GerichtsprozessMann stirbt bei Protesten in Kairo

Nachdem lange Haftstrafen gegen Fußballfans verhängt wurden, steckten militante Gruppen einen Polizeiklub in Kairo in Brand. Mindestens ein Mensch wurde getötet.

In der ägyptischen Hauptstadt Kairo haben militante Fußballfans aus Ärger über ein Urteil im Prozess zu den Fußballkrawallen einen Polizeisportklub sowie ein Gebäude des Fußballverbands angegriffen. Staatliche Medien berichteten, wütende Anhänger der Traditionsmannschaft Al-Ahli hätten den Polizeiklub in Brand gesetzt. Anwohner versuchten, die Flammen mit Gartenschläuchen zu löschen, an anderen Gebäuden waren Fensterscheiben zerstört.

Auf Fernsehbildern waren Hunderte Ultras zu sehen, die zum Innenministerium unterwegs waren, das in der Nähe des Tahrir-Platzes im Zentrum liegt. Ein Reporter des Nachrichtenportals Al-Ahram berichtete, dass Fans mit erbeuteten Trophäen den Sitz des Fußballverbands verließen.

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Mindestens ein Mensch ist bei den Ausschreitungen ums Leben gekommen. Ein Mann sei erstickt, nachdem er in der Nähe des Tahrir-Platzes Tränengas eingeatmet habe, sagte der Leiter der Rettungsdienste, Mohammed Sultan, der Nachrichtenagentur AFP. Er sei im Krankenwagen gestorben. Zudem gab es mindestens 14 Verletzte.

Demonstranten greifen Schiffe auf dem Sueskanal an

In Port Said haben Demonstranten versucht, die Schifffahrt auf dem Sueskanal zu stören. In der Hafenstadt lösten sie nach Berichten von Augenzeugen mehrere Schnellboote aus ihrer Verankerung. Dem Kanalbetreiber zufolge wurde der Verkehr aber nicht beeinträchtigt, wie die staatliche Nachrichtenagentur Mena berichtete. Die für den internationalen Handel wichtige Wasserstraße war bei den seit Wochen immer wieder aufflammenden Protesten bisher unangetastet geblieben.

Grund für die Empörung war der Freispruch von sieben Polizisten, die wegen der Fußballkrawalle in Port Said vor einem Kairoer Gericht angeklagt waren. Die Ausschreitungen hatten sich am 1. Februar 2012 in Port Said nach dem Ende eines Spiels zwischen der Heimmannschaft Al-Masri und dem aus Kairo kommenden Tabellenführer Al-Ahli ereignet.

Gericht bestätigt 21 Todesurteile

Nach der Niederlage der Heimmannschaft stürmten Al-Masri-Anhänger das Spielfeld und bewarfen die Fans von Al-Ahli mit Steinen und Flaschen. 74 Menschen wurden getötet, zudem lösten die Krawalle gewaltsame Proteste und Unruhen in Kairo aus, bei denen weitere Menschen starben.

Das Gericht in Kairo bestätigte zugleich die bereits im Januar verhängten 21 Todesurteile. Der während des Spiels zuständige Polizeichef wurde zu 15 Jahren Haft verurteilt. Fünf Angeklagte müssen lebenslänglich ins Gefängnis. Neben weiteren langjährigen Haftstrafen gab es auch Freisprüche. Insgesamt waren 73 Menschen angeklagt.

Der erste Urteilsspruch in dem Verfahren hatte schwere Ausschreitungen in der Region am Sueskanal zur Folge, bei denen Dutzende Menschen ums Leben kamen. Da es in Port Said bereits seit Wochen heftige Proteste und gewaltsame Zusammenstöße gegeben hatte, wurde das Verfahren aus Sicherheitsgründen in die Polizeiakademie in Kairo verlegt.

Militante Anhänger von Al-Ahli hatten eine zentrale Rolle bei den Protesten gespielt, die im Februar 2011 zum Sturz des langjährigen Machthabers Husni Mubarak führten. Die Al-Ahli-Anhänger vermuten, die Fußballkrawalle in Port Said ein Jahr später von der Polizei oder Mubarak-Anhängern aus Rache angezettelt worden.
 

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Leserkommentare
  1. Es herrscht so eine Ungerechtigkeit in Ägypten seit der Übernahme von Murski, noch viel schlimmer als zu den Zeiten Mubaraks , daher ist es mehr als verständlich, wenn sich die Ägypter gegen diese Fehlurteile wehren, obwohl dies weiterhin dem Tourismus sehr schaden wird.

