Russland Putin profitiert vom Stalin-Kult

Zur Feier des Sieges in Stalingrad gedenken Stalin-Anhänger dem Sowjet-Diktator. Kritik ist tabu, weil der Patriotismus Putin und Medwedew gelegen kommt.

Ein Kleinbus mit dem Bild von Josef Stalin fährt durch die Straßen von St. Petersburg.

Ein Kleinbus mit dem Bild von Josef Stalin fährt durch die Straßen von St. Petersburg.

Wo sonst für Computerspiele oder Hygieneartikel geworben wird, prangt der Mann mit dem dichten Schnauzbart und strengen Blick. Seine Schirmmütze ziert ein roter Stern. Stalin ist zurück und rollt durch einige russische Städte, aufgemalt auf Nahverkehrsbusse. Solche Stalin-Busse sind schon häufiger zu Gedenktagen auf die Straße geschickt worden. An diesem Wochenende befördert der 70. Jahrestag des Endes der Schlacht um Stalingrad den einstigen Oberbefehlshaber der Sowjettruppen in die Öffentlichkeit.

Die Bürgerinitiative Autobus des Sieges hat die Werbeflächen auf einigen Fahrzeugen privater Transportunternehmer angemietet. Unterstützt wird sie von Kommunisten und manch dubioser Organisation wie der Gewerkschaft der Bürger Russlands, die in ihrem Eifer schon Madonna wegen Propaganda für Homosexualität verklagte. In Wolgograd, dem einstigen Stalingrad, in Sankt Petersburg und Tschita an der Grenze zu China sollen die Stalin-Busse rollen. Finanziert durch Volksspenden, wie die Initiatoren versichern. Sie fühlen sich bestärkt durch die Entscheidung des Wolgograder Parlaments, die Stadt an sechs historischen Gedenktagen im Jahr in Stalingrad rückzubenennen.

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Für die Stalin-Verehrer ist das ein Schritt in die richtige Richtung – allerdings nur ein kleiner. Der Gründer der Gewerkschaft der Bürger Russlands, Nikolaj Starikow, wünscht sich eine grundsätzliche Umbenennung: Wenn man sich nur sechs Tage im Jahr mit seiner Frau treffen oder im eigenen Auto fahren dürfe, werde auch bald klar, dass dies noch viel zu wenig sei, sagt er. Die Stalin-Verächter wie der Vizesprecher des Moskauer Parlaments, Nikolaj Lewitschew, halten dagegen, keinem normalen Menschen käme es in den Sinn, eine Stadt nach Tyrannen wie Hitler oder Pol Pot zu benennen.

Putin legt sich beim Thema Stalin nicht fest

Knapp 60 Jahre nach seinem Tod ist Stalin noch immer eine extreme Reizfigur in Russland, weil die Führung und Elite des Landes das Verhältnis zu dieser Epoche der Geschichte nie grundsätzlich klären konnte oder wollte. Zu Beginn der neunziger Jahre stand nicht der Sinn danach, weil schon der Regimewechsel und folgende Lebenskampf die meisten Menschen fast überforderte. Später war es politisch ungewollt. Bis heute fehlt ein übergreifender Konsens darüber, auf welches historische Erbe sich das nachsowjetische Russland stützt – woher es kommt und wohin es will.

Gerade Wladimir Putin hat das Verhältnis zur Vergangenheit immer in der Schwebe gehalten. Mal beklagte er das Ende der Sowjetunion als "größte geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts", nutzte den Siegestriumph gegen das faschistische Deutschland als einigendes Band für seine Untertanen und streichelte ihre Nostalgie, indem er die sowjetische Nationalhymne aus der Trümmerkiste der Geschichte zog. Mal besuchte er Orte, an denen Stalin-Gegner und Terroropfer erschossen wurden, und neigte das Haupt vor Katyn, wo der sowjetische Geheimdienst Tausende von Polen ermordet hatte. Und entsann sich wiederum selig des sowjetischen Films Schild und Schwert über einen heroischen Agenten.

Leser-Kommentare
    • Bashu
    • 02.02.2013 um 18:18 Uhr

    wenn sich alle Deutschen in ihr wiederfinden.
    Dazu gehören auch alle Menschen in MeckVor und Brandenburg und auch die sächsische Justiz. Man sollte die Ächtung der jüngeren deutschen Geschichte demnach überdenken, der Führer hat immerhin die Autobahn gebaut und viel für die Familienpolitik getan.

