Anderthalb Wochen sind seit der Wahl in Italien vergangen, aber wie dort eine Regierung gebildet werden könnte, ist nach wie vor vollkommen unklar. Die Demokratische Linke will nicht mit Berlusconi, Berlusconi will auf keinen Fall mit Monti und Beppe Grillo, der immer autoritärer auftretende Fünf-Sterne-Anarcho, will mit keinem. Noch nicht mal sprechen.

Mit jedem Tag, der vergeht, erinnert die Situation in Italien mehr an jene in Griechenland aus dem vergangenen Mai. Auch dort hatten die Wähler das politische System mit ihrem Votum lahmgelegt, die Parteien blockierten sich gegenseitig, das Land war unregierbar geworden. Mit jedem Tag, der vergeht, scheint daher eine griechische Lösung für Italien wahrscheinlicher und aus europäischer Sicht sogar verlockender zu werden: Neuwahlen.

Schließlich hat das mit den Neuwahlen schon einmal geklappt. In Griechenland wurde sechs Wochen nach dem ersten Versuch ein zweites Mal gewählt. Europa machte Druck, aus Brüssel und Berlin hieß es unmissverständlich: Dieses Mal würden die Griechen nicht nur über ihre künftige Regierung entscheiden, sondern de facto auch über den Verbleib im Euro. Eine wenig verstellte Drohung, die Wirkung zeigte. Die konservative Nea Dimokratia, aus Sicht der EU eine halbwegs verlässliche Größe, kam knapp vor den unberechenbaren Linkspopulisten der Syriza ins Ziel. Im zweiten Anlauf konnte in Athen jene Regierung gebildet werden, die sich Berlin und Brüssel gewünscht hatten.

Italien ist nicht Griechenland

Manch einer in Europa hofft, so ähnlich könnte es auch jetzt in Italien laufen. Doch diese Hoffnung trügt. Italien ist nicht Griechenland, trotz mancher Parallelen.

Zum einen ist Italien, man muss gelegentlich daran erinnern, ein großes und potenziell wirtschaftsstarkes Land, zudem ein Gründungsmitglied der Europäischen Gemeinschaft. Große Länder aber lassen sich grundsätzlich nur sehr viel schwerer unter Druck setzen – diese Erfahrung gehört zu den kleinen, schmutzigen Betriebsgeheimnissen der EU. Auch wenn auf dem Papier natürlich alle Mitgliedsstaaten gleich sind.

Hinzukommt, dass den europäischen Partnern im Fall von Neuwahlen schlicht die Mittel fehlen, um die Wähler in Parma oder Perugia unter Druck setzen zu können. Oder, positiv formuliert, ein Versprechen, mit dem sie sie locken könnten.

"Too big to fail or to bail"

Griechenland war, als dort gewählt wurde, längst unter dem Rettungsschirm und damit abhängig vom Wohlwollen der anderen Euro-Länder. Ein Ausscheiden aus dem gemeinsamen Währungsverbund war eine realistische Perspektive. Diese Perspektive fehlt in Italien. Das Land ist "too big to fail or to bail", wie es der britische Economist formuliert hat: zu groß, um scheitern zu dürfen, aber auch zu groß, um notfalls gerettet werden zu können. Mit dem Ausscheiden aus dem Euro kann die EU vernünftigerweise nicht drohen. Und mit Geld kann oder will sie nicht locken.

Wie unter einem Brennglas zeigt die Wahl in Italien daher die politischen Zusammenhänge in der EU. Einerseits betrifft die Regierungsbildung in Rom unmittelbar die Interessen der anderen Europäer. Eine erneute Eskalation der Krise hätte weitreichende Folgen für die wirtschaftliche und soziale Situation im Rest der Euro-Zone. Die Regierungsbildung in Rom ist damit keineswegs nur eine nationale Angelegenheit; sie ist Gegenstand europäischer Innenpolitik.

Dennoch sind die Möglichkeiten, Einfluss auf das Geschehen in Rom zu nehmen, denkbar gering. Mitsprache aus Brüssel oder gar Berlin ist ausdrücklich unerwünscht, im Zweifel sogar kontraproduktiv. Das haben die harschen Reaktionen aus Italien gezeigt, als der deutsche Außenminister Guido Westerwelle und der Präsident des Europäischen Parlamentes, Martin Schulz, vor der Wahl mehr oder minder offen vor einer Rückkehr Berlusconis warnten. Ähnlich war es im vergangenen Jahr Angela Merkel ergangen, als sie ankündigte, in Frankreich für Nicolas Sarkozy Wahlkampf zu machen. Am Ende ist es bei der Ankündigung geblieben.

Auch das lehrt uns das Beispiel Italien: Die wirtschaftlichen Abhängigkeiten in Europa sind groß, die politischen treten immer deutlicher zutage. Nur wenn gewählt wird, existieren scheinbar unaufhebbare Grenzen. Auf Dauer ist das kein guter Zustand.