Für Angela Merkel, die bis zur Italienwahl unbesiegbar schien, wird es jetzt ernst. Kehrt die Eurokrise infolge des politischen Stillstands im größten und wichtigsten EU-Krisenland mit Macht zurück, gerät auch sie ins Wanken. Bei der Bundestagswahl im Herbst könnte es für sie knapp werden, wenn die deutschen Wähler den Italienern folgen und sich gegen die bisherige Eurorettungspolitik wenden. Ihren Kurs unbeirrt fortzusetzen, mag dem Naturell der Kanzlerin entsprechen. In der Vergangenheit hat es ihr Erfolg beschert, sich nicht Stimmungen hinzugeben und Widerstände auszusitzen. Aber in der jetzigen Situation wäre es töricht.

Denn es geht um weit mehr als nur um die richtige Finanz- und Wirtschaftspolitik als Antwort auf die Eurokrise. Es geht um die Legitimation Europas und des demokratischen Systems. Noch gibt es in Deutschland keine Populisten à la Berlusconi und Grillo, von Oskar Lafontaine und seiner Linkspartei und den fast verblichenen Piraten einmal abgesehen. Aber die Versuchung, sich von der Politik insgesamt abzuwenden, ist auch hierzulande stark. Sie könnte im Herbst Ausdruck finden in einer geringen Wahlbeteiligung und einem politischen Patt wie in Rom, das nur eine neuerliche Große Koalition zulässt.

Wenn die unter Merkels Führung allerdings den bisherigen Kurs fortsetzt, könnten auch in Deutschland die politischen Ränder erstarken. Dann drohen italienische Verhältnisse.