ParlamentswahlLetzter Aufruf für Italien

Was bringt die Parlamentswahl? Unser italienischer Autor Fabio Ghelli reist nach Hause, um seine Stimme abzugeben – in ein Land, in dem sich etwas ändern muss. von 

"Letzter Aufruf für den Ryanair Flug nach Mailand-Bergamo", ertönt aus den Lautsprechern. Letzter Aufruf – die Wörter klingen schicksalsträchtig. Ich kann das Stimmengewirr am Gate bereits hören, aber beschleunige dennoch meine Schritte.

An der Lautstärke gemessen könnte man den Boarding-Bereich des Schönefelder Flughafens bereits in Italien verorten. Fast alle Fluggäste sind jung – Mitte zwanzig bis Mitte dreißig. Der Umgang der Fluggäste miteinander ist freundschaftlich. Man begrüßt und umarmt einander. "Gehst Du auch wählen?" "Na klar." Man spricht über italienische Politik und über die steigenden Mieten in Kreuzberg.

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Auch ich fliege nach Italien, um zu wählen. Bis eben dachte ich, dass die meisten Italiener in Berlin nichts mehr von ihrer Heimat wissen wollen würden. In meinen zwei Jahren in der deutschen Hauptstadt habe ich viele getroffen, die sich von einem Land, in dem sie keine Arbeit und keine Zukunft finden, "angewidert" fühlen. Doch ich habe mich geirrt.

Angelo, der neben mir in der Schlange steht, zog erst vor einem Jahr in die Hauptstadt. Bis nach Sizilien muss der 31-jährige Programmierer mit der altmodischen Tweed-Mütze fliegen, um sein Wahlrecht auszuüben.

Meine deutsche Freundin fand meine Entscheidung, wegen der Wahl nach Italien zu fliegen, merkwürdig: Wäre Briefwahl nicht viel einfacher gewesen? Schließlich muss man sich dafür nur ins Register der Italiener im Ausland eintragen lassen. Warum dann extra nach Italien fliegen?

Briefwahl nur als 'Migrant'

Ich stelle Angelo die gleiche Frage. "Ich glaube, dass viele von uns ungern zugeben, dass sie Migranten sind", antwortet er. "Denn in einem Land, aus dem viele Menschen ausgewandert sind, hat das Wort immer noch etwas erniedrigendes. Wer sich ins Register eintragen lässt ist offiziell 'Migrant'". Außerdem würden sich die meisten jungen Italiener im Ausland nicht festlegen wollen. "Ich lebe auch mit einem gepackten Koffer unter dem Bett", sagt der Programmierer.

Früher arbeitete er in Holland. Dann lebte er ein Jahr in Israel. Jetzt ist er in Berlin bei Lieferheld angestellt. Seit fünf Jahren ist der gebürtige Sizilianer unterwegs. "Ich beschloss zu gehen als Berlusconi 2008 die Wahl gewann. Da dachte ich mir: Dieses Land hat nichts mehr zu bieten."

Doch er würde gerne zurück nach Sizilien. "Dort sind meine Familie und meine Freunde." Deshalb geht er wählen. "Weil dies die letzte Chance sein könnte, um Italien auf den Weg der Erneuerung zu verhelfen." Welche Partei diese Erneuerung bringen könnte, will ich wissen. Angelo zuckt mit den Schultern: "Ich wähle die Demokraten. Sie sind zwar nicht die besten. Alles andere wäre aber verrückt."

Habe ich etwa Angst davor, mich als Migrant zu bekennen?

Ich denke noch an Angelos Worte, während das Flugzeug über die Alpen fliegt. Ich stehe auch nicht im Migrantenregister. Habe ich etwa Angst davor, mich als Migrant zu bekennen?

Neben mir sitzt ein blondes Mädchen. Deutsche? Nein, Italienerin. Wohnt sie in Berlin? Ja. Ob sie auch wegen der Wahl zurück nach Italien fliegt? Ja.

Cristina arbeitet als Projektleiterin bei einem Webdesigner. Sie hat nicht vor, nach Italien zurückzugehen. Warum geht sie dann wählen? Die promovierte Philosophin denkt kurz nach. "Ich habe in Frankreich, Deutschland und Österreich gelebt. Deshalb sehe ich mich als eine Bürgerin Europas. Trotzdem bleibe ich meinem Land verbunden. Gerade in diesem Moment ist es wichtiger denn je, dass die Italiener ihre Ängste und Privatinteressen überwinden, um geschlossen etwas Neues aufzubauen."

