"Wir haben gewonnen", sagt eine laute Männerstimme hinter mir. Ich trinke gerade meinen Morgenkaffee in einer Mailänder Bar und verschlucke mich vor Überraschung. Wer kann an diesem Tag jubeln? Die Wahl hat ein politisches Patt produziert. Wie Italien künftig regiert werden kann, ist völlig unklar. Jubelt ein Berlusconi-Fan? Der Ex-Premier hat mit seinem Mitte-Rechts-Bündnis überraschend stark abgeschnitten. Oder ist es ein Anhänger der Fünf-Sterne-Bewegung? Weder noch. Der junge Mann mit dem bunten Schal spricht über Fußball, nicht über italienische Politik.

Ich hatte erwartet, dass jeder in Mailand am Tag nach der Wahl mit einer Tageszeitung vor Augen durch die Stadt laufen würde, um zu erfahren, was mit Italien passieren wird. Statt dessen eilen die Menschen mit gesenktem Kopf zur Arbeit. Ein älterer Herr breitet eine Tageszeitung aus, die jemand auf den Rand eines Mülleimers gelegt hat. Er blickt kurz auf die Titelseite, schüttelt den Kopf und wirft die Zeitung in den Eimer.

Eine matte Wintersonne hat das stürmische Wetter der Wahltage abgelöst. Im hellen Licht sehen die Horrorszenarien der vergangenen Nacht – Regierungschaos, Börsensturz – weniger erschreckend aus. Wenn ich mir die entscheidende Frage stelle – "Was passiert jetzt?" – überkommt mich Schwindel. Vielleicht ist jetzt alles möglich? Viele Kommentatoren –  italienische und ausländische – konzentrierten sich aber lieber auf die Frage "Wie konnte es dazu kommen?" beziehungsweise "Wie konnten die Italiener so dämlich sein?"

Zuflucht in einer Utopie

Hätte ich diesen Text am Wahltag geschrieben, hätte ich vermutlich so geantwortet: Meine Mitbürger wenden sich nicht nur von Europa ab; sie verweigern sich der Gegenwart – einer Gegenwart, die von der schlimmsten Rezession der Nachkriegszeit gekennzeichnet ist. Sie suchen Zuflucht in einer utopischen Welt, in der man keine Steuern mehr zahlen muss und korrupte Politiker einfach verschwinden.

Unverbesserlich hätte ich meine Mitbürger noch vor 24 Stunden genannt, ihnen vorgeworfen, dass sie kein Verantwortungsgefühl haben. Statt an die Stabilität der Euro-Zone zu denken, ließ sich ein Drittel der Italiener von Berlusconis Versprechen einwickeln, er würde ihnen die Immobiliensteuer zurückzahlen.

Doch während ich durch Mailand spaziere, ändert sich meine Meinung. 

 Die Italiener haben für Reformen gestimmt

Ich sehe viele junge Menschen, die ziellos durch die Straßen zu streifen scheinen. Ihre Miene ist finster. Sie genießen die Sonne nicht. Arbeitslos zu sein ist in der Wirtschaftshauptstadt Italiens eine Schande.

Viele meiner Freunde haben in den vergangenen Jahren ihre Arbeit verloren. Viele mussten zurück zu den Eltern ziehen – nicht, weil es ihnen im Hotel Mama gefällt, sondern aus Not.

Montis Sparmaßnahmen haben eine bereits schwierige Situation noch schlimmer gemacht. Die Arbeitsmarktreform hat bisher keine neuen Arbeitsplätze geschaffen. Die fortdauernde Kreditklemme zwang viele Unternehmen in die Knie. Dabei wurden etwa 400.000 Arbeitnehmer gezwungen, in Frührente zu gehen. Die Rentenreform verschob allerdings gleichzeitig das Renteneintrittsalter. So blieben diese sogenannten Esodati (die Abgeschobenen) ohne Einkommensquelle. Im Radio erzählt einer von ihnen, dass er sein Haus verloren hat und jetzt in einer Notunterkunft lebt.

Dramatische Berichte in den Medien haben den Eindruck verstärkt, dass mein Land langsam verelendet. Die Italiener fühlen sich immer unsicherer. Wer kann unter diesen Umständen schon an den globalen Kontext denken und entsprechend wählen? Silvio Berlusconi und Beppe Grillo hatten keine Schwierigkeiten, Europa und vor allem Deutschland für die Misere des Landes verantwortlich zu machen statt hausgemachter Politik.

Deshalb lässt sich das Wahlergebnis auch anders interpretieren: Die Italiener haben sich eben nicht von Europa abgewendet. Sie haben der strengen Sparpolitik, die ihnen von der EU aufgedrängt wurde, eine Absage erteilt. Die italienische Krise könnte die EU nun zwingen, in der Haushaltspolitik umzudenken. Oder zumindest, die hohen gesellschaftlichen Kosten dieser Politik wahrzunehmen.

Hätte ich diesen Text am Wahltag geschrieben, hätte ich geschrieben, dass es für Italien keine Hoffnung mehr gibt. Jetzt versuche ich, die Lage positiv zu betrachten. Der Erfolg von Beppe Grillos Fünf-Sterne-Bewegung zeigt: Viele Italiener wünschen sich eine radikale Erneuerung der politischen und wirtschaftlichen Institutionen des Landes.

Es sind zwar die Institutionen, die im Namen privater Interessen das Land in eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Stagnation versinken ließen. Deshalb kann sich niemand vorstellen, dass eine Reform kurzfristig gelingen wird. Alle Parteien werden allerdings ab jetzt mit diesem Wunsch rechnen müssen.