US-Außenpolitik : Kerry untermauert US-Führungsrolle

Amerikas neuer Außenminister will den Führungsanspruch seines Landes vor allem diplomatisch durchsetzen. Als Vorbild nannte Kerry den Marshall-Plan.
John Kerry Mitte Januar: Damals stand er als Außenministerkandidat dem Außenausschuss des Senats Rede und Antwort © Gary Cameron/Reuters

In seiner ersten Rede als neuer US-Außenminister hat John Kerry ein Bekenntnis zur globalen Führungsrolle der Vereinigten Staaten abgelegt. "Das nationale Interesse Amerikas, die Welt zu führen, bleibt bestehen", sagte er an der Universität von Virginia in Charlottesville. In den kommenden vier Jahren werde er gemeinsam mit Präsident Barack Obama dafür sorgen, dass Washington international weiter Verantwortung übernimmt. Die USA seien in der Welt "unverzichtbar".

Um die Bedeutung des Engagements zu unterstreichen, erinnerte Kerry an den Marshall-Plan, mit dem Washington den westeuropäischen Ländern nach dem Zweiten Weltkrieg beim Wiederaufbau geholfen hatte. Der 69-Jährige sprach dabei auch über seine Erfahrungen im Nachkriegs-Berlin. Mitte der fünfziger Jahre hatte er als Kind einige Zeit in der geteilten Stadt verbracht, weil sein Vater dort als Diplomat beim US-Hochkommissariat arbeitete. Die Unterschiede zwischen dem vom Marshall-Plan unterstützten Westen und dem sowjetischen Sektor seien "nicht zu leugnen" gewesen, sagte Kerry.

Dies gelte auch für die Gegenwart, so der Außenminister weiter. "Heute stehen wir an einem ähnlichen Scheideweg." Anstatt sich von der Welt abzuwenden, müssten die USA für ein "zweites großes amerikanisches Jahrhundert" weiter die Grundlagen für Freiheit und Wohlstand legen.

"Kein Rückzug von der Globalisierung"

Erreichen will er dies vor allem mit den Mitteln der Diplomatie und warnte in dem Zusammenhang auch vor Kürzungen im Budget für Entwicklungshilfe. "Heute Diplomaten zu entsenden ist günstiger, als morgen Soldaten zu schicken", sagte Kerry. Die Hilfen für andere Länder seien keine Almosen, sondern "Investitionen in ein starkes Amerika und in eine freie Welt". Angesichts der drohenden harten Einschnitte rief der Außenminister den Kongress auf, im Haushaltsstreit eine "verantwortungsvolle Einigung" zu finden.

Es gebe keinen Rückzug von der Globalisierung, sagte Kerry weiter. "Ich weiß, dass einige von Euch und viele im ganzen Land wünschen, dass die Globalisierung einfach verschwindet." Das sei aber unmöglich. "Kein Politiker, so mächtig er auch sein mag, kann diesen Geist wieder zurück in die Flasche bringen."

Kerry war Anfang Februar als Nachfolger von Hillary Clinton vereidigt worden. Der frühere Senator beginnt am Sonntag seine erste Auslandsreise, die ihn Anfang kommender Woche auch nach Berlin führen wird. Dort stehen neben politischen Gesprächen laut Außenministerium auch "eine Reihe öffentlicher Auftritte" auf dem Programm, darunter ein Meinungsaustausch mit jungen Deutschen über den Stand der transatlantischen Beziehungen. Weitere Stationen der anderthalbwöchigen Reise sind unter anderem Großbritannien, Frankreich, die Türkei, Ägypten und Saudi-Arabien.

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

63 Kommentare Seite 1 von 9 Kommentieren

Zu unkritisch

Die Analyse ist mir zu schwarzweiß. Beispielsweise ist die sog. demografische Katastrophe nur eine, wenn man der Wachstumsideologie unkritisch anhängt. Aber wir sehen überall auf unserem Planeten mit seinen begrenzten Ressourcen dass die globale Überbevölkerung an der Wurzel beinahe aller Probleme steht. Wenn die Bevölkerung nun wenigsens in einigen Industrieländern stagniert und langsam zurückgeht ist dies ein erster Schritt in die richtige Richtung. In vergleichbaren Kohorten ist dies in den USA nicht anders, dass die Geburtenquote dort überdurchschnittlich ist im Vergleich mit Europa liegt einerseits an einer Schicht von sehr religiösen Amerikanern, die es so bei uns einfach nicht gibt, und die Kinderreichtum religiös befürworten und Geburtenkontrolle religiös ablehnen und andererseits an der enormen Einwanderung aus Schwellen- und Entwicklungsländern, von wo die Einwanderer zumindest in der ersten Generation ihre hohen Geburtenraten mitbringen. Das heißt v.a. dass das weiße und liberale Amerika John F. Kennedys langsam "ausstirbt", um in der Wortwahl der deutschen Demografiedebatte zu bleiben. Ob das der sozioökonomischen Zukunft der USA dient bleibt abzuwarten.

