Nun hat der greise kubanische Revolutionsführer Fidel Castro auch noch seinen wichtigsten Erben überlebt: Hugo Chávez ist tot. Der venezolanische Präsident starb am Dienstag in Caracas an einer Krebserkrankung. Castro war sein politischer Ziehvater – und eigentlich sollte Chávez nach dem Tod von Castro die Rolle der Galionsfigur der lateinamerikanischen Linken übernehmen.

Der Sozialist aus Sabaneta prägte wie kein anderer in den vergangenen fast 15 Jahren die politische Landschaft Lateinamerikas. Chávez war ein politischer Überzeugungstäter. Die Ungerechtigkeit in seinem südamerikanischen Heimatland ließ den Oberstleutnant zum Sozialisten werden. Zunächst versuchte er die Macht mithilfe eines Militärputsches zu erlangen. Der Staatsstreich 1992 schlug fehl, doch bei seinen Landsleuten wurde Chávez populär, weil er es gewagt hatte, gegen die herrschenden Eliten aufzubegehren.

Später versuchte es Chávez auf dem legalen Weg. 1998 erzielte er in den Präsidentschaftswahlen einen eindrucksvollen Sieg. Es sollte der Beginn des "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" werden, wie ihn Chávez taufte, bis 2012 folgten drei weitere Wahlsiege. Der letzte war nicht mehr ganz so strahlend.

Von Chávez Idealen ist nicht mehr viel übrig

Von den Idealen, die Chávez einst antrieben, die gesellschaftlichen Verhältnisse in Venezuela umzukehren, ist nicht viel übrig geblieben. Heute sind es die Sozialisten, die in Caracas rauschende Partys feiern. Sie fahren die teuersten Autos, haben die schönsten Freundinnen und die neusten Smartphones. Der Ölreichtum des Landes macht es möglich.

Wie vor der Ära Chávez verschwinden auch heute wieder Milliarden in dunklen Kanälen. Statt in dringend notwendige Investitionen, wird das Geld in die marode Erdölindustrie gepumpt. Wer einmal am verseuchten Maracaibo-See spazieren gegangen ist, kennt die ganze Misere der Umweltzerstörung. Die verheerende Explosion einer riesigen Raffinerie im vergangenen Jahr machte auch dem Rest der Welt deutlich, wie es um den Zustand der Infrastruktur bestellt ist.

Frei vom Makel der Korruption

Chávez selbst war frei vom Makel der Korruption. Dem Revolutionsführer waren teure Statussymbole fremd, stattdessen suchte er stets die offene Bühne. Legendär waren seine oft stundenlangen Fernsehshows, in denen Chávez seine Politik feierte. Wer die Sendung einmal gesehen hat, begriff schnell, wie das System Chávez funktioniert. Linientreue Journalisten und loyale Politiker – fast durchweg im roten Hemd – klatschen Beifall und nicken artig. Ähnlich sahen die live übertragenen Kabinettssitzungen aus. Ein solches Klima von opportunistischen Statisten förderte den Aufstieg von aalglatten Parteifunktionären, die keinerlei Interesse daran hatten, mit interner Kritik anzuecken.

Die Folgen für das Land sind verheerend: Mord und Totschlag kosteten allein im vergangenen Jahr etwa 20.000 Menschen das Leben, Caracas ist die gefährlichste und unberechenbarste Hauptstadt des Kontinents. Die Polizei ist korrupt, die Aufklärungsrate ist erbärmlich. Das Problem ist zum Teil hausgemacht.