten Staaten von Europa mächtiger als die USA. Schon jetzt beträgt das Bruttoinlandsprodukt der EU laut Internationalem Währungsfonds 16,4 Billionen Dollar und das der USA nur 15,6 Billionen Dollar.

Ein starkes, vereintes, selbständiges Europa könnte uns Amerikanern zeigen, wo der Hammer hängt. In den Verhandlungen zur Freihandelszone, die jetzt anstehen, werden wir Amis bestimmt versuchen, Europa unseren guten alten Genmais aufzuzwingen. Gäbe es schon die Vereinigten Staaten von Europa, könnte die EU stattdessen versuchen, uns Amis den Genquatsch auszutreiben.

Ach was, Europa wird es nie schaffen, sich zu vereinen. Die europäischen Staaten sind einfach nicht in der Lage, über ihre Einzelinteressen hinauszusehen. Sie denken zu klein. Vermutlich werden sie es nicht einmal schaffen, ohne amerikanische Hilfe die Euro-Krise zu lösen.

Die Rückkehr der Nationalstaaten

Ich tippe also eher auf Szenario Nummer zwei: In den kommenden Jahren werden die rückwärtsgewandten, national gesinnten Kräfte in ganz Europa noch populärer. Statt finanzpolitische Kompetenzen an Brüssel abzugeben, gewinnen die Nationalstaaten an Macht gegenüber der EU, und bald haben die Mitgliedstaaten keine andere Wahl, als aus dem Euro auszutreten.

Damit fällt Europa wieder in die Rolle zurück, die es anscheinend am besten spielt: viele putzige, streitsüchtige Provinzen, die sich tagein, tagaus mit ihren eigenen Problemchen beschäftigen und ansonsten in Ruhe gelassen werden wollen. Lauter Kleinstaaten also, die ein großer Staat wie Amerika leicht gegeneinander ausspielen kann.

Für uns könnte das sogar ein zweites amerikanisches Jahrhundert bedeuten. Das ist nämlich genau die Entscheidung, die Europa in den kommenden Jahren trifft: Möchte es lieber uns europäisieren oder von uns amerikanisiert werden?

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Kommentare

48 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

Babylon und der Auszug aus Ägypten

Diese Möglichkeit sollte der wache EU-Bürger so langsam ins Auge fassen und z.B. nach Venezuela auswandern.

Dort ist ein demokratisch an die Macht gekommener Präsident gerade von seinem Krebsleiden genesen und der libt sein Volk - sein Volk liebt ihn.

Und genau das ist es, was den Amerokraten abgeht. Die Liebe.