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    Kennen Sie das ägyptische Strafrecht? Bei den Ausschreitungen kamen Menschen ums Leben, dafür ursächlich sind u.a. die zum Tode Verurteilten. Man kann die Todesstrafe zu Recht kritisieren, aber nur weil das Rechtssystem diese vorsieht, ist es kein Fehlurteil. In den jeweiligen US-Bundesstaaten wäre das Urteil wohl ähnlich ausgefallen.

    "Es herrscht so eine Ungerechtigkeit in Ägypten seit der Übernahme von Murski"
    Sie stellen drei Thesen auf:
    - Ägypten ist ungerechter, als zur Zeit von Mubarak
    - Die Urteile gegen die Mörder der anderen Fußballultras sind Fehlurteile
    - Die ÄGYPTER (also alle(!)) wehren sich

    Aber Sie begründen dies nicht?
    Ähnlich sind diverese Aussagen im Artikel etwas zweifelhaft, wie z.B. die Rolle der Ultras bei den Aufständen gegen Mubarak. Es wäre toll, wenn diese Thesen argumentativ unterlegt werden würden!

    Dass sich das Land nach einer 40 jährigen Diktatur nicht sofort in ein Schlaraffenland verwandeln kann wissen Sie oder?

  2. Kennen Sie das ägyptische Strafrecht? Bei den Ausschreitungen kamen Menschen ums Leben, dafür ursächlich sind u.a. die zum Tode Verurteilten. Man kann die Todesstrafe zu Recht kritisieren, aber nur weil das Rechtssystem diese vorsieht, ist es kein Fehlurteil. In den jeweiligen US-Bundesstaaten wäre das Urteil wohl ähnlich ausgefallen.

    4 Leserempfehlungen
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    ob in Ägypten, USA oder sonstwo.

  3. "Es herrscht so eine Ungerechtigkeit in Ägypten seit der Übernahme von Murski"
    Sie stellen drei Thesen auf:
    - Ägypten ist ungerechter, als zur Zeit von Mubarak
    - Die Urteile gegen die Mörder der anderen Fußballultras sind Fehlurteile
    - Die ÄGYPTER (also alle(!)) wehren sich

    Aber Sie begründen dies nicht?
    Ähnlich sind diverese Aussagen im Artikel etwas zweifelhaft, wie z.B. die Rolle der Ultras bei den Aufständen gegen Mubarak. Es wäre toll, wenn diese Thesen argumentativ unterlegt werden würden!

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  4. Um Gewalt zu verbreiten und einen politischer Hintergrund zu ändern.
    Die Wähler dort, wollten diese Regierung und die Minderheiten bleiben wohl Minderheiten.

    • aapple
    • 09. März 2013 15:17 Uhr

    ...das in fortgeschrittenem Stadium, was bei "unseren Fußballanhängern" (Hooligans) schon lange ohne Konsequenzen geduldet und praktiziert wird: Kriegsspiel, Randale und Frustabbau. Frage: wer ist die größere "Bananenrepublik"?

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    dort nicht in erster Linie um Fußballrandale ging/geht?
    Das mit den Chaoten bei uns zu vergleichen, ist zu lächerlich, um kommentiert zu werden,

  5. Dass sich das Land nach einer 40 jährigen Diktatur nicht sofort in ein Schlaraffenland verwandeln kann wissen Sie oder?

    • Moika
    • 09. März 2013 17:39 Uhr

    Diesen krimiinellen Vandalismus als Protest zu bezeichnen, finde ich schon etwas weit vom Wege ab.

    Das muß wohl an der neuen Weise liegen, die Dinge zu betrachten. Aber ein gezielter Mord wird eben als politisch notwendig genannt und - dann ist es eben kein Mord mehr, sondern eine revolutionäre Tat. Sehr seltsam das alles...

    2 Leserempfehlungen
  6. Ein Bürgerkrieg ist auf lange Sicht nur zu vermeiden wenn man ein neues Repressives Regime wie zuvor einführt das von der Armee gestützt wird.

    Ansonsten werden bald erste Bewaffnete Gruppen aufeinander losgehen.
    Hätte Murski nicht den alten Armee Chef abgesägt wäre es vermutlich schon soweit.

    Ich frage mich wirklich ob die Ägyptische Elite, die nicht nach Mubarak ins Ausland geflohen sind, die Lage in den Griff bekommen. Im Moment sieht es nicht danach aus.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP, dpa, nf
  • Schlagworte Kairo | Innenministerium | AFP | Brand | Gebäude | Gericht
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