Russland Putin profitiert vom Stalin-Kult

Zur Feier des Sieges in Stalingrad gedenken Stalin-Anhänger dem Sowjet-Diktator. Kritik ist tabu, weil der Patriotismus Putin und Medwedew gelegen kommt.

Ein Kleinbus mit dem Bild von Josef Stalin fährt durch die Straßen von St. Petersburg.

Ein Kleinbus mit dem Bild von Josef Stalin fährt durch die Straßen von St. Petersburg.

Wo sonst für Computerspiele oder Hygieneartikel geworben wird, prangt der Mann mit dem dichten Schnauzbart und strengen Blick. Seine Schirmmütze ziert ein roter Stern. Stalin ist zurück und rollt durch einige russische Städte, aufgemalt auf Nahverkehrsbusse. Solche Stalin-Busse sind schon häufiger zu Gedenktagen auf die Straße geschickt worden. An diesem Wochenende befördert der 70. Jahrestag des Endes der Schlacht um Stalingrad den einstigen Oberbefehlshaber der Sowjettruppen in die Öffentlichkeit.

Die Bürgerinitiative Autobus des Sieges hat die Werbeflächen auf einigen Fahrzeugen privater Transportunternehmer angemietet. Unterstützt wird sie von Kommunisten und manch dubioser Organisation wie der Gewerkschaft der Bürger Russlands, die in ihrem Eifer schon Madonna wegen Propaganda für Homosexualität verklagte. In Wolgograd, dem einstigen Stalingrad, in Sankt Petersburg und Tschita an der Grenze zu China sollen die Stalin-Busse rollen. Finanziert durch Volksspenden, wie die Initiatoren versichern. Sie fühlen sich bestärkt durch die Entscheidung des Wolgograder Parlaments, die Stadt an sechs historischen Gedenktagen im Jahr in Stalingrad rückzubenennen.

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Für die Stalin-Verehrer ist das ein Schritt in die richtige Richtung – allerdings nur ein kleiner. Der Gründer der Gewerkschaft der Bürger Russlands, Nikolaj Starikow, wünscht sich eine grundsätzliche Umbenennung: Wenn man sich nur sechs Tage im Jahr mit seiner Frau treffen oder im eigenen Auto fahren dürfe, werde auch bald klar, dass dies noch viel zu wenig sei, sagt er. Die Stalin-Verächter wie der Vizesprecher des Moskauer Parlaments, Nikolaj Lewitschew, halten dagegen, keinem normalen Menschen käme es in den Sinn, eine Stadt nach Tyrannen wie Hitler oder Pol Pot zu benennen.

Putin legt sich beim Thema Stalin nicht fest

Knapp 60 Jahre nach seinem Tod ist Stalin noch immer eine extreme Reizfigur in Russland, weil die Führung und Elite des Landes das Verhältnis zu dieser Epoche der Geschichte nie grundsätzlich klären konnte oder wollte. Zu Beginn der neunziger Jahre stand nicht der Sinn danach, weil schon der Regimewechsel und folgende Lebenskampf die meisten Menschen fast überforderte. Später war es politisch ungewollt. Bis heute fehlt ein übergreifender Konsens darüber, auf welches historische Erbe sich das nachsowjetische Russland stützt – woher es kommt und wohin es will.

Gerade Wladimir Putin hat das Verhältnis zur Vergangenheit immer in der Schwebe gehalten. Mal beklagte er das Ende der Sowjetunion als "größte geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts", nutzte den Siegestriumph gegen das faschistische Deutschland als einigendes Band für seine Untertanen und streichelte ihre Nostalgie, indem er die sowjetische Nationalhymne aus der Trümmerkiste der Geschichte zog. Mal besuchte er Orte, an denen Stalin-Gegner und Terroropfer erschossen wurden, und neigte das Haupt vor Katyn, wo der sowjetische Geheimdienst Tausende von Polen ermordet hatte. Und entsann sich wiederum selig des sowjetischen Films Schild und Schwert über einen heroischen Agenten.

Leser-Kommentare
  1. seit Tagen versucht, die Feiern zum Gedenken an die Stalingrader Schlacht zum Stalin-Kult zu stilisieren.

