Leere Konservendosen und säckeweise verschimmeltes Brot kehren die Heimgekommenen aus ihren zerschossenen Häusern. Aufgebracht zeigen die Männer auf durchsiebte Metalltüren und verwüstete Inneneinrichtungen, beklagen Zerstörung und Plünderung. Inmitten all der Wut steht Zakharias und kratzt sich verloren am Bart. Der junge Englischlehrer aus einer wohlhabenden Unternehmerfamilie hat sich der Freien Syrischen Armee (FSA) angeschlossen. Nicht als Kämpfer: Mal dolmetscht er für ausländische Journalisten, mal schmuggelt er Satellitentelefone aus der Türkei zu den syrischen Rebellen.

Heute begutachtet er die Schäden in der nordsyrischen Grenzstadt Ras al-Ayn, oder Serê Kaniyê, wie die Kurden sie nennen. Sie stellen die Mehrheit hier und waren in großer Zahl in die Türkei oder in andere kurdische Städte Syriens geflohen. Nach monatelangen Kämpfen zwischen der FSA und kurdischen Milizen stehen sie vor den Trümmern ihrer Existenz.

Die vom syrischen Diktator Baschar al-Assad jahrzehntelang unterdrückten kurdischen Parteien hatten sich im aktuellen Konflikt gegen eine militärische Lösung ausgesprochen. Sie vertrieben die syrische Armee größtenteils friedlich aus ihren Städten. Die sogenannten Volksverteidigungseinheiten (YPG), die inzwischen für Sicherheit sorgen und die Polizeiarbeit übernehmen, haben ihre historischen Wurzeln in der kurdischen Partei der Demokratischen Union (PYD). Sie unterstehen jedoch dem Hohen Kurdischen Komitee, das die Kräfte des Kurdischen Nationalrats mit der PYD zusammenbringt.

In den Augen vieler FSA-Angehöriger sind die YPG-Milizen jedoch nicht mehr als der syrische Arm der türkisch-kurdischen Guerilla PKK. Deren in der Türkei inhaftierte Chef Abdullah Öcalan sehen viele PYD-Anhänger in der Tat als einen ihrer ideologischen Führer.

Als selbst erklärte Schutzmacht der in Ras al-Ayn lebenden Araber marschierten im Herbst 2012 mehrere Hundert islamistische FSA-Kämpfer nach Ras al-Ayn und belagerten die Stadt drei Monate lang vergeblich. Die in den kurdisch geprägten Provinzen al-Hasaka und ar-Raqah liegenden Ölquellen spielten sicher ebenfalls eine Rolle. Nach Angaben von Ayhan Terfan, dem Leiter des Krankenhauses in der türkischen Schwesterstadt Ceylanpınar, behandelten seine Kollegen in den vergangenen drei Monaten rund 800 Kämpfer und Zivilisten aus Ras al-Ayn, die sich über die Grenze retten konnten.

Die Wunden sind noch frisch

Das militärische Patt und die Einmischung populärer Oppositionspolitiker wie des Christen Michel Kilo hatten die Lage in den vergangenen Wochen etwas beruhigt. Am 17. Februar schließlich unterzeichneten die beiden Fraktionen einen Waffenstillstand. Das Dokument sieht vor, dass alle ausländischen Dschihadisten die Stadt verlassen und Checkpoints eingerichtet werden, die von gemäßigten FSA-Kräften und Kurden gemeinsam bewacht werden.

Die Einhaltung der Vereinbarungen soll ein neu gegründeter Stadtrat mit Vertretern beider Seiten überwachen. Doch das Misstrauen ist groß. "Wie können wir ihnen so schnell nach Ende der Kämpfe vertrauen?", fragt FSA-Mann Zakharias. Und Abdul Wahab Kassem, Leiter des Parteibüros der kurdisch-sozialistischen PDPKS, sagt: "Die Freie Syrische Armee ist nicht wirklich frei. Sie gehorcht lediglich der türkischen Politik, die eine kurdische Selbstorganisation auch in Syrien verhindern möchte." Die PDPKS ist die älteste kurdische Partei und in Ras al-Ayn ebenso vertreten wie die PYD.

Kassem gegenüber hängt das Porträt seines Bruders Alaa, der Anfang Februar an den Folgen einer Schussverletzung durch Einheiten der Freien Syrischen Armee starb. Auch die seelischen Wunden in Ras al-Ayn sind noch frisch.