    Antwort auf "Richtig ist, ..."
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    Das gute in einer Demokratie ist, dass sich nicht ALLE einig sein müssen. Ansonsten wäre eine Gesellschaft entweder zwnagsweise entindividualisiert, oder die Politik Handlungsunfähig.

    Und was soll ihre Anmerkung mit den Autobahnen und der Familienpolitik? Die Autobahnen dienten dem schnellen Truppentransport, und die "Familienförderung" der besseren Indoktrination und damit der Schaffung von treuen Soldaten und Parteigängern.

    Das halte ich durchaus der Ächtung würdig.

    Sagen sie mir BITTE das ich die Ironie in ihrem Kommentar nicht verstanden habe.

    Ich hatte gehofft das selbst in McPomm und Brandenburg Menschen mit diesen ignoranten Ansichten selten geworden wären....

    Das gute in einer Demokratie ist, dass sich nicht ALLE einig sein müssen. Ansonsten wäre eine Gesellschaft entweder zwnagsweise entindividualisiert, oder die Politik Handlungsunfähig.

    Und was soll ihre Anmerkung mit den Autobahnen und der Familienpolitik? Die Autobahnen dienten dem schnellen Truppentransport, und die "Familienförderung" der besseren Indoktrination und damit der Schaffung von treuen Soldaten und Parteigängern.

    Das halte ich durchaus der Ächtung würdig.

    Sagen sie mir BITTE das ich die Ironie in ihrem Kommentar nicht verstanden habe.

    Ich hatte gehofft das selbst in McPomm und Brandenburg Menschen mit diesen ignoranten Ansichten selten geworden wären....

  1. Kann ich aus persönlichen Begegnungen mit Russen in Deutschland bestätigen.

    Es bestätigt sich immer wieder:
    Zeit Online liest man wegen der Leserkommentare.
    Nicht wegen der "journalistischen" Beiträge.

    3 Leser-Empfehlungen
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    • vonDü
    • 02.02.2013 um 19:46 Uhr

    Es fällt auf, wenn man ein wenig darüber nachdenkt, welche Figuren, trotz ihrer, zum Teil erheblichen "Nebenwirkungen", in fast allen Ländern verehrt werden. Außerdem ist es nach meiner Meinung, aus deutscher Sicht ziemlich anmaßend, ausgerechnet beim Thema Stalingrad, den moralischen Zeigefinger zu erheben.

    Nicht nur, weil es das erbarmungslose Prestigeduell um jeden Preis, ohne die Taten unserer Vorfahren nicht gegeben hätte, sondern auch, weil die unschuldigen Opfer des Stalinismus in erster Linie Russen waren, und die heutigen Russen selbst am Besten wissen sollten, wie sie damit umgehen wollen.

    Wie man es auch dreht und wendet, einen wirklichen Aufhänger für "das Besondere" an den Vorgängen in Russland findet man nicht. Schon gar nicht für das Kommentieren aus, vermeintlich, höherer moralischer Position ausgerechnet aus Deutschland?

    Vielleicht können Deutsche, Stalingrad und Niederlage, den Russen ebenso wenig verzeihen, wie angeblich den Juden Auschwitz. Und vielleicht ist überzogene Kritik am russischen Gedenken, auch nur ein Versuch der historischen Entschuldung.

    • vonDü
    • 02.02.2013 um 19:46 Uhr

    Es fällt auf, wenn man ein wenig darüber nachdenkt, welche Figuren, trotz ihrer, zum Teil erheblichen "Nebenwirkungen", in fast allen Ländern verehrt werden. Außerdem ist es nach meiner Meinung, aus deutscher Sicht ziemlich anmaßend, ausgerechnet beim Thema Stalingrad, den moralischen Zeigefinger zu erheben.

    Nicht nur, weil es das erbarmungslose Prestigeduell um jeden Preis, ohne die Taten unserer Vorfahren nicht gegeben hätte, sondern auch, weil die unschuldigen Opfer des Stalinismus in erster Linie Russen waren, und die heutigen Russen selbst am Besten wissen sollten, wie sie damit umgehen wollen.