    Wie groß ist denn die Anhängerschaft der o. g. Bürgerinitiative? Und die Kommunisten, die sonst immer schön auf den Bildern der hier in diesem Medium gern gepriesenen Anti-Putin-Demonstrationen zu sehen sind, müssen jetzt mal schnell für den Stalin-Kult herhalten ...

    Wenn Wolgograd-Stalingrad der Stalingrader Schlacht gedenkt, dann würde es uns Deutsche nur insofern angehen, wenn wir in aller Stille und Demut mit gedächten. Es sind dies Gedenkfeiern einer durch und durch von der Schlacht traumatisierten Stadt - übrigens Partnerstadt von Köln.

    Die Auseinandersetzung mit dem Stalin-Erbe, mit der Kriegführung der Generäle, mit der Evakuierung der Parteibonzen usw. wurde dort bereits von 20 Jahren intensiv geführt, das gigantische Stalin-Denkmal am Wolga-Don-Kanal bereits Jahrzehnte früher zum als milder angesehenen Lenin umgebaut. Die Diskussion um den Namen der Stadt wurde auch vor 20 Jahren geführt abgeschlossen mit der Ergebnis, dass die Stadt weder zu Zaryzin noch zu Stalingrad rückbenannt wird, sondern weiterhin Wolgograd heißt.

    Den gesamten Krieg in seinen Widersprüchen zu analysieren, wird diesem Forum hier nicht gelingen, es füllt bereits ganze Bibliotheken.

    Lasst bitte die Stadt so gedenken, wie sie es für richtig hält. Es ist beschämend genug, dass sich Deutschland laut DLF-Nachrichten heute nur durch den Botschafter vertreten ließ.

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    Was Johannes Voswinkel total vermissen läßt ist ein Minimum an Einfühlungsvermögen in die Lebensläufe der Menschen in Russland. Niemand bestreitet, daß Stalin ein Diktator war und daß unter seiner Führung Millionen von Menschen umkamen. In Bezug auf den deutschen Angriff auf die Sowjetunion und die mörderischen Schlachten des deutsch-sowjetischen Krieges spielt das aber keine Rolle, weil es sich hier um eine Katastrophe handelte, die von Außen über das Land hereinbrach. Hinzu kommt, daß es in Russland heute kaum jemanden gibt, dessen Eltern oder Großeltern sich nicht irgendwie "schuldig" gemacht haben. Alle hatten sich irgendwie mit der kommunistischen Diktatur arrangiert, weil sie sonst gar nicht hätten überleben können. Es ist illusorisch zu glauben, daß 143 Millionen Russen ihre Biographie und die Biographien ihrer Eltern und Großeltern in Frage stellen. Völlig verfehlt ist auch von einem "Stalin-Kult" zu sprechen, nur da weil ein paar Kleinbusse mit Stalins Konterfei rumfahren. Voswinkel sollte sich mal Filme wie "… und morgen war Krieg" ansehen, damit er weiß, was man unter Stalin-Kult versteht und ein Bild von der Vergangenheitsbewältigung in der späten Sowjetunion bekommt.

    Die Deutschen haben ihr "Drittes Reich" weitgehend als das erkannt, was es war, ein Verbrecherstaat.auch ohne den Holocaust.
    Hätte Deutschland den Krieg gewonnen, hätten wir Probleme mit der Aufarbeitung des Nazi-reiches, auch wenn ein Übergang zur Demokratie inzwischen gelungen wäre.

    Bezüglich Stalingrad sollten wir auch unsere Vergangenheit bewältigen und mitfeiern.

