Tausende Menschen begleiten den Trauerzug für Chokri Belaid am Freitagmittag durch Tunesiens Hauptstadt. Die Armee sichert die Menschenmenge, der Staatspräsident hat Staatstrauer verhängt, zuvor hatten Opposition und Gewerkschaftsverband zum Generalstreik aufgerufen, dem ersten seit 1978.

Die Ermordung des tunesischen Oppositionspolitikers Belaid am vergangenen Mittwoch, getötet durch mehrere Schüsse Unbekannter vor seinem Wohnhaus, hat das Ursprungsland des Arabischen Frühlings in eine Schockstarre versetzt. Landesweit wird seit Monaten gegen die zunehmende politische Gewalt protestiert, die sich insbesondere gegen die säkulare Opposition richtet und nunmehr in ein politisches Attentat mündete.

Belaid war bereits in den vergangenen Wochen immer wieder Ziel von Morddrohungen gewesen. Der Menschenrechtsaktivist und harsche Kritiker der drei Regierungsparteien – und dabei insbesondere der islamistischen Ennahda – hatte noch am Vorabend seiner Ermordung im tunesischen Fernsehen vor "kriminellen Gruppierungen" gewarnt, die Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung pflegten – und die islamistische Ennahda mit dafür verantwortlich gemacht. Und auch deshalb erklingen auf dem Trauerzug wieder die alt bekannten Rufe, diesmal adressiert an die Regierung und vor allem die Ennahda: "Degage!" – "Hau ab!"

Tunesien steht gut zwei Jahre, nachdem die Massenrufe nach "Freiheit", "Würde" und "Arbeit" den Langzeitdiktator Ben Ali mit in die Flucht getrieben haben, vor einer erneuten Zeitenwende. Zugegeben: Keine Regierung hätte es vermocht, die aufgestauten wirtschaftlichen und sozialen Defizite in der Kürze der Zeit aufzuarbeiten. Zudem waren die Erwartungen der Menschen unmittelbar nach der Revolution hoch, mitunter zu hoch. Gleichwohl hat die politische Elite gerade in den vergangenen Monaten immer wieder den Eindruck vermittelt, sich mehr mit sich selber zu beschäftigen als mit den Problemen des Landes.

 Eine Arbeitslosigkeit, die mit knapp 18 Prozent immer noch unerträglich hoch ist; ein Bildungssektor, der weitgehend am Markt vorbei orientiert ist; der mangelnde Wille, das Gewaltmonopol des Staates gegen gewaltbereite Salafisten durchzusetzen; das nach wie vor vorhandene Entwicklungsgefälle zwischen Küste und Landesinnerem – all dies sind Probleme, die aus Sicht breiter Teile der tunesischen Gesellschaft nicht mit der Ernsthaftigkeit angegangen wurden, die die Situation verlangt. Hinzu kommt der seit Monaten stockende politische Transformationsprozess, der letztlich zu einer Polarisierung innerhalb der politischen Landschaft führte.

Die Ermordung Belaids traf Tunesien daher in einem Moment, da politische Stagnation und zunehmende Konfrontation den politischen Alltag bestimmen. Seit Monaten schon gibt es Drohungen der sogenannten "Liga zum Schutz der Revolution" vorrangig gegen national-säkulare Vertreter der Opposition. Im Oktober letzten Jahres wurde Lotfi Naqdh, Regionalkoordinator der größten Oppositionspartei Nidaa Tounes, Opfer eines politisch motivierten Angriffs dieser Liga, die viele in direkter Verbindung mit Ennahda sehen. Bislang sahen Beobachter in Tunesien ein gutes Beispiel, wenn nicht gar ein Vorbild für andere Länder mit Umbrüchen in der arabischen Welt. Doch dieser Wandlungsprozess stockt nicht erst seit einigen Tagen.