IsraelTod von mutmaßlichem Agenten setzt Israels Regierung unter Druck

Israels Ministerpräsident Netanjahu hat versucht, Medienberichte über den Tod eines mutmaßlichen Mossad-Agenten zu verhindern. Jetzt kommen Details ans Licht.

Die australische Zeitung "The Age" berichtete über den Selbstmord eines mutmaßlichen Mossadagenten in einem israelischen Gefängnis.

Die australische Zeitung "The Age" berichtete über den Selbstmord eines mutmaßlichen Mossadagenten in einem israelischen Gefängnis.  |  © William West/AFP/Getty Images

Der rätselhafte Tod eines angeblichen Mossad-Agenten in einem israelischen Hochsicherheitsgefängnis verursacht in Israel Aufregung. Der aus Australien stammende mutmaßliche Agent des Auslandsgeheimdienstes habe vor gut zwei Jahren in Isolationshaft Selbstmord begangen, berichteten mehrere israelische Medien. Der australische Sender ABC hatte den Vorfall aufgedeckt.

Am Mittwochabend bestätigte Israel erstmals offiziell die Existenz und den Tod des "Gefangenen X". Es habe sich um einen israelischen Staatsbürger gehandelt, der auch im Besitz eines ausländischen Passes gewesen sei. Aus Sicherheitsgründen sei er unter falschem Namen geführt worden. Der wahre Name wird nicht genannt.

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Noch am Dienstag hatte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu versucht, Berichte zu verhindern: Der Regierungschef hatte prominente Medienvertreter des Landes zu einer Dringlichkeitssitzung gebeten. Netanjahu soll sie aufgefordert haben, die Geschichte nicht zu veröffentlichen, weil sie Israels Ansehen schaden könnte, berichteten Medien.

Offizielle Todesursache lautete auf Ersticken

Laut ABC handelt es sich bei dem Gefangenen X um Ben Zygier, der vor zwölf Jahren nach Israel ausgewandert sei. Er soll seinen Namen in Ben Alon geändert und für den Geheimdienst Mossad gearbeitet haben. Spekuliert wird nun, er könnte als Doppelagent gearbeitet haben.

Zygier sei im Gefängnis Ayalon in Isolation gehalten worden, selbst die Wachen kannten seine Identität nicht, berichtete ABC. Es sei nie Anklage gegen den Australier erhoben worden. Ende 2010 wurde der damals 34-jährige Mann erhängt in seiner Zelle gefunden. Die Todesursache lautete auf Ersticken. Nicht bekannt ist, was ihm damals vorgeworfen wurde.

Keinerlei Anzeichen für Selbstmord

Ein bekannter israelischer Rechtsanwalt hatte Zygier einen Tag vor dessen Tod getroffen. Avigdor Feldman sagte der israelischen Nachrichtenseite ynet in der Nacht zum Donnerstag: "Als ich ihn gesehen habe, gab es keinerlei Anzeichen dafür, dass er Selbstmord begehen könnte." Feldman sagte, Zygier habe sich rational verhalten und habe Möglichkeiten seiner Verteidigung erwogen.

Die australische Zeitung The Age berichtete, vor seiner Inhaftierung in Israel sei der australische Geheimdienst auf Zygier aufmerksam geworden, der ihn verdächtigte, den Pass seines Heimatlandes für Spionagereisen in arabische Länder und in den Iran missbraucht zu haben. Unter anderem steht Zygier im Verdacht, in die Ermordung des Hamas-Chefs Mahmoud Al-Mabhouh im Jahr 2010 in den Vereinigten Arabischen Emiraten verwickelt gewesen zu sein. Eine andere Spur führt in den Iran: Gemeinsam mit zwei weiteren Australiern, die ebenfalls israelische Staatsbürger waren, soll Zygier laut Guardian in Europa im Auftrag des Geheimdienstes Mossad eine Scheinfirma gegründet haben. Diese habe elektronische Bauteile in den Iran verkauft.

Offenlegung weiterer Details gefordert

Israels Bürgerrechtsverband hat auf die Freigabe weiterer Details gedrängt. Auch Abgeordnete im Parlament forderten eine Offenlegung des Vorfalls. Der arabische Abgeordnete Ahmed Tibi rief Justizminister Jaakov Neeman dazu auf, zu den Berichten Stellung zu nehmen. Sahava Galon von der linksliberalen Merez-Partei sagte: "Die Regierung hätte von sich aus das Parlament und die Öffentlichkeit über diese schwerwiegende Affäre informieren müssen."