    Was Johannes Voswinkel total vermissen läßt ist ein Minimum an Einfühlungsvermögen in die Lebensläufe der Menschen in Russland. Niemand bestreitet, daß Stalin ein Diktator war und daß unter seiner Führung Millionen von Menschen umkamen. In Bezug auf den deutschen Angriff auf die Sowjetunion und die mörderischen Schlachten des deutsch-sowjetischen Krieges spielt das aber keine Rolle, weil es sich hier um eine Katastrophe handelte, die von Außen über das Land hereinbrach. Hinzu kommt, daß es in Russland heute kaum jemanden gibt, dessen Eltern oder Großeltern sich nicht irgendwie "schuldig" gemacht haben. Alle hatten sich irgendwie mit der kommunistischen Diktatur arrangiert, weil sie sonst gar nicht hätten überleben können. Es ist illusorisch zu glauben, daß 143 Millionen Russen ihre Biographie und die Biographien ihrer Eltern und Großeltern in Frage stellen. Völlig verfehlt ist auch von einem "Stalin-Kult" zu sprechen, nur da weil ein paar Kleinbusse mit Stalins Konterfei rumfahren. Voswinkel sollte sich mal Filme wie "… und morgen war Krieg" ansehen, damit er weiß, was man unter Stalin-Kult versteht und ein Bild von der Vergangenheitsbewältigung in der späten Sowjetunion bekommt.

    Die Deutschen haben ihr "Drittes Reich" weitgehend als das erkannt, was es war, ein Verbrecherstaat.auch ohne den Holocaust.
    Hätte Deutschland den Krieg gewonnen, hätten wir Probleme mit der Aufarbeitung des Nazi-reiches, auch wenn ein Übergang zur Demokratie inzwischen gelungen wäre.

    Bezüglich Stalingrad sollten wir auch unsere Vergangenheit bewältigen und mitfeiern.

    • Hamsi
    • 02.02.2013 um 14:44 Uhr

    Das Problem ist, dass die von Ihnen hier vorgestellten Überlegungen für den Großteil der russischen Bevölkerung nicht relevant sind. Es lässt sich nunmal nicht von der Hand weisen, dass die letzten Jahrzehnte für Russland mit großen Wandlungen verbunden waren, manche positiv, manche negativ. In der Bevölkerung haben sie große Unsicherheit hinterlassen. Zu oft wurden die eigenen Sichtweisen in Frage gestellt und das Vertrauen in die Führung enttäuscht und das hat in der russischen Bevölkerung zu einer Identitätskrise geführt, die sich nun leider in einem aufkeimenden Nationalismus wiederspiegelt. Wenn die Russen sich nostalgisch an Stalin erinnern, dann denken sie nicht an den Diktator, sondern an die Jahrzehnte des Friedens, in denen es den Leuten gar nicht sooo schlecht ging. Man war mit dem zufrieden, was man hatte und stellte auch sein "Elend" nicht in Frage. Natürlich wird diese Zeit im Rückblick idealisiert betrachtet, ähnlich wie hier die fünfziger und sechziger Jahre.

    Ich selbst kam in der Sowjetunion zur Welt und hatte deren Zusammenbruch und die nachfolgende Zeit live miterlebt. Als Kind hatte ich keine Probleme, mich dem neuen System anzupassen, für die Eltern- und Veteranengeneration bedeutete es aber einen erheblichen Umbruch. Alles, woran sie geglaubt haben, lag in Scherben vor ihren Füßen. Weitere Enttäuschungen sollten noch folgen.

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    Antwort auf "Werdet erwachsen"
  2. Junge Junge... ist wohl immer noch ganz schön bitter die "Niederlage" der Njemezkis ?! Das "nicht Gönnen" stellt sich auch in der >Art< der Berichterstattung dar. Stalingrad>Stalin>Putin ??? Ja, ich weiß, die Deutschen feiern auch gerne und "wollen" immer zu den Siegern und Guten gehören. Also findet euch damit ab, dass das eine russische Siegesfeier ist. Abgesehen davon gibt es sehr viele russ. Veteranen, die dem dt. Volk verziehen haben. Was ich von dt. Seite her (meiner Erfahrung) nicht unbedingt bestätigen kann(da kommt immer die "Opferrolle" durch).

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  3. ... daß Putin mit symbolischen Gesten wie der Wiedereinführung der alten Sowjet-Hymne das unter Jelzin gespaltene Land wieder zusammengeführt hat. Das gegen ihn zu verwenden halte ich für nicht legitim. Putin kann als Präsident nur dann glaubwürdig sein, wenn alle Russen sich in ihm wiederfinden. Dazu gehören natürlich auch die Kriegsveteranen und diejenigen, die sich als Verlierer der Privatisierungen in den 90er-Jahren sehen.

