ParlamentswahlWie konnten die Italiener so dämlich sein?

Unverbesserliche Italiener? Das Wahlergebnis zeigt etwas anderes, schreibt Fabio Ghelli aus Mailand. Sie wollen Reformen und wehren sich gegen Verelendung. von 

Am Tag nach der Wahl in Rom

Am Tag nach der Wahl in Rom  |  © Max Rossi/Reuters

"Wir haben gewonnen", sagt eine laute Männerstimme hinter mir. Ich trinke gerade meinen Morgenkaffee in einer Mailänder Bar und verschlucke mich vor Überraschung. Wer kann an diesem Tag jubeln? Die Wahl hat ein politisches Patt produziert. Wie Italien künftig regiert werden kann, ist völlig unklar. Jubelt ein Berlusconi-Fan? Der Ex-Premier hat mit seinem Mitte-Rechts-Bündnis überraschend stark abgeschnitten. Oder ist es ein Anhänger der Fünf-Sterne-Bewegung? Weder noch. Der junge Mann mit dem bunten Schal spricht über Fußball, nicht über italienische Politik.

Ich hatte erwartet, dass jeder in Mailand am Tag nach der Wahl mit einer Tageszeitung vor Augen durch die Stadt laufen würde, um zu erfahren, was mit Italien passieren wird. Statt dessen eilen die Menschen mit gesenktem Kopf zur Arbeit. Ein älterer Herr breitet eine Tageszeitung aus, die jemand auf den Rand eines Mülleimers gelegt hat. Er blickt kurz auf die Titelseite, schüttelt den Kopf und wirft die Zeitung in den Eimer.

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Eine matte Wintersonne hat das stürmische Wetter der Wahltage abgelöst. Im hellen Licht sehen die Horrorszenarien der vergangenen Nacht – Regierungschaos, Börsensturz – weniger erschreckend aus. Wenn ich mir die entscheidende Frage stelle – "Was passiert jetzt?" – überkommt mich Schwindel. Vielleicht ist jetzt alles möglich? Viele Kommentatoren –  italienische und ausländische – konzentrierten sich aber lieber auf die Frage "Wie konnte es dazu kommen?" beziehungsweise "Wie konnten die Italiener so dämlich sein?"

Zuflucht in einer Utopie

Hätte ich diesen Text am Wahltag geschrieben, hätte ich vermutlich so geantwortet: Meine Mitbürger wenden sich nicht nur von Europa ab; sie verweigern sich der Gegenwart – einer Gegenwart, die von der schlimmsten Rezession der Nachkriegszeit gekennzeichnet ist. Sie suchen Zuflucht in einer utopischen Welt, in der man keine Steuern mehr zahlen muss und korrupte Politiker einfach verschwinden.

Unverbesserlich hätte ich meine Mitbürger noch vor 24 Stunden genannt, ihnen vorgeworfen, dass sie kein Verantwortungsgefühl haben. Statt an die Stabilität der Euro-Zone zu denken, ließ sich ein Drittel der Italiener von Berlusconis Versprechen einwickeln, er würde ihnen die Immobiliensteuer zurückzahlen.

Doch während ich durch Mailand spaziere, ändert sich meine Meinung. 

Leserkommentare
  1. auf den Arm nehmen ... haha, nein, darauf falle ich nicht herein.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Schade eigentlich,"
    • WolfHai
    • 26. Februar 2013 19:59 Uhr

    Für mich ist diese Wahl ein Ergebnis der Euro-Währungsunion: Der Euro degradiert die südlichen Länder der EU zu Protektoraten der EU-Bürokratie in Brüssel und Frankfurt (EZB) und zu Unterworfenen der Forderungen der Merkel-Regierung nach "Sparen, Sparen, Sparen". Solange diese Länder am Euro festhalten, sind ihre Politiker gegenüber dem Elend ihrer Länder machtlos, sie sind "Pro-Konsuln von Frau Merkel", wie Nobelpreisträger Paul Krugman von der N.Y. Times schreibt.

    Es wundert daher nicht, dass die Bevölkerung nationale, anti-europäische sowie irrationale Ressentiments entwickelt und entsprechend wählt. Deutschland kennt das aus der Weimarer Zeit. Einige mögen die Hoffnung haben, dass die Euro-Krise jetzt bald überwunden ist und sich damit auch die politischen Gefühle beruhigen. Ich glaube dies nicht; insbesondere die "realen Wechselkurse" deuten keinesfalls auf ein Krisenende. Entsprechend werden wir wohl Vergleichbares in anderen südlichen Euro-Ländern erleben - Spanien, Portugal, Griechenland.

    Aber die deutsche Bevölkerung sucht die Schuld lieber bei angeblichen Charakterfehlern der anderen und unterstützt Frau Merkel.

