Wie unterschiedlich Europa und Amerika auf den Irakkrieg zurückblicken, hat sich kürzlich erst gezeigt. Die neuesten Enthüllungen über Foltergefängnisse im Irak haben in den USA praktisch kein Echo ausgelöst, dagegen berichteten die meisten Medien in Europa über die Reportage des britischen Guardian und der BBC umfangreich.

Weder CNN noch die großen US-Zeitungen griffen das Thema auf, nicht einmal die New York Times oder ausgesprochen linke Blätter wie The Nation und Mother Jones. Der linke Autor Doug Henwood vermutet, das liege an einer unterwürfigen Haltung der Presse gegenüber der Macht. Es gebe aber auch das Gefühl: "Das sind Nachrichten von gestern. Das mit dem Irak ist vorbei, und wir müssen nicht mehr darüber nachdenken."

Der Guardian und die BBC haben sich dennoch die Mühe gemacht. Sie enttarnten ein Netz von Foltercamps im Irak, das von zwei Militärberatern und ehemaligen US-Offizieren im Auftrag von Pentagonchef Donald Rumsfeld aufgebaut wurde. Beide unterstanden dem damaligen Oberbefehlshaber David Petraeus, der letztes Jahr nach einem Sexskandal als CIA-Chef zurücktreten musste.

Sexskandal interessierte mehr

Während die Sexkapaden von Petreaus wochenlang die Schlagzeilen beherrschten, fanden die neuerlichen Enthüllungen keinen Niederschlag. Obwohl es durchaus einen aktuellen Bezug gibt: Die Recherchen gehen auf Dokumente zurück, die der US-Soldat Bradley Manning auf Wikileaks veröffentlicht haben soll. Er steht im Juni wegen Geheimnisverrats vor Gericht und hat sich bereits für schuldig erklärt. Auf ihn könnten 20 Jahre Haft zukommen. Manning sagt, er habe aus Gewissensgründen gehandelt.

Kurz vor dem zehnten Jahrestag des Einmarschs der USA in den Irak am 20. März 2003 zeigt sich: Viele Amerikaner haben ein schwieriges Verhältnis zum Irakkrieg. Obwohl Präsident George W. Bush nach dem Anschlag auf das World Trade Center eine Zustimmungsrate von 90 Prozent hatte, und immerhin noch 70 Prozent, als die USA in den Irak einmarschiert sind, kann sich heute keiner mehr so recht daran erinnern. Die Amerikaner fühlen sich als die eigentlichen Opfer des Krieges. Anlässlich des Jahrestags erscheinen durchaus Berichte in Zeitungen, aber mit dem Fokus auf die "Wut über den verlorenen Groschen" – die hohen Kriegskosten. So berichteten die Washington Post und das Wall Street Journal und andere Blätter über Geldverschwendung beim Wiederaufbau des bombardierten Landes.

Eine detailliertere Bilanz ist am kommenden Montag zu erwarten. Dann wird auf dem Nachrichtensender MSNBC eine Dokumentation laufen, die auf einem Buch der Autoren David Corn und Michael Isikoff beruht: Hubris: Selling the Iraq War. Der Film soll entlarven, wie "Amerika und die Welt von der Bush-Regierung durch Betrug in einen Krieg geführt wurde", der laut Corn "4.484 tote amerikanische Soldaten, 32.226 verwundete Militärs und mehr als 100.000 tote irakische Zivilisten hinterlassen" und über drei Billionen Dollar gekostet hat.