    Eine in Moskau lebenden Freundin kritisiert z.B. daß das liberale System der Jugend keinerlei Orientierung bietet. Sachlich ist das allemal richtig. Sie wäre auch nicht für die Wiedereinführung des Komsomol, aber eine Befürworterin des heutigen Systems ist sie eben auch nicht.

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  4. Eine der größten Hürden die ein Mensch während seiner Entwicklung zu Durchlaufen hat ist der Erwerb der Fähigkeit Ambivalenzen nicht nur aushalten, sondern auch mit ihnen umgehen zu können. Was auf den Einzelnen zutrifft, trifft auch auf die Gesellschaft aufs Ganze zu. Hier hat die russische Gesellschaft noch einen weiten Weg vor sich.

    Ein schlechter Mensch wird nicht zu einem guten Menschen, weil er auch Gutes geleistet hat. Durch den Sieg über Hitler hat Stalin dazu beigetragen, dass Millionen von Menschen der Tod im KZ erspart blieb. Aber es mussten für diesen Sieg Millionen geopfert werden und deren Tod war oftmals sinnlos und dennoch gewollt. Man hätte Hitler mit weitaus weniger Opfern besiegen können. Dieser Umstand ist es, der dem Sieg einen schalen Nachgeschmack gibt.

    Darüber hinaus fällt durch die Stalinfeiern die Frage unter den Tisch inwieweit der Hitler-Stalin-Pakt nicht erst die Voraussetzung für den Krieg schuf. Hätte Hitler Polen auch dann überfallen, wenn es diesen Pakt nicht gegeben hätte? Zumindest wusste Hitler, dass ihm beim Überfall auf Polen keine Gefahr von der SU drohte, da diese vom Überfall erheblich profitierte.

    Nicht vergessen seien die Millionen von Menschen, die Stalin auf dem Gewissen hat, die er vor und auch noch nach dem Krieg umbringen ließ. Sie alle bildeten keine Voraussetzung für den Sieg. Sie waren einfach nur Opfer seiner Willkürherrschaft.

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    • Hamsi
    • 02.02.2013 um 14:44 Uhr

    Das Problem ist, dass die von Ihnen hier vorgestellten Überlegungen für den Großteil der russischen Bevölkerung nicht relevant sind. Es lässt sich nunmal nicht von der Hand weisen, dass die letzten Jahrzehnte für Russland mit großen Wandlungen verbunden waren, manche positiv, manche negativ. In der Bevölkerung haben sie große Unsicherheit hinterlassen. Zu oft wurden die eigenen Sichtweisen in Frage gestellt und das Vertrauen in die Führung enttäuscht und das hat in der russischen Bevölkerung zu einer Identitätskrise geführt, die sich nun leider in einem aufkeimenden Nationalismus wiederspiegelt. Wenn die Russen sich nostalgisch an Stalin erinnern, dann denken sie nicht an den Diktator, sondern an die Jahrzehnte des Friedens, in denen es den Leuten gar nicht sooo schlecht ging. Man war mit dem zufrieden, was man hatte und stellte auch sein "Elend" nicht in Frage. Natürlich wird diese Zeit im Rückblick idealisiert betrachtet, ähnlich wie hier die fünfziger und sechziger Jahre.

    Ich selbst kam in der Sowjetunion zur Welt und hatte deren Zusammenbruch und die nachfolgende Zeit live miterlebt. Als Kind hatte ich keine Probleme, mich dem neuen System anzupassen, für die Eltern- und Veteranengeneration bedeutete es aber einen erheblichen Umbruch. Alles, woran sie geglaubt haben, lag in Scherben vor ihren Füßen. Weitere Enttäuschungen sollten noch folgen.

    ..., wollte ich gerade erwidern: Nämlich, dass Stalin höchstwahrscheinlich diesen Krieg erst durch den Hitler-Stalin-Pakt und den letztendlich gemeinsamen Krieg gegen Polen ermöglich hat. Mit der unerprobten Wehrmacht des Jahres 1939 hätte sich Hitler wohl niemals gegen drei ungeschlagene Großmächte auf einmal gestellt, nur um dies durchzuziehen.