Bergamo, wo wir nach wenigen Minuten landen, ist kein Beispiel für Geschlossenheit. Die Stadt ist eine der Hochburgen der rechtspopulistischen Lega Nord, die seit zwei Jahrzehnten eine Sezession zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden anstrebt.

Fünfzehn Jahre nach erstem Antritt der Lega Nord: Ratlosigkeit

Während ich Richtung Bahnhof gehe, sehe ich zwei Männer die vor einer Reihe von Wahlplakaten stehen. Der eine ist Straßenkehrer, der andere Taxifahrer. Ich höre, wie sie sich über die Wahl unterhalten. "Ich weiß wirklich nicht, für wen ich mich diesmal entscheiden soll", sagt der Straßenkehrer. "Ich habe immer die Lega Nord gewählt. Fünfzehn Jahre ist es her, seit die zum ersten Mal an die Macht kamen und die Lage ist ja nur schlimmer geworden. Wenn Berlusconi und die Lega diesmal gewinnen, wird uns Europa fertig machen." Der Taxifahrer nickt nachdenklich. Aus dem Radio des Taxis klingt ein schmalziges neapolitanisches Lied. Der Taxifahrer singt leise mit. Kann sein, dass ich mich auch in diesem Punkt geirrt habe. Die Italiener sind sich wohl einig – in ihrer Ratlosigkeit.

Im Zug nach Mailand versuche ich, meine Gedanken zu sammeln. Durch das Fenster sehe ich eine verschneite Landschaft mit Fabrikhallen und Lagerhäusern. Das ist die reiche Lombardei, der Wirtschaftsmotor Italiens. Viele Gebäude sehen verlassen aus. Kürzlich veröffentlichte das Wirtschaftsministerium einen Bericht zum Stand der Wirtschaft. Im Jahr 2012 mussten in Italien etwa 365.000 Firmen Insolvenz melden. Das sind Tausend pro Tag.

Leserkommentare
  1. Ich möchte grad nicht tauschen mit den Italienern. Wobei klar ist: es darf keinesfalls Berlusconi werden, das hielt ich für eine Katastrophe!
    Und dann im Spätsommer gehts uns an den demokratischen Kragen.
    Aber auch da gelingt es mir wenigstens schon recht leicht, die Katastrophe auszumachen: es darf keinesfalls Merkel werden!

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    • Gerry10
    • 24. Februar 2013 12:49 Uhr

    Die Erfinder des Niedriglohnsektors und der 1 EURO Jobs?

    einen nur halbwegs funktionierenden Staat. Wir jammern auf höchstem Niveau.

    • dacapo
    • 24. Februar 2013 18:35 Uhr

    Aber immer wieder das gleiche, vor allen Dingen im Netz, die Vergleiche. Wird, wie in diesem Falle über die Wahl in Italien gesprochen, kommt eben mal Deutschland ins Spiel. Ich bin nicht für die Frau Merkel, obwohl weit weg von der Union, hatte ich es gut gefunden, dass sie damals BK'in wurde, als Frau. Nun reicht's aber schon lange. Aber - was diese Frau mit Berlusconi zu tun haben soll, das bleibt für mich schleierhaft. Was hat in diesem Zusammenhang D mit I zu tun? Auch das ist schwer nachvollziehbar.

    Der italienische Wähler hat immerhin Alternativen!

    Monti, Bersani, Berlusconi und Beppe Grillo, das sind doch mal Kandidaten mit Profil und eindeutigen politischen Zielsetzungen!

    Wann hatten wir in Deutschland zuletzt solche Richtungsentscheidungen?
    Ob ich Merkel oder Steinbrück wähle, ist doch ziemlich egal. Am Ende wird ja doch immer gemacht, was gewisse Experten für richtig und vernünftig halten.

    • Gerry10
    • 24. Februar 2013 12:49 Uhr

    Die Erfinder des Niedriglohnsektors und der 1 EURO Jobs?

    13 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Mein Gott!"
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    • Bashu
    • 24. Februar 2013 15:44 Uhr

    Deutschland ist nach Statistiken in Bestform obwohl fast der ganze Rest Europas in die Knie geht. Davon profitiert eine Angela Merkel ungemein. Die Urheber der ungeliebten Reformen waren in der Tat die Sozialdemokraten, die Früchte konnten sie nicht mehr ernten.

    Gute Arbeit für wenig Geld. Darum geht's Deutschland gesamtwirtschaftlich gut.