Wir stehen in der westlichen Welt generell vor einem Scherbenhaufen aus Schulden, bröckelnder Infrastruktur, Überalterung der Baby-Boomer und eiskalter Konkurrenz aus Weltregionen die nicht nur billiger als wir sind sondern zunehmend auch so gut wie wir werden. Unterscheidet sich national nur in Nuancen.

Ebenfalls einseitige Sicht

Sie werfen mir eine "unkritische" Sicht im Hinblick auf die unterschiedliche demographische Entwicklung in den USA und in Europa ALS GANZEM vor.

Dazu ist zu sagen: Es mag sein, dass ich die "positiven" Aspekte des Bevölkerungsrückgangs in Europa unterbewerte.
Ich bin aber auch skeptisch gegenüber den von Ihnen erwähnten Vorteilen, eine Betrachtung, die ebenso unkritisch ist.

Es ist ja im Grunde genommen nicht so sehr der Bevölkerungsrückgang AN SICH, der in Europa bedenklich ist (trotz der weltpolitischen Verschiebung der Gewichte, die dies bedingen wird), sondern die dramatische Veränderung in der Altersstruktur, die gefährliche Folgen haben wird.
Es dürfte unstrittig sein, dass eine vergreisende Gesellschaft weit höhere Sozialkosten (zu Lasten anderer, unerlässlicher Verantwortungsbereiche) zur Folge haben wird (da ist auch das Gerede von den immer fitter werdenden "jungen Alten" hohl und wenig hilfreich), dass eine vergreisende Gesellschaft, was die unerlässliche Dynamik (technologisch, bildungspolitisch, personell) angeht, die die Position eines Landes oder eines ganzen Kontinentes im Weltgeschehen beeinflusst, zurückfällt.
Demgegenüber dürfte die von Ihnen angeführte Ressourcenentlastung faktisch weit weniger ins Gewicht fallen.
Bei einer Bevölkerungspolitik, die vernünftig ist, sollte nicht die BevölkerungsEXPLOSION im Vordergrund stehen (die in der Tat mehr Probleme schüfe als löste), sondern das Erzielen eines alterskohortenmäßig gesünderen Bevölkerungsaufbaus.

Zu Ende gedacht... (1)

..wäre dann langfristig der Autogenozid eines Volkes eine segensreiche Entwicklung für die Umwelt?

Sie überschätzen die Möglichkeit, mit dem technologische Entwicklungen menschliche Arbeitskraft überflüssig machen werden.
Sie haben insofern Recht, als "schmutzige" Arbeiten ("blue collar work") tatsächlich weithin zu automatisieren sind. Hierdurch existiert schon heute teilweise tatsächlich ein nicht mehr zu vermittelndes Subproletariat bei gleichzeitig wachsendem Arbeitskräftemangel in den Bereichen der Wirtschaft - Fachhandwerk, Maschinenbau, Forschung und Technik - in denen mehr als Muskelkraft bei verhältnismäßig geringen Anforderungen an Intelligenz gefragt ist (Um überhaupt die nötige Anzahl an hochqualifizierten Menschen zu rekrutieren, nedarf es eines ausreichen Bevölkerungspools, in dem die entsprechende berufliche Selektion erfolgen kann - ich neige nämlich nicht zu der naiven Ansicht, ALLE Menschen seien so umfassend bildungsfähig, dass man auch bei einer geringer werdenden Auswahl immer noch genug rekrutieren könnte.

Zu Ende gedacht... (2)

Richtig sagen Sie, dass die wachsende Zahl von Alten mehr Menschen in Pflegeberufen erforderlich machen wird. Allein, schon heute herrscht hier ein Mangel, der noch größer werden wird. Überspitzt formuliert könnte man Ihre Aussagen so zusammenfassen: Letztlich läuft die alternde Gesellschaft darauf hinaus, dass Technologie so viele Menschen freisetzt, dass sie die faktisch über 50% Alten im zwischenmenschlichen Kontakt betreuen können.
Das ist, von wenigen anderen Tätigkeiten abgesehen, die Rekonstituierung der Republik als Altenheim.
Das sich aber die wachsende nötige Zahl jüngerer Arbeitskräfte zur Betreuung nicht beliebig aus dem weiter schrumpfenden Geburtenpool nicht wird ergänzen lassen können, könnte der rettende Königsweg aus zwei Möglichkeiten bestehen:

1. aus einem Import von Fachkräften aus dem Ausland (und letztlich der Senkung der Standards, um dies zu ermöglichen)

2. aus einer "Automatisierung" der Betreuung, nachdem andere Bereiche der Wirtschaft automatisiert wurden, was verlockend sein dürfte, da technologische Arbeitskraft weniger anfällig ist als menschliche. Zu beobachten ist eine solche Entwicklung bereits in Japan mit seiner am schnellsten alternden Bevölkerung der Welt.
Ob dies aber einer humaneren Entwicklung im Bereich des gesamtstaatlichen Altenheims dienen wird, wage ich zu bezweifeln.