    Die Sowjetunion hätte sich auch genauso gut auf deutscher Seite in dem Krieg befinden können, wenn Briten und Franzosen ihren Beistandspakt an Polen nicht nur für die Kriegserklärung an Deutschland benutzt hätten.

    Ich hatte eigentlich vor, dieses Thema zu ignorieren, stelle aber entsetzt fest, wie auch auf deutscher Seite in vielen Artikeln die Verklärung der Sowjetunion Stalins als "an sich" normales Land durchscheint, in dem alles andere nur auf deutsche Taten zurückzuführen sei. Etwa in dem von Arnulf Baring hier:

    http://www.spiegel.de/pol...

    So als wenn die Sowjetunion nicht vorher Polen, Finnland und die Länder des Baltikums angegriffen hätte, 80 % ihrer polnischen Kriegsgefangenen hat umkommen lassen und zuvor schon Millionen ihrer eigenen Leute in Gulags.

    Wie sich manche deutschen Publizisten dadurch regelrecht zum nützlichen Idiotien für eine nationalkommunistische Halbdiktatur von heute machen, die sich künftig auf sie als "Alibideutsche" berufen kann, ist eigentlich kaum zu glauben.

    • Hamsi
    • 02.02.2013 um 14:44 Uhr

    Das Problem ist, dass die von Ihnen hier vorgestellten Überlegungen für den Großteil der russischen Bevölkerung nicht relevant sind. Es lässt sich nunmal nicht von der Hand weisen, dass die letzten Jahrzehnte für Russland mit großen Wandlungen verbunden waren, manche positiv, manche negativ. In der Bevölkerung haben sie große Unsicherheit hinterlassen. Zu oft wurden die eigenen Sichtweisen in Frage gestellt und das Vertrauen in die Führung enttäuscht und das hat in der russischen Bevölkerung zu einer Identitätskrise geführt, die sich nun leider in einem aufkeimenden Nationalismus wiederspiegelt. Wenn die Russen sich nostalgisch an Stalin erinnern, dann denken sie nicht an den Diktator, sondern an die Jahrzehnte des Friedens, in denen es den Leuten gar nicht sooo schlecht ging. Man war mit dem zufrieden, was man hatte und stellte auch sein "Elend" nicht in Frage. Natürlich wird diese Zeit im Rückblick idealisiert betrachtet, ähnlich wie hier die fünfziger und sechziger Jahre.

    Ich selbst kam in der Sowjetunion zur Welt und hatte deren Zusammenbruch und die nachfolgende Zeit live miterlebt. Als Kind hatte ich keine Probleme, mich dem neuen System anzupassen, für die Eltern- und Veteranengeneration bedeutete es aber einen erheblichen Umbruch. Alles, woran sie geglaubt haben, lag in Scherben vor ihren Füßen. Weitere Enttäuschungen sollten noch folgen.

    ..., wollte ich gerade erwidern: Nämlich, dass Stalin höchstwahrscheinlich diesen Krieg erst durch den Hitler-Stalin-Pakt und den letztendlich gemeinsamen Krieg gegen Polen ermöglich hat. Mit der unerprobten Wehrmacht des Jahres 1939 hätte sich Hitler wohl niemals gegen drei ungeschlagene Großmächte auf einmal gestellt, nur um dies durchzuziehen.

    Die Sowjetunion hätte sich auch genauso gut auf deutscher Seite in dem Krieg befinden können, wenn Briten und Franzosen ihren Beistandspakt an Polen nicht nur für die Kriegserklärung an Deutschland benutzt hätten.

    Ich hatte eigentlich vor, dieses Thema zu ignorieren, stelle aber entsetzt fest, wie auch auf deutscher Seite in vielen Artikeln die Verklärung der Sowjetunion Stalins als "an sich" normales Land durchscheint, in dem alles andere nur auf deutsche Taten zurückzuführen sei. Etwa in dem von Arnulf Baring hier:

    http://www.spiegel.de/pol...

