Auch Stunden nach Schließung der Wahllokale ist unklar, ob sich in Italien eine stabile Regierung bilden kann. Zwar hat das Bündnis der linken Mitte laut Hochrechnungen eine deutliche Mehrheit im Abgeordnetenhaus – Bersani erklärte sich hier bereits zum Sieger. Für die zweite Kammer des Parlaments, den Senat, ist aber noch offen, wer gewonnen hat. Einer Hochrechnung des Instituts Piepoli zufolge liegt das Mitte-Rechts-Bündnis von Silvio Berlusconi vor dem Mitte-Links-Bündnis.

Laut Hochrechnungen der Zeitung La Repubblica hat Bersanis Bündnis mit 29,6 Prozent zwar einen leichten Vorsprung vor Berlusconi mit 29,1 Prozent der Stimmen. Der Zeitung zufolge kommt Berlusconis Mitte-Rechts-Bündnis aber auf 113 bis 123 der 315 Senatssitze, während Bersanis Bündnis nur mit 104 bis 105 Sitzen rechnen kann. Die Allianz des bisherigen Regierungschefs Mario Monti kommt auf lediglich 17 bis 20 Sitze. Selbst wenn Bersani und Monti eine Koalition eingehen, sind sie damit von der Mehrheit von 158 Sitzen weit entfernt.

Für die Mehrheit im Senat ist nicht der prozentuale Stimmenanteil ausschlaggebend, sondern die Anzahl der Sitze. Berlusconis Mitte-Rechts-Bündnis kommt auf mehr Mandate, weil es in entscheidenden Regionen wie der Lombardei oder Sizilien die Mehrheit der Stimmen gewinnen konnte.

Drittstärkste Kraft wurde die Bewegung "Fünf Sterne" des Komikers Beppe Grillo, die auf 57 bis 63 Mandate kam. Grillo hatte aber bereits vor der Wahl jede Koalitionsbildung ausgeschlossen.

Bersani im Abgeordnetenhaus vorne

Im Abgeordnetenhaus fiel das Ergebnis eindeutiger für das Mitte-Links-Bündnis aus. Laut den Hochrechnungen der Fernsehsender RAI und Sky TG-24 kann das Bersani-Bündnis dank des Wahlrechts mit 340 der 630 Sitze rechnen. Laut den vom Innenministerium im Internet veröffentlichten Teilergebnissen nach Auszählung von rund 75 Prozent der Stimmen liegt Bersanis Lager bei 30,14 Prozent, das Bündnis von Berlusconi bei 28,62 Prozent. Das italienische Wahlrecht sieht vor, dass die Wahlallianz mit den meisten Stimmen – unabhängig von ihrer Stimmenzahl – 55 Prozent der Sitze im Unterhaus erhält.

In einer ersten Reaktion warnte das Mitte-Links-Bündnis vor einer politischen Blockade. "Wenn die Dinge so bleiben, wird das nächste Parlament unregierbar sein", sagte der stellvertretende Chef der Demokratischen Partei (PD), Enrico Letta, dem Fernsehsender Rai. Dann müsse man zu den Wahlurnen zurückkehren.

Die Neuwahl war nötig geworden, nachdem der parteilose Regierungschef Mario Monti zurückgetreten war. Staatschef Giorgio Napolitano löste daraufhin im Dezember das Parlament auf. In der Lombardei sowie den Regionen Latium und Molise gibt es gleichzeitig Regionalwahlen.

In Europa war das Wahlergebnis mit Spannung erwartet worden. Börsenmakler und viele ausländische Politiker befürchteten unklare Machtverhältnisse in der drittgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone. Aus ihrer Sicht braucht das hoch verschuldete und in einer tiefen Rezession steckende Land dringend eine stabile Regierung.

Allein in dieser Woche will sich Italien insgesamt 20 Milliarden Euro auf den Finanzmärkten besorgen, berichtete die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Das Geld solle über den Verkauf verschiedener Anleihen eingesammelt werden. Bei der Ausgabe der ersten Papiere habe sich die Verunsicherung der Märkte angesichts der unklaren politischen Situation gezeigt: Die Investoren verlangten etwas höhere Zinsen im Vergleich zu einer Auktion im Januar.

(Stand: 25. Februar 2013, 23:52 Uhr)