Russland Putin profitiert vom Stalin-Kult
Zur Feier des Sieges in Stalingrad gedenken Stalin-Anhänger dem Sowjet-Diktator. Kritik ist tabu, weil der Patriotismus Putin und Medwedew gelegen kommt.
© Alexander Demianchuk/Reuters

Ein Kleinbus mit dem Bild von Josef Stalin fährt durch die Straßen von St. Petersburg.
Wo sonst für Computerspiele oder Hygieneartikel geworben wird, prangt der Mann mit dem dichten Schnauzbart und strengen Blick. Seine Schirmmütze ziert ein roter Stern. Stalin ist zurück und rollt durch einige russische Städte, aufgemalt auf Nahverkehrsbusse. Solche Stalin-Busse sind schon häufiger zu Gedenktagen auf die Straße geschickt worden. An diesem Wochenende befördert der 70. Jahrestag des Endes der Schlacht um Stalingrad den einstigen Oberbefehlshaber der Sowjettruppen in die Öffentlichkeit.
Die Bürgerinitiative Autobus des Sieges hat die Werbeflächen auf einigen Fahrzeugen privater Transportunternehmer angemietet. Unterstützt wird sie von Kommunisten und manch dubioser Organisation wie der Gewerkschaft der Bürger Russlands, die in ihrem Eifer schon Madonna wegen Propaganda für Homosexualität verklagte. In Wolgograd, dem einstigen Stalingrad, in Sankt Petersburg und Tschita an der Grenze zu China sollen die Stalin-Busse rollen. Finanziert durch Volksspenden, wie die Initiatoren versichern. Sie fühlen sich bestärkt durch die Entscheidung des Wolgograder Parlaments, die Stadt an sechs historischen Gedenktagen im Jahr in Stalingrad rückzubenennen.
Für die Stalin-Verehrer ist das ein Schritt in die richtige Richtung – allerdings nur ein kleiner. Der Gründer der Gewerkschaft der Bürger Russlands, Nikolaj Starikow, wünscht sich eine grundsätzliche Umbenennung: Wenn man sich nur sechs Tage im Jahr mit seiner Frau treffen oder im eigenen Auto fahren dürfe, werde auch bald klar, dass dies noch viel zu wenig sei, sagt er. Die Stalin-Verächter wie der Vizesprecher des Moskauer Parlaments, Nikolaj Lewitschew, halten dagegen, keinem normalen Menschen käme es in den Sinn, eine Stadt nach Tyrannen wie Hitler oder Pol Pot zu benennen.
Putin legt sich beim Thema Stalin nicht fest
Knapp 60 Jahre nach seinem Tod ist Stalin noch immer eine extreme Reizfigur in Russland, weil die Führung und Elite des Landes das Verhältnis zu dieser Epoche der Geschichte nie grundsätzlich klären konnte oder wollte. Zu Beginn der neunziger Jahre stand nicht der Sinn danach, weil schon der Regimewechsel und folgende Lebenskampf die meisten Menschen fast überforderte. Später war es politisch ungewollt. Bis heute fehlt ein übergreifender Konsens darüber, auf welches historische Erbe sich das nachsowjetische Russland stützt – woher es kommt und wohin es will.
Gerade Wladimir Putin hat das Verhältnis zur Vergangenheit immer in der Schwebe gehalten. Mal beklagte er das Ende der Sowjetunion als "größte geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts", nutzte den Siegestriumph gegen das faschistische Deutschland als einigendes Band für seine Untertanen und streichelte ihre Nostalgie, indem er die sowjetische Nationalhymne aus der Trümmerkiste der Geschichte zog. Mal besuchte er Orte, an denen Stalin-Gegner und Terroropfer erschossen wurden, und neigte das Haupt vor Katyn, wo der sowjetische Geheimdienst Tausende von Polen ermordet hatte. Und entsann sich wiederum selig des sowjetischen Films Schild und Schwert über einen heroischen Agenten.
- Datum 02.02.2013 - 12:58 Uhr
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Das Problem ist, dass die von Ihnen hier vorgestellten Überlegungen für den Großteil der russischen Bevölkerung nicht relevant sind. Es lässt sich nunmal nicht von der Hand weisen, dass die letzten Jahrzehnte für Russland mit großen Wandlungen verbunden waren, manche positiv, manche negativ. In der Bevölkerung haben sie große Unsicherheit hinterlassen. Zu oft wurden die eigenen Sichtweisen in Frage gestellt und das Vertrauen in die Führung enttäuscht und das hat in der russischen Bevölkerung zu einer Identitätskrise geführt, die sich nun leider in einem aufkeimenden Nationalismus wiederspiegelt. Wenn die Russen sich nostalgisch an Stalin erinnern, dann denken sie nicht an den Diktator, sondern an die Jahrzehnte des Friedens, in denen es den Leuten gar nicht sooo schlecht ging. Man war mit dem zufrieden, was man hatte und stellte auch sein "Elend" nicht in Frage. Natürlich wird diese Zeit im Rückblick idealisiert betrachtet, ähnlich wie hier die fünfziger und sechziger Jahre.
