Bürgerkrieg : Über Syrien herrscht nur noch Pessimismus

Ein Jahr später, 55.000 Tote später: Wieder wird auf der Münchner Sicherheitskonferenz über Syrien geredet. Die Bilanz ist miserabel, die Hoffnung bei null. Von M. Horeld
Zerstörte Häuser in Aleppo (Archiv) © AFP/Getty Images

In so gut wie jedem Bericht taucht sie auf, diese Zahl, die das ganze, endlose Desaster dieses Krieges umschreibt, und die doch so unfassbar ist: Mehr als 60.000 Menschen sind nach Angaben der Vereinten Nationen in Syrien gestorben, seitdem dort vor zwei Jahren die ersten Demonstranten auf die Straße gingen, um es ihren Vorbildern in Tunesien, Libyen, Ägypten gleichzutun: sich für Freiheit einzusetzen und menschenwürdige Lebensbedingungen, für wirtschaftliche Teilhabe und Demokratie, für politische Reformen und, natürlich, den Rücktritt der alten Elite.

Nirgendwo gelang dieser Umbruch friedlich. Auch in Libyen starben Tausende, in Ägypten steht der Staat als solcher auf der Kippe. Doch nirgendwo sonst war und ist der Blutzoll so hoch wie in Syrien. Der Konflikt ist deshalb eines der beherrschenden Themen der Münchner Sicherheitskonferenz, zu der sich an diesem Wochenende Staatsmänner, Diplomaten, Berater, NGO-Vertreter und andere Experten treffen.

Schon vor einem Jahr dominierte Syrien die Sicherheitskonferenz. Vergeblich bemühte sich damals der Westen in der aufgeschlossenen Atmosphäre des Münchner Treffens, Russland und China zu einer gemeinsamen und vor allem klaren Haltung im Sicherheitsrat zu bewegen. Von 5.000 Toten sprachen die Vereinten Nationen damals.

Ein Jahr später sitzt man wieder im Bayerischen Hof in München. Am späten Freitagabend trafen sich der UN-Sondergesandte für Syrien, Lakhdar Brahimi, der Vorsitzende der syrischen Oppositionskoalition, Moaz al-Chatib, und Human-Rights-Watch-Chef Kenneth Roth zur Nachtsitzung und zogen Bilanz.

Wem man auch zuhört im Konferenzsaal, jeder zeichnet ein dramatisches Bild. Da ist zum einen wieder diese ungeheuerliche Zahl: 55.000 Leben wurden seither ausgelöscht. An Waffen herrscht kein Mangel. Die Rebellen werden, soweit man weiß, von den Golfstaaten versorgt, längst verfügen sie über mehr als nur Maschinengewehre. Der Iran und vermutlich Russland haben tonnenweise Material an Assads Armee geliefert.

Gleichzeitig kommen immer mehr ausländische Kämpfer ins Land, Iraner und Hisbollah-Milizionäre auf Seiten Assads, Dschihadisten auf Seiten der Rebellen.

Der Bürgerkrieg in Syrien ist dabei, ein Krieg zu werden. Vor wenigen Tagen sah sich Israel gezwungen, in Syrien einzugreifen, der Iran drohte mit einem Gegenschlag. Teheran wird es wohl nicht so weit kommen lassen, dennoch ist klar, dass der syrische Konflikt längst mehr ist als ein Freiheitskampf gegen ein Unterdrückerregime. Es ist ein Kampf mit fast allen Mitteln, in dem beide Seiten nach und nach ihre Hemmungen verlieren. Assad, so heißt es, habe schon Chemiewaffen eingesetzt, manche Rebellengruppen rekrutieren angeblich Kindersoldaten. Es kommt, wie Kenneth Roth von Human Rights Watch sagte, auf beiden Seiten zu Massentötungen.

"Syrien ist auf dem Weg in die Hölle", so sieht es der UN-Sondergesandte Brahimi. Es drohe die "Somalisierung". Bis Ende des Jahres werde die Zahl der Toten die Marke von 100.000 überschreiten.

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Kommentare

77 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Wo sind all die Friedensmarschierer hin, wo sind sie geblieben?

Wenn Sie sich darüber wundern, dann schauen sie mal in die Syrienthreads des Spon-Forums. Dort treffen Sie sie alle wieder. Unter anderem. Sie bashen unverdrossen auf die USA und den eigentlich schon viel zu friedensverliebten US-Präsidenten ein. Worauf sonst? Der Feind ist immer die Nato, auch wenn mit Putins Unterstützung über 100.000 Menschen sterben und/oder verschwinden. Die linken Pazifisten sind Menschen die gerne die andere Wange auch hinhalten, ... solange es nicht die eigene ist!
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