EntwicklungszusammenarbeitCamerons veraltete Dominanzpolitik

Großbritannien zählt zu den größten Gebern in der Entwicklungspolitik. Doch seine Führungsansprüche erschweren die internationale Zusammenarbeit. von Stephan Klingebiel

Cameron

Indonesiens Präsident Susilo Bambang Yudhoyono, Premier David Cameron und Liberias Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf (von links), die drei Co-Leiter des Post-2015-Panels (London 2012)  |  © WPA Pool/Getty Images

Es ist nicht ganz neu, dass Großbritannien sich international in einer besonderen Position sieht. Die vergangenen Monate haben erneut Beispiele dafür geliefert. Premier David Cameron etwa war im vergangenen Jahr seiner Nominierung durch den Generalsekretär als einer der drei Co-Leiter des hochrangigen UN-High Level Panels zuvorgekommen. Cameron unterstellte, dass Ban Ki Moon ihn sowieso vorschlagen werde. Das Panel soll über ein Folgeabkommen der Millenniumentwicklungsziele (Post-2015) beraten.

Stephan Klingebiel

ist Abteilungsleiter des Bereichs "Bi- und multilaterale Entwicklungspolitik" am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE). Das DIE zählt weltweit zu den führenden Thinktanks zu Fragen globaler Entwicklung.

Führungsansprüche in internationalen Debatten meldete der britische Premier dann deutlich vergangenen November im Wall Street Journal an. Ohne falsche Bescheidenheit positionierte Cameron dort die Rolle Großbritanniens in Sachen globaler Armutsbekämpfung und Entwicklungszusammenarbeit als herausragend und fordert Britian’s leadership auch zukünftig ein: "Unsere Erfahrung mit Entwicklungszusammenarbeit gibt uns auch die Legitimität, einen völlig neuen Ansatz zur Bekämpfung der Ursachen von Armut anzuführen."

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Nun hat sich Großbritannien in den vergangenen Jahren in der Entwicklungspolitik durchaus Verdienste erworben. Die britische Entwicklungsagentur DFID zählt international zu den schlagkräftigsten Organisationen ihrer Art. Großbritannien liegt bei den Leistungen für Entwicklungszusammenarbeit im vorderen Bereich. Das Land ist unter den Gebern – derzeit nach den USA und Deutschland – der drittgrößte Zahler für Entwicklungszusammenarbeit; gemessen an seiner wirtschaftlichen Leistungskraft belegt das Land den sechsten Platz unter den Gebern.

Vorrang traditioneller Ansätze

Uneigennützig ist die britische Hilfe jedoch nicht, sie dient etwa dem Erhalt britischer Einflusssphären. Und dort, wo sie einen wichtigen Beitrag für mehr Wirksamkeit leisten könnte – nämlich bei der Überwindung zersplitterter Geberstrukturen durch eine stärkere Europäisierung der Entwicklungszusammenarbeit – folgt die britische Hilfe dem europaskeptischen Gesamtkurs der britischen Politik und bremst so eine effektive gemeinsame Hilfe aus.

Dennoch: Gerade in der Debatte über mehr Wirksamkeit in der Entwicklungszusammenarbeit (aid effectiveness) hat Großbritannien in früheren Jahren entscheidende Impulse gegeben. Diese positiven Akzente drohen heute durch lautstark erhobene Führungsansprüche verloren zu gehen. Dabei geht es vor allem um zwei Prozesse, die derzeit mit einer britischen Führungsrolle verbunden sind: (1) Das bereits genannte Panel für Post-2015 und (2) die sogenannte Globale Partnerschaft für Entwicklungswirksamkeit.

Für das globale Post-2015-Rahmenwerk hält sich Großbritanniens Premier an altbekannte Maxime: Wachstum hat Vorrang und Armutsbekämpfung wird in Entwicklungsländern mithilfe der Geber unterstützt. Unbestritten ist wirtschaftliches Wachstum eine zentrale Voraussetzung für die Beseitigung von Armut und in vielen Ländern wird auch Entwicklungszusammenarbeit ihre Rolle behalten. In internationalen Debatten fragt man sich jedoch: Welchen Sinn hat eine solche globale Agenda noch für Schwellenländer? Eine bevormundende traditionelle Armutspolitik dürfte hier auf wenig Gegenliebe treffen.