Ich selbst kam in der Sowjetunion zur Welt und hatte deren Zusammenbruch und die nachfolgende Zeit live miterlebt. Als Kind hatte ich keine Probleme, mich dem neuen System anzupassen, für die Eltern- und Veteranengeneration bedeutete es aber einen erheblichen Umbruch. Alles, woran sie geglaubt haben, lag in Scherben vor ihren Füßen. Weitere Enttäuschungen sollten noch folgen.
...zum Gebiet der ehem. DDR.
seit Tagen versucht, die Feiern zum Gedenken an die Stalingrader Schlacht zum Stalin-Kult zu stilisieren.
Wie groß ist denn die Anhängerschaft der o. g. Bürgerinitiative? Und die Kommunisten, die sonst immer schön auf den Bildern der hier in diesem Medium gern gepriesenen Anti-Putin-Demonstrationen zu sehen sind, müssen jetzt mal schnell für den Stalin-Kult herhalten ...
Wenn Wolgograd-Stalingrad der Stalingrader Schlacht gedenkt, dann würde es uns Deutsche nur insofern angehen, wenn wir in aller Stille und Demut mit gedächten. Es sind dies Gedenkfeiern einer durch und durch von der Schlacht traumatisierten Stadt - übrigens Partnerstadt von Köln.
Die Auseinandersetzung mit dem Stalin-Erbe, mit der Kriegführung der Generäle, mit der Evakuierung der Parteibonzen usw. wurde dort bereits von 20 Jahren intensiv geführt, das gigantische Stalin-Denkmal am Wolga-Don-Kanal bereits Jahrzehnte früher zum als milder angesehenen Lenin umgebaut. Die Diskussion um den Namen der Stadt wurde auch vor 20 Jahren geführt abgeschlossen mit der Ergebnis, dass die Stadt weder zu Zaryzin noch zu Stalingrad rückbenannt wird, sondern weiterhin Wolgograd heißt.
Den gesamten Krieg in seinen Widersprüchen zu analysieren, wird diesem Forum hier nicht gelingen, es füllt bereits ganze Bibliotheken.
Lasst bitte die Stadt so gedenken, wie sie es für richtig hält. Es ist beschämend genug, dass sich Deutschland laut DLF-Nachrichten heute nur durch den Botschafter vertreten ließ.
Was Johannes Voswinkel total vermissen läßt ist ein Minimum an Einfühlungsvermögen in die Lebensläufe der Menschen in Russland. Niemand bestreitet, daß Stalin ein Diktator war und daß unter seiner Führung Millionen von Menschen umkamen. In Bezug auf den deutschen Angriff auf die Sowjetunion und die mörderischen Schlachten des deutsch-sowjetischen Krieges spielt das aber keine Rolle, weil es sich hier um eine Katastrophe handelte, die von Außen über das Land hereinbrach. Hinzu kommt, daß es in Russland heute kaum jemanden gibt, dessen Eltern oder Großeltern sich nicht irgendwie "schuldig" gemacht haben. Alle hatten sich irgendwie mit der kommunistischen Diktatur arrangiert, weil sie sonst gar nicht hätten überleben können. Es ist illusorisch zu glauben, daß 143 Millionen Russen ihre Biographie und die Biographien ihrer Eltern und Großeltern in Frage stellen. Völlig verfehlt ist auch von einem "Stalin-Kult" zu sprechen, nur da weil ein paar Kleinbusse mit Stalins Konterfei rumfahren. Voswinkel sollte sich mal Filme wie "… und morgen war Krieg" ansehen, damit er weiß, was man unter Stalin-Kult versteht und ein Bild von der Vergangenheitsbewältigung in der späten Sowjetunion bekommt.
Die Deutschen haben ihr "Drittes Reich" weitgehend als das erkannt, was es war, ein Verbrecherstaat.auch ohne den Holocaust.
Hätte Deutschland den Krieg gewonnen, hätten wir Probleme mit der Aufarbeitung des Nazi-reiches, auch wenn ein Übergang zur Demokratie inzwischen gelungen wäre.
