Protestwahl: Italien hat Merkel abgewählt
Die Politiker in Berlin und Brüssel sind entsetzt über das Wahlergebnis in Rom. Dabei hätten sie allen Grund, sich selbst zu hinterfragen, kommentiert Ludwig Greven.
© Gregorio Borgia/AP Photo/dpa

Wahlplakate von Berlusconis Partei "Volk der Freiheit" in Rom
Zuerst erwischte es vor einem Jahr Nicolas Sarkozy. Nachdem er sich der Sparpolitik Angela Merkels gebeugt und den Fiskalpakt unterzeichnet hatte, wählten ihn die Franzosen ab und an seiner Stelle den Sozialisten François Hollande, der eine sozialere Politik versprach.
Im Juni straften dann die Griechen die Sozialisten ab, die in ihrem Land die harte Sanierungspolitik maßgeblich durchgesetzt hatten. Stattdessen wählten sie die Konservativen, die diesen Kurs lange abgelehnt hatten, und Linksradikale, die fundamental dagegen sind. In Spanien und Portugal gehen die Bürger ebenfalls seit Monaten gegen die aus Berlin und Brüssel verordnete Politik der strikten Haushaltssanierung auf die Straße. Die konservativen Regierungen in beiden Ländern liegen in Umfragen weit hinten; es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis sie gleichfalls abgelöst werden.
Und nun Italien. Auch dort haben sich die Wähler eindeutig gegen die Austeritätspolitik deutscher Prägung entschieden. Wie konnte das passieren?, fragen sich erneut Politiker und Meinungsbildner in Deutschland und anderen Ländern des EU-Nordens. Weshalb haben Italiens Wähler die "Richtigkeit" des eingeschlagenen Reformkurses nicht erkannt und stattdessen lieber die Unregierbarkeit gewählt?
Fatale Rosskur
Dabei ist die Antwort ganz einfach: Die Bürger im Süden des Kontinents haben genug von einer Politik, die sie für Fehler der Vergangenheit büßen lässt und ihnen immer neue Opfer abverlangt. Sie leiden unter einer oktroyierten Austeritätspolitik, die ihnen um den Erhalt des Euro willen wachsende Verelendung, höhere Steuern, Arbeitslosigkeit und eine dauerhafte Rezession beschert.
Politiker müssen auch führen. Sie dürfen dem Volk nicht immer nur den bequemen, einfachen Weg versprechen. Deshalb war es richtig, dass die Regierungen in Frankreich, Griechenland, Italien, Spanien und Portugal ihren Bürgern klar gemacht haben, dass sie nicht auf Dauer über ihre Verhältnisse leben können und die Verschuldungspolitik der vergangenen Jahrzehnte falsch war und ihre Länder und Europas Gemeinschaftswährung an den Abgrund geführt hat.
Aber die falsche Politik der Vergangenheit durch eine zu ersetzen, welche die Bürger für ebenso fatal halten, kann keine Lösung sein. Statt jetzt die Italiener für ihre vermeintliche Dämlichkeit zu verachten, sollten die Politiker in Berlin und Brüssel endlich versuchen zu verstehen, was die Menschen im Süden der EU bewegt und in ihre Protesthaltung treibt. Die Bürger müssen nicht recht haben, ihr Votum mag sogar unvernünftig sein. Aber letztlich sind sie es, die den Kurs bestimmen. Keine Regierung kann dauerhaft gegen das Volk anregieren, jedenfalls nicht ungestraft. Politik braucht in einer Demokratie Legitimation durch Wahlen. Lehnen die Bürger den eingeschlagenen Kurs nachdrücklich ab, sollte die Politik Konsequenzen ziehen.





Viele der Antworter auf Ihrem Kommentar halten sich prompt für schlauer.
So von wegen hey, wenn das so einfach wär, wieso haben wir unseren Super-Milliardären dann nicht längst Einhalt geboten. Nee, das geht schon in Ordnung, die haben ihr Geld redlich verdient, und benutzen es auch nur zum Wohle aller.
Klar.
http://www.ftd.de/politik...
Hier, die reichsten 10% der deutschen Privathaushalte besitzen 53% des Vermögens. Die ärmeren 50% besitzen nur 1%. Was sagen unsere Neunmalklugen zu diesen Zahlen?
Ich bin weder linksradikal noch sonst irgendwas. Aber als jemand mit gesundem Menschenverstand sage ich, das geht nicht mit rechten Dingen zu. Das ist Wahnsinn.
Wenn ich Diskussionen lese wie, ob Leute wie der 6-Mrd schwere Plattner die Hälfte (Ha!) ihres Vermögens spenden sollten, kann ich wirklich nur den Kopf schütteln über die Verblendung der Anhänger unseres ungezähmten Marktes.
Was spricht denn bitte dagegen, dass diese Leute, sagen wir, Steuersätze von 90% oder mehr zahlen? Dann kommen wir gar nicht erst in solche Miseren, in der Europa jetzt ist. Das wär auch verdammt nochmal kein Kommunismus, sondern soziale Marktwirtschaft.
Aber nein, wir haben ALLE über unsere Verhältnisse gelebt, und wir müssen eisern sparen, um die Zinserträge unserer 6-Mrd-Leute zu sichern.
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