Populismus : "Es gibt einen europaweiten Trend zum Anti-Elitarismus"

In Italien hat der Komiker Beppe Grillo die Traditionsparteien düpiert. Warum sich Wähler nach Vereinfachung sehnen, sagt Populismusforscher Florian Hartleb im Interview.
Der italienische Komiker und Anführer der Fünf-Sterne-Bewegung, Beppe Grillo, in Turin © Giorgio Perottino/Reuters

ZEIT ONLINE: Herr Hartleb, der italienische Komiker Beppe Grillo hat bei der Parlamentswahl mit populistischen Ankündigungen 25 Prozent der Stimmen erhalten. Ist das typisch für Italien?

Florian Hartleb: Italien ist jedenfalls ein Laboratorium für neue politische Entwicklungen. Denken wir an 1994, als ein Unternehmer mit einem Fußballslogan als Parteinamen, Forza Italia, in die Politik einstieg – Silvio Berlusconi. Einen homo novus, der sich gegen die politische Elite richtet wie jetzt Grillo, gab es in Italien schon damals.

ZEIT ONLINE: Was macht Populisten für Wähler attraktiv?

Hartleb: Wähler sehnen sich nach Vereinfachung, da die Politik komplexer geworden ist. In Italien wird diese Sehnsucht durch das Gefühl der Abhängigkeit von der Europäischen Union verstärkt. Grillos Wähler wollen Parolen statt Programme. Diese Politik der leeren Versprechungen ist als Kontrapunkt zum Technokraten Mario Monti zu verstehen.

Florian Hartleb

Florian Hartleb promovierte 2004 zum Thema Rechts- und Linkspopulismus. Seit 2012 lehrt Hartleb an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie und an der Hochschule für Politik in München. Zudem ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Brüsseler Thinktank Centre for European Studies.

ZEIT ONLINE: Wie funktionieren populistische Parteien?

Hartleb: Dafür sind zwei Dinge ausschlaggebend. Sie vertreten erstens einen anti-elitären Ansatz. Der kann partizipativ sein, wie bei der Piratenpartei. Zweitens stellen die Populisten einen Anführer ins Zentrum, sie machen aus Parteipolitik eine One-Man-Show. Grillo verbindet beides.

ZEIT ONLINE: Kann eine Partei wie Grillos Fünf-Sterne-Bewegung ihren Erfolg bei kommenden Wahlen wiederholen oder handelt es sich um ein vorübergehendes Phänomen?

Hartleb: Für die Grillini wird es schwierig, denn sie haben außer Protest selbst nichts anzubieten. Aber die Geschichte des Rechtspopulismus zeigt, dass Protestparteien auch kontinuierlich Erfolg haben können.

ZEIT ONLINE: Was können die alten Parteien dem Erfolg populistischer Gruppen entgegensetzen?

Hartleb: Wenn etablierte Parteien mit den Populisten interagieren, ist das auch eine Chance. Denn Protestparteien sind Indikatoren dafür, dass etwas falsch läuft, und werden dadurch zu Vorreitern. Die Piraten sind mit dem Thema Partizipation über Internet ein Beispiel dafür. Diese Themen müssen die Etablierten aufgreifen.

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Kommentare

77 Kommentare Seite 1 von 14 Kommentieren

Richtig

Und trotzdem - jede dieser Koalitionen ist besser, wie eine Partei, die nicht bereit ist zu regieren.
Das wäre, wie wenn ich mich auf einen Job bewerbe ohne die Bereitschaft mich am Arbeitsplatz aufzuhalten.
In der letzten Regierung wurde als "Heilsbringer" ein Wissenschaftler, der nicht in den Parteien etabliert ist gesehen. Jetzt schwappte des Wählers Pendel zu einem Anti-Elitarismus oder klassisch zu einem Populisten rüber. Wer weiss - eventuell bekommen danach die Kommunisten oder die Nationalisten des Volkes Gunst.

In einem Stimme ich dem Artikel jedoch vollkommen zu. Der Aufstieg von Protestparteien sollte den etablierten Parteien ein kreischendes Warnsignal sein.