    Wie man es auch dreht und wendet, einen wirklichen Aufhänger für "das Besondere" an den Vorgängen in Russland findet man nicht. Schon gar nicht für das Kommentieren aus, vermeintlich, höherer moralischer Position ausgerechnet aus Deutschland?

    Vielleicht können Deutsche, Stalingrad und Niederlage, den Russen ebenso wenig verzeihen, wie angeblich den Juden Auschwitz. Und vielleicht ist überzogene Kritik am russischen Gedenken, auch nur ein Versuch der historischen Entschuldung.

    • Bashu
    • 02.02.2013 um 18:23 Uhr

    Stalin hat in den Sieg des Großen Vaterländischen Krieges geführt. Nachdem Russland in der immerhin größten Militäroperation der Weltgeschichte das Blatt wenden konnte.

    Das ist schon epischer Stoff und mit viel Pathos ein Balsam für die Seele einer gescheiterten Großmacht.

  2. Wenn jetzt innerhalb dieser Zeitspanne Kinder geboren werden, kriegen die dann "Geburtsort Stalingrad" bescheinigt?

    Eine Leser-Empfehlung
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    Entfernt, bitte bleiben Sie beim konkreten Thema. Danke, die Redaktion/se

    Entfernt, bitte bleiben Sie beim konkreten Thema. Danke, die Redaktion/se

    • Vibert
    • 02.02.2013 um 18:43 Uhr

    dass, das, was ich gleich niederschreiben werde, für viele Leser politisch absolut nicht korrekt sein wird. Sei's drum: wenn ich Artikel wie obigen über Russland (wirklich immer noch nur "Russland"?) lese, wünschte ich mir bisweilen den eisernen Vorhang zurück.
    Zudem hätte das den Vorteil, dass wir diesen elenden Globalisierungswahn wohl in dieser Form nicht hätten, die Linkspartei nicht bräuchten, weil das S der SPD nicht ein gehauchtes, bisweilen gar stummes S geworden wäre, Sie wissen was ich meine, und und und... Aber sogar ich weiss, dass man Geschichte nicht zurückdrehen kann, es leider aber immer wieder Verrückte geben wird, die die alten Schauer-Geister aus der Vergangenheit immer wieder hervorholen "müssen" und der Menschheit wäre auch durchaus zuzutrauen gewesen, dass es ab November 89 noch schlimmer hätte kommen können. Dazu fehlt mir allerdings die Phantasie, mir das auszumalen; ist doch wohl schlimm genug.
    Hab mir gegönnt, ein paar Augenblicke zu träumen....

    • drusus
    • 02.02.2013 um 18:49 Uhr

    Ich habe gerade "Die Stalingrag Protokolle" von Jochen Hellbeck gelesen. Das sind Protokolle von sowjetischen Teilnehmern der Schlacht um Stalingrad, die während oder kurz nach der Schlacht von Historikern angefertigt wurden und bis vor kurzem unter Verschluss waren. Jochen Hellbeck ist es gelungen, sie zu sichten und daraus ein Buch zu machen.

    Wir haben hier in Deutschland nicht zu fordern, wie Russland dieses Trauma Stalingrad, das sinnbildlich für den ganzen Krieg steht, verarbeiten soll.

    6 Leser-Empfehlungen
  3. walzten am 17. Juni 1953 den Volksaufstand in der DDR nieder. Der Eiserne Vorhang in Europa ist mit seinem Namen
    verbunden. Die Sowjetunion hat er mit einem riesigen Gulagsystem überzogen und Millionen Menschen deportiert.
    Missliebige ehemalige Mitstreiter wurden nach Schauprozessen hingerichtet.
    Der Personenkult war ungeheuerlich und wurde durch Spitzbart Ulbricht weitergeführt. Lenin und Stalin wurden in der ehemaligen DDR nun von ihren Sockeln gestürzt. Eine Wiederbelebung durch Glorifizierungen egal bei welchen Siegesfeiern, lehne ich ab. Mir haben 40 Jahre Realsozialismus gereicht.

  4. Dann ist ja auch bekann, dass S. die dt Ostgebiete nach Kriegsende den Polen zugeschlagen hat,welche noch heute die Westgrenze Polens ist. Das die Polen die Russen nicht unbedingt mögen ist bekannt (ihnen sei es gestattet), aber sie haben auch keine sogenannten "Landesverbände",in denen man "kollektiv jammern" kann(da war's wieder das "Opfer").

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