Wir Amis / US-Kolumne : Ameropa als Schutzwall gegen China
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Die Utopie der Vereinigten Staaten von Europa

Obwohl: Geht das noch in so einem Team? Das ist die wirklich spannende Frage: Wer hat in einem Ameropa das Sagen, Amerika oder Europa? Zwei Szenarien sind denkbar.

Ideal für Europa wäre folgender utopischer Tagtraum: Die Europäische Union vollendet ihre Entwicklung und wird, um die Worte Churchills zu benutzen, zu den Vereinigten Staaten von Europa. Die EU war ja ursprünglich wenig mehr als eine Freihandelszone. Jetzt steht sie hastdunichtgesehen an der Schwelle zu einer politischen Föderation. Alles, was dazu nötig ist, sind ein paar kleine Schritte.

Die Euro-Krise hat gezeigt, dass Europa eine starke Europäische Zentralbank braucht, die das Geflecht der vielen nationalen Notenbanken ersetzt. Danach folgt ein EU-Außenministerium. Bald darauf gibt es dann einen echten europäischen Präsidenten (ich tippe auf Silvio Berlusconi), und zack! – bis Mitte des 21. Jahrhunderts haben wir die United States of Europe.

Europa verstrickt sich in Einzelinteressen

Das erhöbe Europa zu der Weltmacht, die es vor langer Zeit einmal war. Wirtschaftlich und wohl auch politisch wären die Vereinigten Staaten von Europa mächtiger als die USA. Schon jetzt beträgt das Bruttoinlandsprodukt der EU laut Internationalem Währungsfonds 16,4 Billionen Dollar und das der USA nur 15,6 Billionen Dollar.

Ein starkes, vereintes, selbständiges Europa könnte uns Amerikanern zeigen, wo der Hammer hängt. In den Verhandlungen zur Freihandelszone, die jetzt anstehen, werden wir Amis bestimmt versuchen, Europa unseren guten alten Genmais aufzuzwingen. Gäbe es schon die Vereinigten Staaten von Europa, könnte die EU stattdessen versuchen, uns Amis den Genquatsch auszutreiben.

Ach was, Europa wird es nie schaffen, sich zu vereinen. Die europäischen Staaten sind einfach nicht in der Lage, über ihre Einzelinteressen hinauszusehen. Sie denken zu klein. Vermutlich werden sie es nicht einmal schaffen, ohne amerikanische Hilfe die Euro-Krise zu lösen.

Die Rückkehr der Nationalstaaten

Ich tippe also eher auf Szenario Nummer zwei: In den kommenden Jahren werden die rückwärtsgewandten, national gesinnten Kräfte in ganz Europa noch populärer. Statt finanzpolitische Kompetenzen an Brüssel abzugeben, gewinnen die Nationalstaaten an Macht gegenüber der EU, und bald haben die Mitgliedstaaten keine andere Wahl, als aus dem Euro auszutreten.

Damit fällt Europa wieder in die Rolle zurück, die es anscheinend am besten spielt: viele putzige, streitsüchtige Provinzen, die sich tagein, tagaus mit ihren eigenen Problemchen beschäftigen und ansonsten in Ruhe gelassen werden wollen. Lauter Kleinstaaten also, die ein großer Staat wie Amerika leicht gegeneinander ausspielen kann.

Für uns könnte das sogar ein zweites amerikanisches Jahrhundert bedeuten. Das ist nämlich genau die Entscheidung, die Europa in den kommenden Jahren trifft: Möchte es lieber uns europäisieren oder von uns amerikanisiert werden?

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Kommentare

48 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

Babylon und der Auszug aus Ägypten

Diese Möglichkeit sollte der wache EU-Bürger so langsam ins Auge fassen und z.B. nach Venezuela auswandern.

Dort ist ein demokratisch an die Macht gekommener Präsident gerade von seinem Krebsleiden genesen und der libt sein Volk - sein Volk liebt ihn.

Und genau das ist es, was den Amerokraten abgeht. Die Liebe.