Belaid-Witwe : "Noch können wir einen Bürgerkrieg verhindern"

Die Witwe des ermordeten tunesischen Oppositionspolitikers Chokri Belaid vermutet staatliche Kräfte hinter dem Anschlag. Gero von Randow hat sie in Tunis besucht.
Basma Khalfaoui Belaid protestiert mit einem Foto ihres ermordeten Mannes Chokri vor der Nationalversammlung in Tunis. © Fethi Belaid/AFP/Getty Images

Eisiger Wind und Regenwetter lassen die Sozialbauten im Viertel Al Menzah 6 von Tunis noch ein wenig trister wirken. Auf einem Parkplatz markieren Kränze und Kerzen den Ort, an dem der linke Oppositionspolitiker Chokri Belaid am vergangenen Mittwoch erschossen wurde. Er hatte gerade das Mietshaus verlassen, in dem er wohnte, und sich auf den Beifahrersitz seines Autos gesetzt. Die Schüsse trafen ihn in die Schläfe, den Hals und die Brust.

"Kommen Sie ruhig", hatte seine Witwe am Telefon auf die Bitte um ein Gespräch geantwortet, "aber nur dann, wenn Sie mit der Macht nichts zu tun haben." Basma Khalfaoui Bealid ist nicht die einzige, die hinter dem professionell ausgeführten Mord eine Organisation mitten im Staatsapparat vermutet.

Im Hausflur und in der sparsam eingerichteten Wohnung herrscht ein Kommen und Gehen. Freunde und Verwandte erscheinen, sie weinen stumm, und Basma Khalfoui rafft sich von Zeit zu Zeit zu einem Interview auf. Gerade ruft das algerische Fernsehen an. "Morgen ist dann damit Schluss" sagt sie, die Kraft gehe ihr aus. In der linken Hand knüllt sie ein Papiertaschentuch.

"Alles hat 2008 angefangen"

"Mein Leben mit Chokri hatte sich 2008 geändert", erzählt Khalfoui. "Damals setzte er sich als Rechtsanwalt für die aufständischen Arbeiter in der Phosphatregion ein." Er sei oft wochenlang weggewesen, und wenn er zurückkam, sei er braun gebrannt und erschöpft gewesen. "Die Revolution beginnt jetzt, sagte er immer. Er hat ja recht behalten, alles hat 2008 angefangen", sagt sie.

Basma Khalfaoui spricht wie unter Schock. Sie wirkt keineswegs so kämpferisch wie auf den Bildern, die gerade um die Welt gehen. Sanfte Stimme, weiche Gesichtszüge, graue Locken, sitzt sie dem deutschen Journalisten gegenüber und muss sich sichtlich zusammennehmen, um zu erzählen, wie sie den schrecklichen Mittwochmorgen erlebt hat. "Ich war in einem anderen Zimmer, bei den Mädchen, um sie für die Schule fertigzumachen. Um zehn nach acht höre ich es zweimal knallen, aber ich dachte mir nichts dabei. Da kam mein Bruder hereingestürzt und fragte: Basma, was ist das? Ich warf ein Kleid über und rannte auf den Balkon. Ich sah den Chauffeur, er sagte weinend 'Basma, komm raus, sie haben auf Chokri geschossen'".

Der Chauffeur steht aufgrund der Zeugenaussage einer Nachbarin mittlerweile unter Verdacht, den Mord geschehen haben zu lassen, nachdem ein Unbekannter kurz mit ihm gesprochen habe.

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Kommentare

18 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Falsch!

"Ansonsten - die Weimarer Republik - oder die Diktatur
Robespieres kurz nach der französischen Revolution zeigen doch das die Anfänge demokratischer Gesellschaften nirgends
einfach waren."

Falsch. Die amerikanische Revolution 1776 war von Anfang an ein Erfolg, was zeigt, daß Revolutionen gelingen können, wenn die Revolutionäre nur den richtgen demokratischen Geist innehaben. Und auch Weimar hätte gelingen können, wenn es da nicht Versailles und die große Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1934 gegeben hätte, denn demokratische Traditionen hatte Deutschland ja. Deutsche Städte wurden schon seit den Mittelalter demokratisch verwaltet. Die erste demokratische Volksversammlung fand im deutschen Reich 1848 in der Paulskirche in Frankfurt statt. Und auch Kaisers Willhelm's Regentschaft konnte nicht wie ein absoluter Monarch schalten und walten, sondern musste sich seine Gesetze im Reichstag in Berlin absegnen lassen.

@klom

"Ohne Westliche Hilfe währen diese nicht mal an die Macht gekommen, der Westen hat diese Diktatoren Jahrzehnte lang an der Macht gehalten genauso wie heute die Wahhabiten in Nahen Osten."

Falsch. GANZ falsch!!! Ohne ÖSTLICHE Hilfe wären diese nicht mal an die Macht gekommen. Tunesien war ein sozialistisch regiertes Land. Ägypten war ein sozialistisch regiertes Land. Lybien war ein sozialistisch regiertes Land. Syrien ist noch immer ein sozialistisch regiertes Land und auch Algerien ist ein sozialistisch regiertes Land und alle hatten gemeinsam, daß sie mit dem Westen aus den unterschiedlichsten Gründen im Clinch standen. Und unter diesen Lybien und Syrien im ganz besonderen Maße. Und was die Wahhabiten betrifft: Was wollten sie denn gegen die unternehmen? Wirtschaftssanktionen? Ne, geht nicht, denn unter den Sanktionen würde die Zivilbevölkerung am meisten leiden und die Herrschenden könnten sich alles mittels Schmuggel besorgen und würden sich dabei noch eine goldene Nase mitverdienen. Dann also eine militärische Intervention a'la Irak oder Afghanistan? Ne, ginge ja auch nicht, weil das wäre dann eine neokononialistische, neoimperialitische Agression, die zudem auch noch antipazifistisch und promilitaristisch wäre, und das wäre ja nun wirklich der Gipfel. Also was bitteschön dann? Würde mich mal interesieren.

Falsches Medley

1. Und was ist mit dem amerikanischen Bürgerkrieg der das Land verheerend verwüstete und ausgeblutet hat - und deren eigentlicher Konflikt bis heute andauert?

2. Komisch - 1848 habe ich immer als Niederlage empfunden
Sie nicht?

"Am 23. Juli 1849 nach dreiwöchiger Belagerung fiel die Festung Rastatt, danach war die badische Revolution endgültig gescheitert. 23 Revolutionäre wurden hingerichtet."

??

3. Abgesehen von der Katastrophe, die danach kam - die wiederum ohne das Scheitern der Weimarer Republik nicht zu erklären wäre, ist diese Republik am Extremismus gegensätzlicher politischer Pole gescheitert.

Erfolgreiche Demokratie? Kann man/ frau wohl nicht behaupten - von da ab gings in den Abgrund .........

4. Und nun auch noch der Kaiser?
Der ließ sich im Reichstag 1914 die Kriegskredite genehmigen - auch danach ging es dann rasant ... bergab.

Es bleibt dabei.

Alle Länder, die sie als Beispiel anführen, haben in der Erprobungsphase iherer jungen Demokratien viel größere
Katastrophen produziert als wie wir gegenwärtig in Nordafrika und im nahen Osten erleben.