Zu Beginn seiner zweiten Amtszeit hat Barack Obama eine klare Vision für die Vereinigten Staaten entwickelt: Seine kraftvolle Antrittsrede war die Vorstellung einer provokant progressiven Agenda, die auf viele Widerstände in Washington treffen wird. Wenn der US-Präsident an diesem Dienstagabend über die Lage der Nation spricht, wird er seine politische Strategie für diese Agenda mitteilen.

Reicht er den Republikanern, die im Kongress jedes seiner Vorhaben blockieren können, die Hand und schwört sie auf gemeinsame Anstrengungen ein? Oder setzt er, gestärkt durch den anhaltenden Rückhalt der Amerikaner nach seiner Wiederwahl, den aggressiven Ton fort?

"Für ihn sind die Reden zwei Akte desselben Schauspiels", kündigte Obamas Sprecher Jay Carney bereits an. Er dürfte also eher nicht hinter seine kompromisslosen Forderungen nach strengerer Waffenkontrolle, einer Reform der Einwanderung, voller Gleichberechtigung für Frauen und Homosexuelle oder einer Lösung für Staatsschulden und Steuergesetzgebung zurückfallen.

Der Präsident mag die eine oder andere Formulierung finden, um nicht ganz den Anschein zu verlieren, eine Kooperation mit dem politischen Gegner sei noch immer möglich. Doch die beinahe flehenden Aufrufe seiner ersten Amtszeit, die Gräben zwischen den Parteien müssten überwunden werden, dürften der Vergangenheit angehören.

Obama hat die Mehrheit der Amerikaner hinter sich

Eine solche Strategie, auf die seit Jahresbeginn alles hindeutet, ist kühn, denn sie birgt große Gefahren. Die Amerikaner sehen in den ideologisch festgefahrenen Konflikten, die den Kongress lähmen, das größte Hindernis für jede Veränderung. Auch Obama weiß, dass die Republikaner durchaus weiterhin in der Lage sind, ihn auszubremsen. Vertritt er also eine als allzu hart empfundene Linie, setzt er die hohe Popularität aufs Spiel, die er in diesen Tagen genießt. Und die Grand Old Party hätte allen Grund, diesem Präsidenten jegliches Entgegenkommen zu verweigern.

Doch bis zu einem gewissen Grad wird er es darauf ankommen lassen können. Denn die Republikaner sind in der Defensive, sie sind gespalten und schwach, die Öffentlichkeit hat Obama bei vielen Themen mehrheitlich auf seiner Seite. Im Haushaltsstreit hat der Präsident zu Beginn des Jahres den Fehler gemacht, zu früh und zu deutlich einzulenken. Das Risiko, Steuererleichterungen der Bush-Ära einfach auslaufen und automatische Budgetkürzungen greifen zu lassen, war ihm offenbar zu groß. Seine Gegner hätten reagieren müssen, er hätte ihnen größere Zugeständnisse abringen können, doch diese Chance ließ er verstreichen.