    Ich bin kein SPD Fan, aber Merkel kann sich das einfach nicht ans Revers heften, kein Kompass, niemals klare Bekenntnisse, sie reitet auf der Welle und verschwindet beim kleinsten Anzeichen von Problemen aus der Öffentlichkeit. Sie hat das betrügerischste Kabinett seit Jahrzehnten und hat binnen kürzester Zeit ZWEI Bundespräsidenten verbraucht.

    Nein, ich habe seit langem keine schlimmere und unfähigere Regierung erlebt.

    Ich sehe uns ebenso in der Bredoullie wie die Italiener jetzt.

    • Israfel
    • 24. Februar 2013 15:54 Uhr

    >>Die Erfinder des Niedriglohnsektors und der 1 EURO Jobs?<<

    Die Merkel-Regierung ist doch auch nur froh, dass sie sagen kann: "WIR haben das ja nicht eingeführt!", um dann nichts an den Härten der unter Rot-Grün durchgeführten Reformen zu ändern.

    Von Steinbrück hört man bei aller Verteidigung der "Agenda 2010" immerhin ein wenig Selbstkritik, wenn es z.B. um die Ausweitung der Leiharbeit geht.

    Ob man daraus ableiten kann, dass sich unter einem SPD-Kanzler grundsätzlich etwas ändern würde, ist wohl Glaubenssache. Dass es unter Merkel noch mal zu einer Reform der Reformen kommen wird, zeichnet sich für mich aber nirgends ab.

  2. wo man doch per Briefwahl wählen kann? Klingt irgendwie unglaubwürdig, genau wie der Eindruck, der mit dem Artikel erweckt wird, dass das angeblich so viele Italiener in Deutschland tun.

    Warum sollte man sich überhaupt so wichtig nehmen, in einem Land seine Stimme abzugeben, dem man den Rücken gekehrt hat? Das steht einem dann doch irgendwie gar nicht zu. Finde ich.

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    • tatino
    • 24. Februar 2013 13:24 Uhr

    Haben Sie nichts besseres mit Ihrer Zeit anzufangen als Themen zu kommentieren, zu denen Sie besser nichts sagen sollten, weil jegliche Behauptung ihrerseits auf nichts anderem basieren als haltlosen Vermutungen.
    Es gibt sehr wohl eine große Anzahl heimatverbundner Italiener, die sich ihrer staatsbürgerlichen Pflicht bewusst sind.

    "Warum sollte man sich überhaupt so wichtig nehmen, in einem Land seine Stimme abzugeben, dem man den Rücken gekehrt hat? Das steht einem dann doch irgendwie gar nicht zu. Finde ich."

    Aus dem Artikel geht hervor, dass viele relativ junge, gut ausgebildete Italiener dem Land den Rücken kehren MÜSSEN, weil sie dort keine Zukunft für sich sehen. Zweitens ist es mittlerweile üblich, dass Studenten der EU-Mitgliedsstaaten auch ausländische Universitäten innerhalb der EU besuchen. Wie sollte denn sonst eine gemeinsame Zukunft auf diesem Kontinent gestaltet werden?

    eben weil sich die Italiener im Ausland noch sehr mit Italien identifizieren und sich nicht als "Migranten" eintragen lassen wollen, lehnen sie die Briefwahl ab (der Autor zumindest). Soviel zur Texterläuterung. Ich kann auch nicht nachvollziehen, dass er sich (aus Stolz?) nicht in das Register eintragen lassen will, aber das bleibt ja schließlich ihm allein überlassen.

    Ich glaube die Italiener tun sich bei dieser Wahl schwer weil es eine Wahl zwischen dem geringeren Übel zu sein scheint. Das ist zumindest mein Eindruck, als Deutscher der seit einem halben Jahr in Italien unter Italiener lebt...

    Entschuldigen Sie, aber das ist ausgemachter Unsinn. Die meisten der modernen Migranten sind ausgewandert, weil es im eigenen Land nicht mehr ging, weil sie keine Arbeit bekamen.Das bedeutet nicht, dass sie überhaupt nicht mehr zurückwollen, im Gegenteil. Da ist es doch nur recht und billig, dass sie versuchen, die Randbedingungen im Heimatland mitzubestimmen.

  3. hält die Kreise, in denen M. Monti verkehrt für "terroristisch":

    http://www.youtube.com/wa...

    Ob Berlusconi in "integeren Kreisen" verkehrt, ist genauso fraglich.

    Wo bleiben die Alternativen?

