"Letzter Aufruf für den Ryanair Flug nach Mailand-Bergamo", ertönt aus den Lautsprechern. Letzter Aufruf – die Wörter klingen schicksalsträchtig. Ich kann das Stimmengewirr am Gate bereits hören, aber beschleunige dennoch meine Schritte.

An der Lautstärke gemessen könnte man den Boarding-Bereich des Schönefelder Flughafens bereits in Italien verorten. Fast alle Fluggäste sind jung – Mitte zwanzig bis Mitte dreißig. Der Umgang der Fluggäste miteinander ist freundschaftlich. Man begrüßt und umarmt einander. "Gehst Du auch wählen?" "Na klar." Man spricht über italienische Politik und über die steigenden Mieten in Kreuzberg.

Auch ich fliege nach Italien, um zu wählen. Bis eben dachte ich, dass die meisten Italiener in Berlin nichts mehr von ihrer Heimat wissen wollen würden. In meinen zwei Jahren in der deutschen Hauptstadt habe ich viele getroffen, die sich von einem Land, in dem sie keine Arbeit und keine Zukunft finden, "angewidert" fühlen. Doch ich habe mich geirrt.

Angelo, der neben mir in der Schlange steht, zog erst vor einem Jahr in die Hauptstadt. Bis nach Sizilien muss der 31-jährige Programmierer mit der altmodischen Tweed-Mütze fliegen, um sein Wahlrecht auszuüben.

Meine deutsche Freundin fand meine Entscheidung, wegen der Wahl nach Italien zu fliegen, merkwürdig: Wäre Briefwahl nicht viel einfacher gewesen? Schließlich muss man sich dafür nur ins Register der Italiener im Ausland eintragen lassen. Warum dann extra nach Italien fliegen?

Briefwahl nur als 'Migrant'

Ich stelle Angelo die gleiche Frage. "Ich glaube, dass viele von uns ungern zugeben, dass sie Migranten sind", antwortet er. "Denn in einem Land, aus dem viele Menschen ausgewandert sind, hat das Wort immer noch etwas erniedrigendes. Wer sich ins Register eintragen lässt ist offiziell 'Migrant'". Außerdem würden sich die meisten jungen Italiener im Ausland nicht festlegen wollen. "Ich lebe auch mit einem gepackten Koffer unter dem Bett", sagt der Programmierer.

Früher arbeitete er in Holland. Dann lebte er ein Jahr in Israel. Jetzt ist er in Berlin bei Lieferheld angestellt. Seit fünf Jahren ist der gebürtige Sizilianer unterwegs. "Ich beschloss zu gehen als Berlusconi 2008 die Wahl gewann. Da dachte ich mir: Dieses Land hat nichts mehr zu bieten."

Doch er würde gerne zurück nach Sizilien. "Dort sind meine Familie und meine Freunde." Deshalb geht er wählen. "Weil dies die letzte Chance sein könnte, um Italien auf den Weg der Erneuerung zu verhelfen." Welche Partei diese Erneuerung bringen könnte, will ich wissen. Angelo zuckt mit den Schultern: "Ich wähle die Demokraten. Sie sind zwar nicht die besten. Alles andere wäre aber verrückt."

Habe ich etwa Angst davor, mich als Migrant zu bekennen?

Ich denke noch an Angelos Worte, während das Flugzeug über die Alpen fliegt. Ich stehe auch nicht im Migrantenregister. Habe ich etwa Angst davor, mich als Migrant zu bekennen?

Neben mir sitzt ein blondes Mädchen. Deutsche? Nein, Italienerin. Wohnt sie in Berlin? Ja. Ob sie auch wegen der Wahl zurück nach Italien fliegt? Ja.

Cristina arbeitet als Projektleiterin bei einem Webdesigner. Sie hat nicht vor, nach Italien zurückzugehen. Warum geht sie dann wählen? Die promovierte Philosophin denkt kurz nach. "Ich habe in Frankreich, Deutschland und Österreich gelebt. Deshalb sehe ich mich als eine Bürgerin Europas. Trotzdem bleibe ich meinem Land verbunden. Gerade in diesem Moment ist es wichtiger denn je, dass die Italiener ihre Ängste und Privatinteressen überwinden, um geschlossen etwas Neues aufzubauen."

Bergamo, wo wir nach wenigen Minuten landen, ist kein Beispiel für Geschlossenheit. Die Stadt ist eine der Hochburgen der rechtspopulistischen Lega Nord, die seit zwei Jahrzehnten eine Sezession zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden anstrebt.

Fünfzehn Jahre nach erstem Antritt der Lega Nord: Ratlosigkeit

Während ich Richtung Bahnhof gehe, sehe ich zwei Männer die vor einer Reihe von Wahlplakaten stehen. Der eine ist Straßenkehrer, der andere Taxifahrer. Ich höre, wie sie sich über die Wahl unterhalten. "Ich weiß wirklich nicht, für wen ich mich diesmal entscheiden soll", sagt der Straßenkehrer. "Ich habe immer die Lega Nord gewählt. Fünfzehn Jahre ist es her, seit die zum ersten Mal an die Macht kamen und die Lage ist ja nur schlimmer geworden. Wenn Berlusconi und die Lega diesmal gewinnen, wird uns Europa fertig machen." Der Taxifahrer nickt nachdenklich. Aus dem Radio des Taxis klingt ein schmalziges neapolitanisches Lied. Der Taxifahrer singt leise mit. Kann sein, dass ich mich auch in diesem Punkt geirrt habe. Die Italiener sind sich wohl einig – in ihrer Ratlosigkeit.

Im Zug nach Mailand versuche ich, meine Gedanken zu sammeln. Durch das Fenster sehe ich eine verschneite Landschaft mit Fabrikhallen und Lagerhäusern. Das ist die reiche Lombardei, der Wirtschaftsmotor Italiens. Viele Gebäude sehen verlassen aus. Kürzlich veröffentlichte das Wirtschaftsministerium einen Bericht zum Stand der Wirtschaft. Im Jahr 2012 mussten in Italien etwa 365.000 Firmen Insolvenz melden. Das sind Tausend pro Tag.