    So als wenn die Sowjetunion nicht vorher Polen, Finnland und die Länder des Baltikums angegriffen hätte, 80 % ihrer polnischen Kriegsgefangenen hat umkommen lassen und zuvor schon Millionen ihrer eigenen Leute in Gulags.

    Wie sich manche deutschen Publizisten dadurch regelrecht zum nützlichen Idiotien für eine nationalkommunistische Halbdiktatur von heute machen, die sich künftig auf sie als "Alibideutsche" berufen kann, ist eigentlich kaum zu glauben.

    • Nizze
    • 02.02.2013 um 14:28 Uhr

    Diese Art von Feiern ist eine Provokation. Ich denke an die baltischen Länder, an Polen und an Finnland.
    Die haben noch sehr gut in historischer Erinnerung dass Stalin sie 1939 angegriffen, annektiert oder geteilt hatte.
    Und auch für die Millionen Hungeropfer der Ukraine und im heutigen Russland ist das ein Schlag ins Gesicht.
    Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte ist offenbar kein Thema für die russische Öffentlichkeit.

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    • kitoi
    • 03.02.2013 um 0:24 Uhr

    Polen, Finnland und die baltischen Staaten gehörten bis 1914 zum zaristischen Russland. Lernen Sie mal warum?

    Als die Untertanen des brutalen Zaren sich dessen entledigten UND eine andere politische Ordnung wollten, nutzten diese Wirren die Tschechen, die selbst am Baikal gegen die Bolschewiken kämpften, die Franzosen, die Amerikaner oder die Deutschen, um den russischen Staat zu zerstören.

    Da nahmen sich die Finnen (Karelien) und die Polen (Weißrussland, Litauen, Ukraine) russisches Territorium, wo sie es für richtig hielten. In Estland hatten die Bolschewiken 1917 bessere Wahlergebnisse als in Russland selbst. Heute sind Russen im lettischen (27%) und estnischen (25%) Europa Nichtbürger! Wie lange das wohl gut geht?

    Fragen Sie sich mal, wie die ganze Elite der Polen im russischen Katyn von Stalins Schergen ermordet werden konnte. Fragen Sie sich mal, was die im russischen Katyn ermordete Elite den Russen zwischen 1919 und 1939 angetan hat!

    Brutal ging es zu in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die schlimmsten waren aber nicht die Russen, ja nicht ein Mal die Polen - es waren die Deutschen!

    Das Schlimme aber ist, dass die Welt auch nach dem Ende des Kalten Kriegs nichts gelernt hat: Afghanistan, Jugoslawien, Irak, Libyen (Mali), Syrien. Immer mischt die NATO im Namen von Mädchenschulen, sauberen Brunnen oder eben der Demokratie mit, aber meist Bomben, Geheimgefängnisse oder eben Guantanamo im Angebot.

    • kitoi
    • 03.02.2013 um 0:24 Uhr

    Polen, Finnland und die baltischen Staaten gehörten bis 1914 zum zaristischen Russland. Lernen Sie mal warum?

    Als die Untertanen des brutalen Zaren sich dessen entledigten UND eine andere politische Ordnung wollten, nutzten diese Wirren die Tschechen, die selbst am Baikal gegen die Bolschewiken kämpften, die Franzosen, die Amerikaner oder die Deutschen, um den russischen Staat zu zerstören.

    Da nahmen sich die Finnen (Karelien) und die Polen (Weißrussland, Litauen, Ukraine) russisches Territorium, wo sie es für richtig hielten. In Estland hatten die Bolschewiken 1917 bessere Wahlergebnisse als in Russland selbst. Heute sind Russen im lettischen (27%) und estnischen (25%) Europa Nichtbürger! Wie lange das wohl gut geht?

    Fragen Sie sich mal, wie die ganze Elite der Polen im russischen Katyn von Stalins Schergen ermordet werden konnte. Fragen Sie sich mal, was die im russischen Katyn ermordete Elite den Russen zwischen 1919 und 1939 angetan hat!

    Brutal ging es zu in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die schlimmsten waren aber nicht die Russen, ja nicht ein Mal die Polen - es waren die Deutschen!