Der ehemalige israelische Außenminister Avigdor Lieberman warf den Parlamentariern vor, sie wollten der Staatssicherheit schaden. Australiens Außenminister Bob Carr ordnete unterdessen eine Untersuchung des Vorfalls an. Der Leichnam wurde nach Angaben von ABC im Dezember 2010 nach Melbourne geflogen und dort auf dem jüdischen Friedhof beerdigt.

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Leserkommentare
  1. Nie angeklagt...

    Angeblicher Selbstmord in einer rund um die Uhr kameraüberwachten Zelle...

    Ich stelle mir jetzt einfach mal vor, was Frau Merkel sagen würde, wenn derartiges aus Syrien bekannt würde. Oder aus dem Iran...

    Und dann vergleiche ich das mal mit dem, was Frau Merkel jetzt zu Israel zu sagen hat.
    WENN sie etwas dazu sagt!

    27 Leserempfehlungen
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    Wo steht das im Artikel? Oder ist das zwischen den Zeilen, da hab nicht so genau hingeschaut.

    ...die Folterzentren Assads sind doch bei Frau Pillay von der UN und auch bei human rights watch bestens dokumentiert, und die Verbrechen an Gefangenen im Iran bei amnesty, vgl.

    http://www.hrw.org/de/new...

    sowie

    www.amnesty-iran.de

    da sollte man mit Einzelfällen in Israel, die noch nicht einmal abgeklärt sind, nicht ablenken.

    • scoty
    • 14. Februar 2013 16:54 Uhr

    und wer weiß schon wieviele Unschuldige noch hinter Gittern sitzen.

    Besatzung, Imperialismus und Rechtsstaatlichkeit sind langfristig unvereinbar, das schrieb Hanna Ahrendt bereits 1955:

    "On the whole it was a failure because of the dichotomy between the nation-state's legal principles and the methods needed to oppress other people permanently."

    zitiert nach "Chalmers Johnson: Empire v. Democracy: Why Nemesis Is at Our Door"

    http://www.antiwar.com/en...

    Chalmers Johnson über die neokonservative Ideologie, den "militärisch-industriellen Komplex" (Eisenhower) und deren Folgen für die Demokratie. Da man den Zionismus unbedingt im Zusammenhang mit der neokonservativen Ideologie und die genannten Phänomene sehen muss, passen seine Ausführungen sehr gut zu der Situation im heutigen Israel:

    https://www.youtube.com/w...

    Johnson erkannte diese Gefahren bereits vor dem 11. September 2001.

  2. wo hier der Knüller bzw. die Affaire ist? Sterben Geheimagenten nicht fast täglich irgendwo heimlich auf der Welt? Sind Geheimdienste nicht ein notwendiges Übel um Schlimmeres zu verhindern? Das ist doch alles hinreichend bekannt. Was ist also an diesem einen Agenten so besonders, dass die Medien so einen Zirkus veranstalten?

    3 Leserempfehlungen
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    • doof
    • 14. Februar 2013 15:33 Uhr

    das Besondere des Falles wird hier nicht so deutlich wie z.B. in diesen beiden Artikeln:

    http://www.nzz.ch/aktuell...

    http://www.faz.net/aktuel...

    die mit dem eigentlich Skandalösen des Falles beschäftigen.

    Warum wurde der Mann in Isolationshaft gehalten bevor er Suizid beging? - oder begangen wurde...

    Warum erfuhren nicht einemal seine Wächter wer er überhaupt ist bzw. war?

    Was war an diesem Agent so wichtig, daß er nicht "einfach" wie so viele seiner Kollegen einen stillen, anonymen Tod gestorben ist...???

    • doof
    • 14. Februar 2013 15:33 Uhr

    das Besondere des Falles wird hier nicht so deutlich wie z.B. in diesen beiden Artikeln:

    http://www.nzz.ch/aktuell...

    http://www.faz.net/aktuel...

    die mit dem eigentlich Skandalösen des Falles beschäftigen.

    8 Leserempfehlungen
  3. Die Regierung versucht die Presse mundtot zu machen? Ich bin fassungslos. Und das in einem westlichen Land, einem Bollwerk gegen die fundamental undemokratischen Länder drumherum. Der glorreiche.

