Gaza-HilfsflotteLiebermann kritisiert Israels Entschuldigung bei der Türkei

Israel bemüht sich um bessere Beziehungen zur Türkei, doch ein einflussreicher Politiker ist dagegen: Der ehemalige Außenminister Liebermann gibt sich unversöhnlich.

Israels ehemaliger Außenminister Avigdor Lieberman (links) mit Premierminister Benjamin Netanjahu

Israels ehemaliger Außenminister Avigdor Lieberman (links) mit Premierminister Benjamin Netanjahu  |  ©REUTERS/Baz Ratner

Der frühere und möglicherweise auch künftige israelische Außenminister Avigdor Lieberman hat das Vorgehen seines Landes gegenüber der Türkei scharf kritisiert. Die von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ausgesprochene Entschuldigung für den Tod von neun türkischen Aktivisten sei ein "schwerer Fehler", sagte er der Zeitung Jediot Achronot.

Die neun Türken hatten 2010 an einer Hilfsaktion für die Palästinenser teilgenommen. Mehrere Schiffe hatten versucht, Hilfsgüter zum von Israel abgeriegelten Gazastreifen zu bringen. Israelische Spezialkräfte brachten die Schiffe auf. Bei dem Einsatz auf dem Kreuzfahrtschiff Mavi Marmara waren die Türken erschossen worden.

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"Jeder, der die Bilder von der Marmara gesehen hat, versteht ohne jeden Zweifel, dass die israelischen Soldaten in Notwehr gehandelt haben", sagte Lieberman. Die Entschuldigung werde sich nachteilig auf die Motivation aller israelischen Soldaten auswirken. Die Türkei hatte eine Entschuldigung Netanjahus zur Voraussetzung einer Normalisierung der Beziehungen gemacht.

Lieberman war zur Zeit des Zwischenfalls Außenminister und ist heute die Nummer Zwei in Netanjahus rechtem Block Likud-Beitenu. Ende vergangenen Jahres musste er nach einer Anklage wegen Untreue als Außenminister zurücktreten. Netanjahu übt das Amt seither mit aus. Lieberman soll es jedoch Medienberichten zufolge wieder übernehmen, falls er seinen Strafprozess unbeschadet übersteht.

Druck von Obama

Laut Beobachtern sei die Entschuldigung Israels nur möglich gewesen, weil Hardliner Liebermann nicht mehr Außenminister sei. In US-Kreisen hieß es, eine Aussöhnung zwischen der Türkei und Israel sei "im nationalen Interesse" der USA. In der Region sorgen insbesondere der Bürgerkrieg in Syrien – das an beide Staaten angrenzt – und das iranische Atomprogramm für Unruhe.

Entsprechend übte US-Präsident Barack Obama Druck auf Netanjahu aus, die vom türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdoğan geforderte Entschuldigung auszusprechen. Aus US-Kreisen verlautete, das Telefonat der beiden habe Minuten vor Obamas Abflug aus Israel stattgefunden. Netanjahu habe noch auf dem Flughafengelände in Tel Aviv 30 Minuten lang mit Erdoğan gesprochen.

Außenminister Guido Westerwelle begrüßte die Entspannung zwischen der Türkei und Israel. "Ich bin sehr erfreut und auch sehr erleichtert darüber, dass eine Normalisierung der Beziehungen zwischen unseren guten Freunden in Israel und unseren guten Freunden in der Türkei sich jetzt abzeichnet."

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Leserkommentare
  1. Diktatoren und Autokraten waren schon immer unsere besten Freund ähm guten.
    Auch wenn in diplomatischen Kreisen eine Anbiederung an die Macht durchaus Sinn macht, als Mensch ist sie einfach nur widerlich.
    Um sich über die oben genannten Vorfälle wirklich äußern zu können, bräuchte man mehr Details.
    So steht die Aussage des einen Rechts-Populisten gegen die des anderen.

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  2. Bemerkenswert zu sehen das scheinbar eine Entschuldigung mehr Gewichtung hat als die notwendige Partnerschaft in einer Region. Da ja nun wirklich klar sein sollte das Israel nicht gerade von geselligen Kumpanen umgeben ist.
    Wieder ein Indiz wie arrogant und vollkommen unprofessionell die Volksvertreter ob aktiv oder inaktiv in der Mini Demokratie sich aufführen.

