Bosco Ntaganda : Ein berüchtigter Kongo-Milizionär gibt auf

Vom Jäger zum Gejagten: Der mutmaßliche Kriegsverbrecher Bosco Ntaganda will vor den Gerichtshof in Den Haag. Er fürchtet in Zentralafrika um sein Leben.
Bosco Ntaganda 2009 in der kongolesischen Provinz Nord-Kivu © REUTERS/Abdul Ndemere

Der Internationale Strafgerichtshof (ICC) hat bekanntlich keine Polizei, um Haftbefehle zu vollstrecken. Aber manchmal kommen die Gesuchten von selbst. Bosco Ntaganda, seit 2006 vom ICC der Verbrechen gegen die Menschlichkeit beschuldigt, ist gestern in die US-Botschaft in der ruandischen Hauptstadt marschiert und hat die völlig verdutzten Diplomaten gebeten, ihn nach Den Haag auszuliefern.

Das kann nur eines heißen: Der Mann hat Angst um sein Leben.

Noch wird spekuliert, wer und was ihn zu diesem Schritt getrieben hat: die Angst vor ehemaligen Kampfgefährten oder vor der ruandischen Regierung, die ihn so lange protegiert hat und über die er vor dem ICC einiges erzählen könnte, was Kigali lieber unter Verschluss halten würde. Seine Flucht auf das Botschaftsgelände ist jedenfalls eine politische Sensation – und das vorläufig letzte Kapitel eines Lehrstücks über die Frage, welche Pakte man mit gesuchten Kriegsverbrechern um des vermeintlichen Friedens willen eingehen sollte.

Ntagandas Biografie ist die eines eiskalten Überlebenskünstlers, der früh lernte, über Leichen zu gehen: der ruandische Tutsi, 1973 geboren, wurde als Halbwüchsiger erst zum Flüchtling, dann zum Kämpfer unter Paul Kagame, dessen Rebellen 1994 den Völkermord in Ruanda stoppten, die Macht übernahmen und die Genocidaires, die Völkermörder an den Tutsi, in den Ostkongo vertrieben. Ntaganda war noch keine 30 Jahre alt, da hatte er auf ruandischer oder pro-ruandischer Seite an zwei Kongokriegen teilgenommen und sich mit zahlreichen Verbrechen den Spitznamen "Terminator" erarbeitet.

Ntaganda ließ sich in die kongolesische Armee integrieren

Einer seiner alten Kampfgenossen, Thomas Lubanga, verbüßt eine 14-jährige Haftstrafe, verhängt vom ICC wegen Rekrutierung von Kindersoldaten. Der "Terminator" musste lange Zeit keine Richter fürchten. Er wurde Kommandant in Laurent Nkundas Nationalkongress zur Verteidigung des Volkes (CNDP), der im Ost-Kongo die Interessen kongolesischer Tutsi und der ruandischen Regierung vertrat: Zugang zu Rohstoffen, Weideland und ein militärisches Gegengewicht zur FDLR, der immer wieder mit Kinshasa liierten Nachfolgeorganisation der Hutu-Genocidaires.

Als Nkunda 2009 etwas zu eigenwillig androhte, nach Kinshasa zu marschieren und die Regierung von Präsident Joseph Kabila zu stürzen, kam die große Stunde des "Terminators": Nkunda wurde in einem Deal zwischen den Erzfeinden Kongo und Ruanda geopfert und von Kagame unter Hausarrest gestellt.

Ntaganda ließ sich als neuer starker Mann des CNDP mitsamt seinen Kämpfern in die kongolesische Armee integrieren und den Rang eines Generals verleihen. Menschenrechtler waren entsetzt, der ICC war hilflos, die UN-Mission machte gute Miene zum bösen Spiel, sollte es doch der langfristigen Befriedung der Region dienen. Ntaganda selbst baute eine Parallelhierarchie im Militär auf, scheffelte mit Gold-und Waffengeschäften ein Vermögen – und wähnte sich unantastbar.

Der Rest der Geschichte ist bekannt: Als Kinshasa im vergangenen Jahr Ntagandas CNDP-Strukturen in der Armee auflösen wollte, brach der "Terminator" eine Meuterei vom Zaun und gründete unter dem Kürzel M23 eine neue Rebellengruppe. Die besetzte mit tatkräftiger Hilfe Kigalis im November vergangenen Jahres für kurze Zeit sogar die Provinzhauptstadt Goma. Flüchtlingswellen und schwere Menschenrechtsverletzungen aller Konfliktparteien waren die Folge.

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Kommentare

4 Kommentare Kommentieren

king of kong

Witz des Tages. "Ein Massenmörder fürchtet um sein Leben."
Mein Vorschlag wäre:
Der Herr Ntaganda soll von mir aus in Den Haag verurteilt werden, jedoch würde ich mir sehr wünschen, dass er die Strafe im kongolesischen Gefängnis absitzt. Für so ein Mörder soll kein Cent im europäischen Gefängnis ausgegeben werden.