    Eine Leserempfehlung
    • JHafner
    • 24. Februar 2013 12:58 Uhr

    Am Ende des anrührenden Artikels zur heutigen Italienwahl steht eine Aussage, die mich erstaunt und nachdenklich macht: 365000 Konkurse nur allein im letzten Jahr - wieviel Prozent der Gesamtzahl italienscher Firmen sind das wohl?

    Ich muss zugeben, ich hätte gar nicht gedacht, dass es überhaupt so viele Firmen in Italien gibt! Mir wird grad bewusst, dass die medialen Schreckensmeldungen in den letzten Jahren bezüglich der italienischen Wirtschaft in mir das Bild eines rundum verarmten Landes installierten, in dem nur einige Handvoll Firmen existieren, in denen überhaupt noch gearbeitet wird ...

    5 Leserempfehlungen
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    Hier etwas schnell und kurz Nachhilfe:

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    Grüße

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    und Politik gehen den Weg der Tefkuehl-Lasagna. Wenn die Story schmeckt muessen nicht alle "Informationen" wahr sein.

    wird der italienischen Realitaet leider kaum gerecht. Es ist kein Wunder, dass Sie diese falschen vorstellungen haben, wenn Sie keine weiteren Italienkenntnisse oder andere Informationsquellen haben. Daher ist diese Bescreibung der Wahlheimkehrer noch das Beste was in den letzten Wochen und MOnaten in der deutschen Presse ueber Italien zu lesen stand.

  4. "Grillos Anti-Establishment-Linie findet großen Anklang bei den Wählern. Wie in anderen Ländern (außer in Deutschland) gibt es eine große Gruppe von Wählern, die das korrupte System nicht mehr wollen. „Wir haben viele Leute als Unterstützer, die seit Jahren nicht mehr gewählt haben. Das ist die letzte Chance Italiens für eine friedliche Revolution“, sagte ein Grillo-Anhänger der FT.

    Brüssel träfe eine friedliche Revolution unvorbereitet: Denn die Umwandlung der EU zu einem durch und durch zentralistischen, undemokratischen Bürokraten-Verbund dauert Zeit. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn diese Entwicklung ausgerechnet von einem Komödianten aus Italien gestoppt wird."
    http://deutsche-wirtschaf...

    Ich drücke Grillo die Daumen!

    8 Leserempfehlungen
    • tatino
    • 24. Februar 2013 13:24 Uhr

    Haben Sie nichts besseres mit Ihrer Zeit anzufangen als Themen zu kommentieren, zu denen Sie besser nichts sagen sollten, weil jegliche Behauptung ihrerseits auf nichts anderem basieren als haltlosen Vermutungen.
    Es gibt sehr wohl eine große Anzahl heimatverbundner Italiener, die sich ihrer staatsbürgerlichen Pflicht bewusst sind.

    6 Leserempfehlungen
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    Muss ich mir also das nächste Mal eine Genehmigung von Ihnen ausstellen lassen, ob ich zu dem jeweiligen Thema etwas sagen darf oder nicht?
    Ich glaube kaum, dass Sie darüber entscheiden, wer hier kommentieren darf und wer nicht. Mein Kommentar ist im übrigen deutlich sachlicher als Ihrer und durchaus themenrelevant. Wenn jemand aus welchen Gründen auch immer aus einem Land auswandert, warum soll er dann ausgerechnet zum Wählen dorthin einfliegen? Das ist eine absurde Vorstellung.

  5. Er kann auch per Korrispondenz wählen , das haben viele Italiener im Ausland bereits getan , er muss sich nur in der Liste AIRE eintragen.

    4 Leserempfehlungen
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    Ich kann seinbe Begründung dafür allerdings nicht wirklich nachvollziehen. Ein Eintrag in der AIRE ist doch nicht lebenslänglich, nicht mal der Migrantenstatus.

    wie viele andere will er sich nicht in das Immigrationsregister eintragen lassen, denn das hiesse (rein psychologisch natürlich) der Heimat den Rücken zu kehren.
    Ich finde es auch erstaunlich, wie sehr die im Ausland lebenden Italiener an der Wahl interessiert sind (vgl. auch Meldung der letzten Wochen bzgl. der Auslandsstudenten, die vom Wahlorganisator vergessen wurden).
    Oder aber es ist so: wenn man von aussen drauf schaut, sieht man Italien anders und geht deshalb zur Wahl - nicht wie die Heimtaverbundenen, denen die Gleichgültigkeit und Hoffnungslosigkeit den Mut zur Wahl nimmt.
    Speriamo in bene!

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