    Immerhin schreien in Israel die Bürgerrechtler auf. Von denen hört man bei uns nichts.

    http://www.zeit.de/2013/0...

    9 Leserempfehlungen
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    und in Israel dürfen die Bürgerrechtler auch aufschreien.... Anders als in den von einigen hier heißgeliebten und verharmlosten Diktaturen.

    • zfat99
    • 14. Februar 2013 15:57 Uhr

    Vor 2 Jahren hat die israelische Regierung Australien offiziell über den Selbstmord informiert.

    via ZEIT ONLINE plus App

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    • doof
    • 14. Februar 2013 16:05 Uhr

    Öffentlichkeit nicht, im Gegenteil, da hat sie verhindern wollen, dass irgendwas nach aussen dringt.
    Und DAS ist das Thema und nicht wie der Artikel durch seinen ausufernden Bericht über Ben Zygiers (oder wie auch immer) Biographie suggerieren will.
    Interessant ist allerdings das Detail, dass dieser vermutlich in die Attentate in den VAE verwickelt sein könnte.
    Da frag ich mich dann schon, was der danach in so einer Zelle in Israel zu suchen hatte?
    Wollt er vielleicht da nicht mehr mitspielen?

    ...so offiziell ist Australien informiert worden, dass die Regierung jetzt erst mal jedes Wissen bestritten hatte - um danach einzuräumen, es habe da doch eine "Information" gegeben - nur was für eine? Nur um den Sachverhalt etwas plastischer zu haben, stellen Sie sich das mal mit einem deutschen Bürger vor, von dessen Verschwinden und Tod die Öffentlichkeit auf diesem Weg und unter diesen Umständen erfährt.
    Australiens Geheimdienst bemüht sich derweilen herauszubekommen, was für Beteiligte an Mossad-Aktionen (inkl. Tötungsaktionen) gefälschte oder echte australische Papiere benutzten. Gähn? Schon klar... Alles eindeutig, alles sauber, alles normal. Zumindest darf hoffentlich diskutiert werden, ab wann die Mittel den eigentlich vorhandenen demokratischen, rechtsstaatlichen und moralischen Anspruch in Frage stellen.

    • Jakoro
    • 14. Februar 2013 18:17 Uhr

    was bei 24/7 Überwachung getrost bezweifelt werden kann.

    • doof
    • 14. Februar 2013 16:05 Uhr

    Öffentlichkeit nicht, im Gegenteil, da hat sie verhindern wollen, dass irgendwas nach aussen dringt.
    Und DAS ist das Thema und nicht wie der Artikel durch seinen ausufernden Bericht über Ben Zygiers (oder wie auch immer) Biographie suggerieren will.
    Interessant ist allerdings das Detail, dass dieser vermutlich in die Attentate in den VAE verwickelt sein könnte.
    Da frag ich mich dann schon, was der danach in so einer Zelle in Israel zu suchen hatte?
    Wollt er vielleicht da nicht mehr mitspielen?

    8 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Gähn....."
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    • doof
    • 14. Februar 2013 16:07 Uhr

    "...suggieren will dessen Lebenslauf."

    • doof
    • 14. Februar 2013 16:07 Uhr

    "...suggieren will dessen Lebenslauf."

    Antwort auf "Aber die "
  4. ...so offiziell ist Australien informiert worden, dass die Regierung jetzt erst mal jedes Wissen bestritten hatte - um danach einzuräumen, es habe da doch eine "Information" gegeben - nur was für eine? Nur um den Sachverhalt etwas plastischer zu haben, stellen Sie sich das mal mit einem deutschen Bürger vor, von dessen Verschwinden und Tod die Öffentlichkeit auf diesem Weg und unter diesen Umständen erfährt.
    Australiens Geheimdienst bemüht sich derweilen herauszubekommen, was für Beteiligte an Mossad-Aktionen (inkl. Tötungsaktionen) gefälschte oder echte australische Papiere benutzten. Gähn? Schon klar... Alles eindeutig, alles sauber, alles normal. Zumindest darf hoffentlich diskutiert werden, ab wann die Mittel den eigentlich vorhandenen demokratischen, rechtsstaatlichen und moralischen Anspruch in Frage stellen.

    9 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Gähn....."

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, sk
  • Schlagworte Israel | Benjamin Netanjahu | Regierung | Tod | Avigdor Lieberman | Geheimdienst
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