Japans Premier Shinzo Abe ist nicht dafür bekannt, eine friedfertige Taube zu sein. Zumindest in seiner Wortwahl ist er ein Falke, obwohl als Politiker am Ende meist pragmatisch. Doch als er am Mittwoch der Regierung Chinas eine "einseitige und provokative Handlung" vorwarf, dürfte er richtig gelegen haben: Im Dauerstreit um ein paar Inseln im Ostchinesischen Meer soll laut dem japanischen Verteidigungsministerium in den vergangenen drei Wochen chinesisches Feuerleitradar  jeweils auf ein Schiff der japanischen Küstenwache und einen Hubschrauber gerichtet worden sein.

Nun ist der Sinn eines Feuerleitradars eigentlich, das ausgewählte Objekt nach der Erfassung auch zu beschießen. Das muss man natürlich nicht tun und es ist in den beiden Fällen auch nicht geschehen. Aber sofern die japanischen Angaben richtig sind, bekommt der Streit um die besagten Senkaku-Diaoyu-Inseln damit eine neue und vor allem gefährlichere Dimension. "Das war ein gefährlicher Akt und hätte zu einer unvorhersehbaren Situation führen können", sagte Abe vor dem Parlament in Tokio.

Man muss sich vor Augen halten: Wegen ein paar kleiner unbewohnter Inseln, manche nur Felsenriffe, liefern sich zwei der drei stärksten Volkswirtschaften der Welt einen scharfen Territorialstreit. Es geht um Fischreichtum und Rohstoffe, aber auch Nationalismus gehört zu den Auslösern. Um Stärke zu zeigen, schickt China nun schon seit Wochen immer wieder Schiffe in das Ostchinesische Meer. Die Inseln liegen etwa 200 Kilometer vor der Küste Taiwans und rund 400 Kilometer vor der japanischen Insel Okinawa in japanischem Hoheitsgewässer.

Parteichef Xi leitet Sonderkommission

Das Problem an diesem Streit: Er ist im Kern wohl nicht lösbar. Japan wird die seit 1895 in japanischer Hand befindlichen Inseln nicht abgeben wollen. Und in China hat die herrschende KP eine derart große antijapanische Aufwallung provoziert und zugelassen, dass sie ihre Territorialansprüche zumindest offiziell nicht mehr wird zurücknehmen kann. Gleichzeitig wird auch in Japan der Ton in der Politik zunehmend patriotischer. Nationalstolz und Gesichtswahrung spielen auf beiden Seiten eine große Rolle.

Dass der Streit aber in kriegerische Auseinandersetzungen mündet, halten Beobachter in Ostasien für unwahrscheinlich. Nicht zuletzt deshalb, weil die chinesische Regierung parallel mit vielen anderen Staaten im Westpazifik Territorialkonflikte aushält. Vor allem aber sind die Handelsbeziehungen der beiden wirtschaftlichen Großmächte sehr eng.

Was die Radar-Geschichte jedoch bedenklich macht, ist die Vermutung, dass es sich wahrscheinlich nicht um Unfälle eines eigenwilligen Kommandanten handelt. Um solche und sich widersprechende offizielle Erklärungen der zahlreichen Partei- und Militärgremien Chinas zu verhindern, wurde für den Inselstreit in Peking nämlich extra eine hochrangig besetzte Arbeitsgruppe gegründet – die von Parteichef Xi Jinping persönlich geleitet wird.

Keine Verhaltensnormen für den maritimen Umgang

Hinderlich für eine Entspannung des Konflikts ist auch: Zwischen beiden Armeen mangelt es an direkten Kommunikationskanälen, und niemand kann sich auf Verhaltensregeln berufen. Ein Vertrag, wie ihn beispielsweise die Sowjetunion und die USA 1972 getroffen hatten, könnte einiges erleichtern. Es gab im Juni 2012 zwar die Übereinkunft zwischen Japan und China, derartige Mechanismen einzuführen, doch mehr ist seitdem nicht geschehen.

Die Vereinigten Staaten als Bündnispartner Japans drängen wegen dieser ungemütlichen wie unübersichtlichen Situation beide Seiten dazu, schnell wieder Gespräche aufzunehmen. Dahinter steht auch die Angst, in eine heikle Lage hineingezogen zu werden. Peking hat in den vergangenen drei Jahren seinen Machtanspruch in der Region zunehmend offen artikuliert und damit fast alle Staaten in seiner Umgebung in die Arme der USA getrieben – die bislang dominierende Macht im Westpazifik. Bei einem tatsächlich gewalttätigen Konflikt stünden die USA am Ende plötzlich gegen China. Eine Bredouille für Washington, denn würden die USA dann nicht eingreifen, wären die anderen Partner im Pazifikraum wohl düpiert.

Bestätigt sich der Feuerleitradar-Vorfall, ist Pekings Verhalten schlicht unverantwortlich. Am Ende dürften zwar beide Staaten weiter rational handeln. Doch der Vorfall erhöht die Gefahr, dass ein falsch verstandenes Wort in dieser aufgeheizten Situation ungewollt großen Schaden nach sich zieht. Den festgefahrenen Inselstreit als Ausgangspunkt könnten Japan und China jedenfalls besser ohne solche Provokationen lösen: in einem andauernden Verhandlungsprozess mit vielen kleinen Vereinbarungen über die gemeinsame Ausbeutung der erhofften Rohstoffe.