    Das Schlimme aber ist, dass die Welt auch nach dem Ende des Kalten Kriegs nichts gelernt hat: Afghanistan, Jugoslawien, Irak, Libyen (Mali), Syrien. Immer mischt die NATO im Namen von Mädchenschulen, sauberen Brunnen oder eben der Demokratie mit, aber meist Bomben, Geheimgefängnisse oder eben Guantanamo im Angebot.

  5. Was Johannes Voswinkel total vermissen läßt ist ein Minimum an Einfühlungsvermögen in die Lebensläufe der Menschen in Russland. Niemand bestreitet, daß Stalin ein Diktator war und daß unter seiner Führung Millionen von Menschen umkamen. In Bezug auf den deutschen Angriff auf die Sowjetunion und die mörderischen Schlachten des deutsch-sowjetischen Krieges spielt das aber keine Rolle, weil es sich hier um eine Katastrophe handelte, die von Außen über das Land hereinbrach. Hinzu kommt, daß es in Russland heute kaum jemanden gibt, dessen Eltern oder Großeltern sich nicht irgendwie "schuldig" gemacht haben. Alle hatten sich irgendwie mit der kommunistischen Diktatur arrangiert, weil sie sonst gar nicht hätten überleben können. Es ist illusorisch zu glauben, daß 143 Millionen Russen ihre Biographie und die Biographien ihrer Eltern und Großeltern in Frage stellen. Völlig verfehlt ist auch von einem "Stalin-Kult" zu sprechen, nur da weil ein paar Kleinbusse mit Stalins Konterfei rumfahren. Voswinkel sollte sich mal Filme wie "… und morgen war Krieg" ansehen, damit er weiß, was man unter Stalin-Kult versteht und ein Bild von der Vergangenheitsbewältigung in der späten Sowjetunion bekommt.

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    • vonDü
    • 02.02.2013 um 15:58 Uhr

    und anderen "Feldherren", hat Stalin seinen Krieg, im militärischen Sinne, ziemlich glorreich gewonnen. Es gehört zum kollektiven Bewusstsein von Gesellschaften, ihre "Helden" selektiv positiv im Gedächtnis zu behalten und die Schattenseiten weitgehend auszublenden.

    Stalin ist mehr als die Schlacht um die Stadt seines Namens. Er ist im Bewusstsein der Russen auch mit dem gewonnenen Krieg und dem Aufstieg zur Großmacht mit globalem Einfluss assoziiert, was als Ergebnis sicher übereinstimmend als positiv bewertet wird. Kritik gibt es, bei Stalin ohne Zweifel zu Recht, an den Mitteln.

    Ein Blick auf den Umgang mit historischen Figuren zeigt aber ziemlich deutlich, dass die Mittel mit zunehmenden zeitlichen Abstand immer weiter in den Hintergrund rücken und vor echten oder vermeintlichen "Glanzpunkten" verblassen.

    Wenn wir Karl den "Großen" als ersten Europäer feiern, vergessen wir doch auch gerne, dass einer seiner Beinamen "der Sachsenschlächter" war. Bei Franzosen finde ich auch keine besonders kritische Napoleonverehrung, obwohl dessen Kriege und Besatzungspolitik, viel Raum für Kritik bieten. Jede Nation hat ihre fragwürdigen Helden.

    Stalin ist weiter vergangen, als Adenauer, und außer für wenige Rentner, eine weitgehend historische Figur. Mit der die Russen, ähnlich unkritisch umgehen, wie andere Nationen mit ihrer Vergangenheit. Mal ganz abgesehen von den deutschen Ursachen für "Stalingrad", gibt es keinen Grund für überlaute Empörung.

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    Kann ich aus persönlichen Begegnungen mit Russen in Deutschland bestätigen.

    Es bestätigt sich immer wieder:
    Zeit Online liest man wegen der Leserkommentare.
    Nicht wegen der "journalistischen" Beiträge.

    Kann ich aus persönlichen Begegnungen mit Russen in Deutschland bestätigen.

    Es bestätigt sich immer wieder:
    Zeit Online liest man wegen der Leserkommentare.
    Nicht wegen der "journalistischen" Beiträge.

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