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    Israel braucht zwar Partnerschaften, das ist richtig. Aber weder die Politiker noch die Bevölkerung wollen im Grunde genommen die Partnerschaft mit einem muslimischen Land wie der Türkei. Im Herzen sind sie nur ein weiterer Feind mit dem man momentan eben Waffenstillstand hält, da können sich die Türken drehen und wenden wie sie wollen.
    Die vor dem Vorfall guten Beziehungen sind nur der Tatsache geschuldet, dass man in der Region sonst mit niemandem klar kommt und die Türken als Einzige die Hand ausstreckten. Hätten sie mal lieber nicht machen sollen. Würde ihnen selber besser tun und Israel will und braucht es im Grunde ja auch nicht anders.

  3. dieser "ausgehandelten Entschuldigung" (was ist das überhaupt?)

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  4. Israel braucht zwar Partnerschaften, das ist richtig. Aber weder die Politiker noch die Bevölkerung wollen im Grunde genommen die Partnerschaft mit einem muslimischen Land wie der Türkei. Im Herzen sind sie nur ein weiterer Feind mit dem man momentan eben Waffenstillstand hält, da können sich die Türken drehen und wenden wie sie wollen.
    Die vor dem Vorfall guten Beziehungen sind nur der Tatsache geschuldet, dass man in der Region sonst mit niemandem klar kommt und die Türken als Einzige die Hand ausstreckten. Hätten sie mal lieber nicht machen sollen. Würde ihnen selber besser tun und Israel will und braucht es im Grunde ja auch nicht anders.

    8 Leserempfehlungen
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    Das mag zwar sein aber sollte man einen SChritt nach dem anderen wagen,
    totaler irrsinn sich mit den Problemen von bermorgen zu beschäftigen.
    Da ist die Türkei mit sicherheit das kleinste Problem, gegenwärtig.
    Und irgendwann wird big brother den goldenen Esel ausgeschlachtet haben und dann sieht es sehr bitter aus für Israel.

  5. "Good Cop - Bad Cop" nennt sich das Spielchen...

    4 Leserempfehlungen
  6. Nomen est omen?

    Eine Leserempfehlung
  7. Na endlich, wurde aber auch Zeit. Nach ca. 3 Jahren, entschuldigt sich Israel für die Ermordung von 9 Hilfsaktivisten (türkische Staatsbürger) + Schadenersatzzahlung, auf der Hilfsflotte. Das ist das mindeste was Israel tun kann. Es hat mich nicht gewundert, dass der rechtspopulist Liebermann sich darüber aufregt. Was soll man von einem nationalisten wie Liebermann erwartet, dass war offentsichtlich das er so reagiert hat. Auch sollten wir alle wissen, dass Israel und die jüdische Diaspora, die rechten Parteien und rechts denkende Personen, der anderen Ländern bekämpft. Allerdings, dass Israel eine Regierungspartner hatte wie der rechtsgerichtete Liebermann oder der jetztige extrem nationalistische Partei der für die Weiterführung der Siedlungsbau, einfach darüber hinweg sieht. Das verstehe ich nicht. Gerade Israel müsste doch wissen, dass von rechts nichts gutes kommt. Oder sind die alle auf dem rechten Auge blind, wenn es um Israel geht. Wenn man an die 2 muslimischen Profifussballer in Israel denkt, die wirklich regelrecht ausgegrenzt werden, indem man Sie nicht haben möchte. Das bestätigt nur meine These.

    19 Leserempfehlungen
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    • xy1
    • 23. März 2013 17:00 Uhr

    "man an die 2 muslimischen Profifussballer in Israel denkt, die wirklich regelrecht ausgegrenzt werden,"

    Lesen Sie mal hier:
    http://www.zeit.de/sport/...

    und wie sieht es mit israelischen Fussballspielern in den arabischen Staaten aus?

    Interessanterweise hat Netanyahu - in Anwesenheit des USA Präsidenten - sich für die Ermördung eines USA-Staatsbürger auf dem Mavi Marmara NICHT entschuldigt : der 19 jähriger Furkan Dogan, der aus nächste Nähe von der IDF erschossen wurde.

    Davon gibt es sogar ein Video, hier:
    http://www.thiscantbehapp...

    Es ist also klar, was diese "Entschuldigung" eigentlich bedeutet: nichts, ausser ein bisschen PR für alle beteiligten Politiker. Sogar für Liebermann. Alle kommen auf ihre kosten, nur die Toten haben wenig davon.

    • scoty
    • 23. März 2013 12:31 Uhr

    und somit ist er in der Türkei unerwünscht.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, Reuters, rav
  • Schlagworte Benjamin Netanjahu | Avigdor Lieberman | Barack Obama | Türkei | Guido Westerwelle | Recep Tayyip Erdoğan
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