Serbien : Ein Entwicklungsland auf höchstem Niveau

Serbien ist nicht verarmt – dennoch gehört es zu den größten Empfängern deutscher Entwicklungshilfe. Berlin will das Land reif für die EU machen.
Gemüseverkäufer auf dem Markt in Belgrad (Archiv) © Ivan Milutinovic/Reuters

Beim Wort Entwicklungshilfe denkt man an Schulen für Kinder in Zentralafrika, an Bewässerungsanlagen für Reisbauern in Asien oder an Kliniken für Ureinwohner in Südamerika – an Hilfe für Serbien denkt man dabei nicht. Und doch bekommt Serbien jährlich große Summen aus Deutschland als "Mittel für Entwicklungszusammenarbeit". 122 Millionen Euro waren es 2011. Seit dem demokratischen Umbruch im Jahr 2000 hat die Bundesrepublik bislang 1,22 Milliarden Euro zugesagt. Deutschland ist der größte bilaterale Geber – und Serbien einer der größten Empfänger deutscher Entwicklungshilfe.

Auf den ersten Blick sieht Serbien nicht besonders entwicklungsbedürftig aus: 99 Prozent der Bevölkerung haben einen Anschluss an die Trinkwasserversorgung. Fast 98 Prozent der Menschen können lesen und schreiben. Lediglich 0,26 Prozent der Serben leben in absoluter Armut. Über solche Zahlen würden sich viele afrikanische Staaten freuen.

Dennoch gibt es große Probleme im Land: Das berufliche Ausbildungssystem bereitet junge Leute nicht auf den Arbeitsmarkt vor. Die offizielle Arbeitslosenquote ist hoch und liegt landesweit bei 26 Prozent. Bei den jungen Arbeitnehmern fällt sie noch höher aus: Die Hälfte der 14- bis 30-Jährigen ist arbeitslos. Die Verwaltung ist bürokratisch, auf eine Baugenehmigung müssen Privatpersonen und Unternehmer in Serbien so lange warten wie in manchem afrikanischen Land. Nach den Balkankriegen und dem Konflikt zwischen dem ehemaligen Jugoslawien und der Nato ist die Infrastruktur teilweise immer noch schlecht. In Belgrad und in anderen Städten fließen die Abwässer ungeklärt in die Donau hinein. Der Hausmüll landet meist unsortiert auf Deponien. Die Industrie ist veraltet und auf dem Weltmarkt nicht konkurrenzfähig.

Mafia-Kontakte, Roma-Diskriminierung, Kosovo-Streit

"Wir sind eine junge Demokratie, die sich langsam entwickelt", sagt Srdjan Majstorovic, Leiter einer serbischen Behörde, die den EU-Beitritt des Landes vorbereiten soll. "Wir brauchen Unterstützung."

Die deutsche Entwicklungshilfe begann nach dem Kosovo-Krieg im November 2000 als Nothilfe: Stromgeneratoren wurden an Krankenhäuser geliefert. Heute versucht die Bundesrepublik die serbische Regierung auf dem Weg in die Europäische Union zu unterstützen. Zwar ist es seit März 2012 offizieller EU-Beitrittskandidat, doch die Verhandlungen dafür haben noch nicht begonnen. Der Reformbedarf in Serbien ist sehr groß.

Deutschland wolle Serbien nicht nur auf hohem Niveau fördern, sondern auch auf hohem Niveau fordern, heißt es im Bundesministerium für technische Zusammenarbeit und Entwicklung. Für einen EU-Beitritt müsse Serbien unter anderem die Kopenhagener Kriterien erfüllen: eine demokratische und rechtsstaatliche Ordnung sicherstellen, Menschen- und Bürgerrechte wahren, den Schutz von Minderheiten achten und die Korruption bekämpfen. Bei vielen dieser Punkte sieht es in Serbien trotz zwölf Jahren Entwicklungshilfe schlecht aus: Spitzenpolitikern werden enge Kontakte zur osteuropäischen Mafia nachgesagt. Die Roma im Land werden häufig offen diskriminiert. Korruption ist weit verbreitet. Serbien mischt sich weiter in die Belange des unabhängigen Nachbarn Kosovo ein.

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Kommentare

29 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Wettbewerbsfähigkeit?

Es ist erstaunlich, dass Wettbewerbsfähigkeit oft darauf reduziert wird, dass es der eigenen Industrie helfen würde, eine unterbewertete Währung zu haben. Aber was nützt es etwas zu exportieren, wenn man dann nicht einen entsprechenden Gegenwert importieren kann. Eine unterberwertete Währung heisst eben auch, dass man Importe zu teuer bezahlt. Oder im Ausland sein Geld für Lau anlegt oder sich einen zu teuren Urlaub leistet. So clever ist dieses rein auf Export ausgerichtetes Wirtschaftsmodell für das Land als solches nicht, auch wenn sich da ein paar Superreiche die goldene Nase verdienen.

Was heißt hier ...

... unsachliche Polemik?

Wenn ich 100.000,- € bekommen würde, dann würde ich auch Paprika für dieses Geld züchten. Und zwar eine ganze Menge, denn in den Niederlanden, die ich von meinem Wohnort in Deutschland aus fußläufig erreichen kann, geht das auch. Spanische Paprika kaufe ich übrigens schon lange nicht mehr, da ich deren Spritzmittel regelmäßig nicht vertragen habe.