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  2. "Als Italienerin bin ich sprachlos: jede zweite Italiener muss Depp sein, da 50% Italiener entweder Berlusconi oder
    Grillo gewählt haben."

    vielleicht ist das ja verständlich, wenn man sich die Art und Weise überlegt, wie z.B. Berlusconi die Deutschen für seine hausgemachten von ihm hinterlassenen Probleme verantwortlich gemacht hat.
    Es gibt in Deutschland keinen Megareichen Medienunternehmer mit einem "Renommeee" wie Berlusconi. Aber wie würden die Italiener wohl reagieren, wenn die Deutschen zu 50% Friede Springer und Stefan Raab gewählt hätten?
    Sprachlos bin ich übrigens auch: angesichts der Tatsache dass dieser verurteilte Mann in einem demokratischen Land als Politiuker überhaupt noch eine Chance hat..

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    Antwort auf "sprachlos..."
  3. Es ist eine Ohrfeige für die Realisten! Wir in Europa haben uns angewöhnt, schöne Träume in jeden Fall für realisierbar zu halten.
    Wie unsere Wirtschaft funktioniert, wenn man diese "Wünsch dir was"-Runde weitermacht, sieht man an H&M, an kik, an Schlecker, an Quelle und an alle Unternehmen, die damit kämpfen, dass sie zu Niedrigstpreisen verkaufen sollen, weil die Verbraucher nichts bezahlen wollen, während sie dann die streikenden Arbeitnehmer unterstützen, wenn sie höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen, sicherere Arbeitsplätze, höhere Renten, bessere soziale Absicherungen, am besten Übernahmegarantien mit Kündigungsschutz auch im Fall der Unternehmenspleite wünschen. Nur: wer bezahlt das denn, wenn die Preise niedrig sein müssen? Ähnliche Bedingungen herrschen nämlich in Italien, nicht ganz weit davon entfernt ist auch Frankreich. Diese Rundumversorgung kostet den Staat viel Geld, erfordert zusätzlich hohe Personalkosten für die staatliche Verteilungsmaschine (die in Italien auch noch ineffizient ist), und schwächt die Wirtschaft. Oder die Löhne und Preise gehen gleichzeitig rauf. Dann hat niemand was davon, es schadet nur der Wirtschaft und der Jugend.
    Fordern kann man viel, wenn der Tag lang ist und man sich auf der sicheren Seite wähnt. Die Jungen zahlen die Zeche: Sie bekommen in all diesen Ländern keine Verträge und dürfen noch die Schulden der alten Egoisten bezahlen!

    3 Leserempfehlungen
    • Xdenker
    • 26. Februar 2013 20:02 Uhr

    "Und das ist richtig so! Italien ist ein souveräner Staat, mit souveränen Bürgern, denen die EU überhaupt nichts aufzudrängen hat!"

    ... wenn es auf Hilfen der EZB und anderer Staaten verzichtet.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Gut gewählt, Italien!"
  4. Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?

    Frei nach Berthold Brecht

    Leute, regt euch wochenlang über Pferdefleisch in der Lasagene auf, über den Bio-Eier-Skandal, nur nicht über Arbeitsbedingungen für Leiharbeiter bei Amazon.

    Der Mensch zählt nicht mehr, seine Grundrechte auch nicht. ER wird ausgebeutet ohne Scham. Hauptsache, der Rubel rollt und Frau Aigner prüft und prüft und die Parteien machen Versprechungen, die sie eh nicht halten. Und da soll man die Italiener nicht verstehen bzw. einen Teil von ihnen, wenn sie so ein Chaos wählen?

    5 Leserempfehlungen
  5. ihre Frage: "Wie konnten die Italiener so dämlich sein?" ist m. E. eine logische Konsequenz auf die "Hand- und Fussfessel-Politik" der Euro-Zone.

    Durchaus verständlich, dass man sich von einer nicht realisierbaren Aufgabe abwendet.

    Primär sind dies Entscheidungen, Wahlen, die auf emotionaler Basis getroffen werden - nicht auf ökonomischer.

    Mit "Dummheit" hat dies nichts zu tun.

    Beste Grüße

    3 Leserempfehlungen
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    • Jouba
    • 26. Februar 2013 20:25 Uhr

    Es war nicht seine Frage. Wenn Sie den Artikel gelesen hätten, wüssten Sie das.

  6. Benennen Sie mir bitte die "dämlichen Italiener" mit Namen, die zur Wahlurne gegangen sind, um das Patt zu wählen, wie es sich jetzt darstellt. Geht das überhaupt? Ich kenne nicht einen Einzigen...

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    Silvio Berlusconi - ihm war egal, was dabei rauskommt. Hauptsache er steht im Mittelpunkt der Diskussion und ohne ihn geht nichts.

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