Leserkommentare
  1. die Armut im eigenen Land bekaempfen, bevor man dies im Rest der Welt macht...

    5 Leserempfehlungen
  2. Der gegenseitige Vorwurf der Dominanzpolitik und Führungsansprüche hat mittlerweile einen wirklich langen Bart.

    Wie lange wollen sich Deutschland, Großbritannien und Frankreich hier noch den schwarzen Peter zuschieben?

    4 Leserempfehlungen
  3. wird seine Souveränität nur proforma abgeben und Loyalität einfordern wenn es im Militärischen Vorwärtsgang ist.

    Wichtig wäre es vor allem diese unsägliche Königsdispotie zu beende und die Kronjuwelen wieder in die Länder zu verteilen aus denen Sie geklaut wurden (Afghanistan, Indian,...)

    6 Leserempfehlungen
  4. 4. [...]

    Wer mehr gibt als andere, hat auch einen Anspruch auf Führung. Umgekehrt ist natürlich mittlerweile weltweit bekannt, dass man in Europa gerne mit fremden Pfunden wuchern geht, und überall seinen Senf dazugeben möchte, vorzugsweise ohne selbst eigene Kosten oder Risiko zu tragen. Angesichts er europäischen Zustände sollte man froh sein über effizientere, und auf diesem Gebiet bereits bewiesene britische Initiative.

    Im Lande des Musterschülers Deutschland, wo man gerne seinen moralisierenden Zeigefinger über andere erhebt, reagiert man natürlich angesichts dieses Führungsanspruches etwas verschnupft, wie auch dieser Artikel und seine Foren-Reaktionen eindeutig zeigen. Denn die Rolle des "Guten" beansprucht man dort gerne für sich selbst - ganz der deutschen Besserwisserei und dem deutschen Medienpopulismus entsprechend, dem einige hier offenbar schon zu sehr zum Opfer gefallen sind. Wieder einmal.

    [...]
    Gekürzt. Bitte achten Sie auf einen respektvollen Umgangston. Danke, die Redaktion/jk

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Oakham
    • 22. März 2013 0:37 Uhr

    und auf den Punkt gebracht: Wir erheben ihn gerne, den moralisierenden Zeigefinger. Ganz offensichtlich eine typisch deutsche Eigenart.

    • H.v.T.
    • 22. März 2013 5:36 Uhr

    Und manch Deutsche sind schon so konditioniert, dass selbst eine differenzierte Kritik am fortgesetzen imperialen Gebaren Großbritanniens sofort gescholten werden muß.

    • Oakham
    • 22. März 2013 0:37 Uhr

    und auf den Punkt gebracht: Wir erheben ihn gerne, den moralisierenden Zeigefinger. Ganz offensichtlich eine typisch deutsche Eigenart.

    Antwort auf "[...]"
    • H.v.T.
    • 22. März 2013 5:36 Uhr

    Und manch Deutsche sind schon so konditioniert, dass selbst eine differenzierte Kritik am fortgesetzen imperialen Gebaren Großbritanniens sofort gescholten werden muß.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "[...]"
    • Oakham
    • 22. März 2013 9:46 Uhr

    getan - siehe 6.

    Die deutsche Wesensart - sie enttäuscht einen doch nie.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Den von Ihnen doch recht populistisch und beifallheischend ins Spiel gebrachte "moralisch erhobene Zeigefinger der Deutschen" kann ich weder im recht differenziert argumentierenden Artikel noch in einem der Forum-Beitraege entdecken.

    Offensichtlich betrachten Sie ja jede Form der Diskussion oder der sachlichen Kritik an bestimmten Aspekten der Politik anderer Laender als unzulaessig und tun die, die sich nicht an Ihre Maxime halten, gerne so laessig-arrogant ab, wie Sie es mit dem Beitrag @6 tun. Allerdings sind solche reflexhaften Reaktionen wie die Ihrige nicht geradezu dazu angetan, die Diskussion irgendwie weiterzubringen.

    [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich und verzichten Sie auf persönliche Anfeindungen. Die Redaktion/au

  5. 8. ......

    Die Briten haben schon recht....nur weil Deutschland keine einflusspolitik macht muss es Britannien nicht auch aufgeben.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte David Cameron | UN | Großbritannien | Armut | Debatte | Entwicklungspolitik
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