Wo sonst für Computerspiele oder Hygieneartikel geworben wird, prangt der Mann mit dem dichten Schnauzbart und strengen Blick. Seine Schirmmütze ziert ein roter Stern. Stalin ist zurück und rollt durch einige russische Städte, aufgemalt auf Nahverkehrsbusse. Solche Stalin-Busse sind schon häufiger zu Gedenktagen auf die Straße geschickt worden. An diesem Wochenende befördert der 70. Jahrestag des Endes der Schlacht um Stalingrad den einstigen Oberbefehlshaber der Sowjettruppen in die Öffentlichkeit.

Die Bürgerinitiative Autobus des Sieges hat die Werbeflächen auf einigen Fahrzeugen privater Transportunternehmer angemietet. Unterstützt wird sie von Kommunisten und manch dubioser Organisation wie der Gewerkschaft der Bürger Russlands, die in ihrem Eifer schon Madonna wegen Propaganda für Homosexualität verklagte. In Wolgograd, dem einstigen Stalingrad, in Sankt Petersburg und Tschita an der Grenze zu China sollen die Stalin-Busse rollen. Finanziert durch Volksspenden, wie die Initiatoren versichern. Sie fühlen sich bestärkt durch die Entscheidung des Wolgograder Parlaments, die Stadt an sechs historischen Gedenktagen im Jahr in Stalingrad rückzubenennen.

Für die Stalin-Verehrer ist das ein Schritt in die richtige Richtung – allerdings nur ein kleiner. Der Gründer der Gewerkschaft der Bürger Russlands, Nikolaj Starikow, wünscht sich eine grundsätzliche Umbenennung: Wenn man sich nur sechs Tage im Jahr mit seiner Frau treffen oder im eigenen Auto fahren dürfe, werde auch bald klar, dass dies noch viel zu wenig sei, sagt er. Die Stalin-Verächter wie der Vizesprecher des Moskauer Parlaments, Nikolaj Lewitschew, halten dagegen, keinem normalen Menschen käme es in den Sinn, eine Stadt nach Tyrannen wie Hitler oder Pol Pot zu benennen.

Putin legt sich beim Thema Stalin nicht fest

Knapp 60 Jahre nach seinem Tod ist Stalin noch immer eine extreme Reizfigur in Russland, weil die Führung und Elite des Landes das Verhältnis zu dieser Epoche der Geschichte nie grundsätzlich klären konnte oder wollte. Zu Beginn der neunziger Jahre stand nicht der Sinn danach, weil schon der Regimewechsel und folgende Lebenskampf die meisten Menschen fast überforderte. Später war es politisch ungewollt. Bis heute fehlt ein übergreifender Konsens darüber, auf welches historische Erbe sich das nachsowjetische Russland stützt – woher es kommt und wohin es will.

Gerade Wladimir Putin hat das Verhältnis zur Vergangenheit immer in der Schwebe gehalten. Mal beklagte er das Ende der Sowjetunion als "größte geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts", nutzte den Siegestriumph gegen das faschistische Deutschland als einigendes Band für seine Untertanen und streichelte ihre Nostalgie, indem er die sowjetische Nationalhymne aus der Trümmerkiste der Geschichte zog. Mal besuchte er Orte, an denen Stalin-Gegner und Terroropfer erschossen wurden, und neigte das Haupt vor Katyn, wo der sowjetische Geheimdienst Tausende von Polen ermordet hatte. Und entsann sich wiederum selig des sowjetischen Films Schild und Schwert über einen heroischen Agenten.