Bezüglich Stalingrad sollten wir auch unsere Vergangenheit bewältigen und mitfeiern.
Was Johannes Voswinkel total vermissen läßt ist ein Minimum an Einfühlungsvermögen in die Lebensläufe der Menschen in Russland. Niemand bestreitet, daß Stalin ein Diktator war und daß unter seiner Führung Millionen von Menschen umkamen. In Bezug auf den deutschen Angriff auf die Sowjetunion und die mörderischen Schlachten des deutsch-sowjetischen Krieges spielt das aber keine Rolle, weil es sich hier um eine Katastrophe handelte, die von Außen über das Land hereinbrach. Hinzu kommt, daß es in Russland heute kaum jemanden gibt, dessen Eltern oder Großeltern sich nicht irgendwie "schuldig" gemacht haben. Alle hatten sich irgendwie mit der kommunistischen Diktatur arrangiert, weil sie sonst gar nicht hätten überleben können. Es ist illusorisch zu glauben, daß 143 Millionen Russen ihre Biographie und die Biographien ihrer Eltern und Großeltern in Frage stellen. Völlig verfehlt ist auch von einem "Stalin-Kult" zu sprechen, nur da weil ein paar Kleinbusse mit Stalins Konterfei rumfahren. Voswinkel sollte sich mal Filme wie "… und morgen war Krieg" ansehen, damit er weiß, was man unter Stalin-Kult versteht und ein Bild von der Vergangenheitsbewältigung in der späten Sowjetunion bekommt.
Die Deutschen haben ihr "Drittes Reich" weitgehend als das erkannt, was es war, ein Verbrecherstaat.auch ohne den Holocaust.
Hätte Deutschland den Krieg gewonnen, hätten wir Probleme mit der Aufarbeitung des Nazi-reiches, auch wenn ein Übergang zur Demokratie inzwischen gelungen wäre.
Bezüglich Stalingrad sollten wir auch unsere Vergangenheit bewältigen und mitfeiern.
Als Dativ hört es sich jedenfalls Sch.... an! Duden hin oder her.
Und "schweizerisch" - da sagt man ja auch: "Ich ruf Dir an". Jawohl: Dir.
Geschichte bleibt bei alledem taktisches Verschiebematerial und dient dem Machtzweck.
Und das ist nicht nur in Russland so. Ich finde eine Verehrung Stalins auch geschmacklos, aber Geschichtskittung ist auch bei uns beliebt.
Ich denke da vorallem an die Wendezeit und der "Eingliederung" der Ostdeutschen. Im Nachhinein und beim näheren Betrachten ist das keine Wiedervereinigung, sondern eine Annektion. Oder die Versprochene Verfassung, die von heut auf morgen unter den Teppich gekehrt wurde.
Auch im Hinblick auf den 2. Weltkrieg und die Rolle Russlands biegen wir uns in unseren Geschichtsbüchern einiges zurecht.
Dann ist es ja gut. Inwieweit aber Kosaken und Bauern die eigenen Leute waren lassen Sie doch im Dunkeln. Und das Lagersystem für Kritiker auch. Stalin war übrigens gar kein Russe sondern Georgier. Soeviel zu den eigenen Leuten.
Und das Hitler auch noch die eigenen Leute umgebracht hat, also viel schlimmer war als Stalin, wissen wir auch. Vielleicht zählen Sie alle Toten nach. Dann wir genau, wer der bessere Mensch war.
Sie sind eben Gewinner des Krieges, und dieser Erfolg zählt wohl sehr viel. Da tut man sich schwer mit Aufarbeitung ud der Kritik an den Helden, die das zustande gebracht haben. Erst recht bei einem Volk, die noch nie Demokratie hatten udn von der Zeit und dem Geist der fränzösischen Revolution gar nichts adaptiert haben auch wenn die Aufklärung Gesprächsthema war.
Russland ist groß und der Zar ist weit. Der Spruch kommt nicht von allein und was die Wahlenthaltsamkeit und das Desintersse an deutscher Geschichte angeht, macht man es hier ein wenig umgekehrt. Was den einen die pauschale Verehrung ist den anderen die pauschale Verachtung.
"Natürlich wird diese Zeit im Rückblick idealisiert betrachtet, ähnlich wie hier die fünfziger und sechziger Jahre."
Nichts gegen Ihre Wertung der Stalinzeit. Es mag so gwesen sein nachdme sein Macht gesichert war. Aber den Begriff Elend mit den 1950iger und 1960iger Jahren in Verbindung zu bringen dürfte sogar bezogen auf Gesamtdeutschland wohl fehlgehen.
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