ItalienDie "Grillini" müssen noch viel lernen

Grillos Fünf-Sterne-Bewegung und Bersanis Mitte-Links-Bündnis erwägen eine Zusammenarbeit. Wie die aussehen könnte, ist in Sizilien zu beobachten. von 

Der "Fünf Sterne"-Aktivist und Komiker Beppe Grillo (Archiv)

Der "Fünf Sterne"-Aktivist und Komiker Beppe Grillo (Archiv)  |  © Stefano Rellandini/Reuters

Als Giorgio Ciaccio im Oktober zum ersten Mal mit seinem Fahrrad zum Sitz des sizilianischen Regionalrats in Palermo fuhr, wusste er nicht, wo er es abstellen sollte. Einen Fahrradständer gab es nicht. Warum auch, alle anderen Abgeordneten nutzten Dienstwagen mit Chauffeur.

Der 31-jährige Bio-Händler war für die Fünf-Sterne-Bewegung in das Parlament eingezogen. Damals hatte Beppe Grillos Bewegung in der Region 15 Prozent der Stimmen erreicht. Jetzt liegt sie landesweit bei mehr als 25 Prozent. Die meisten Stimmen haben die Grillo-Anhänger dabei in Sizilien gewonnen.

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Die Region ist politisch eine der komplexesten Italiens, wegen der Armut, der hohen Arbeitslosigkeit und der Mafia. Und sie könnte dieser Tage die Regierungsbildung inspirieren.

Im sizilianischen Regionalrat nämlich unterstützten die Fünf-Sterne-Abgeordneten bei einigen Gesetzesvorschlägen die Mitte-Links-Regierung von Rosario Crocetta. Das ist keine Allianz, sagen sie. Wenn die Regierung aber für sie nachvollziehbare Ziele verfolgt – zum Beispiel als sie das umstrittene Projekt für ein Super-Radar der US-Armee blockierte – machen die 15 jungen Politiker gern mit. Ihr Verantwortungsgefühl und ihre Konsequenz haben sie zu Volkshelden gemacht. Sie zahlen zum Beispiel 70 Prozent ihres Gehaltes an die Region zurück.

Bersani wäre zu Gesprächen bereit

Ob das alles auch auf nationaler Ebene funktioniert, ist fraglich. Italien leidet gerade unter der dramatischsten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit. Grillos Ideen, etwa ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle Italiener, sind unter diesen Bedingungen kaum umzusetzen.

Doch der Chef des italienischen Mitte-Links-Bündnisses PD, Pier Luigi Bersani, wäre durchaus bereit, über ein gemeinsames Regierungsprogramm zu diskutieren. Einige Vorschläge hat er bereits gemacht: eine Reform des umstrittenen Wahlgesetzes, eine Halbierung der Zahl der Parlamentsabgeordneten, eine radikale Senkung der Verwaltungskosten, ein Gesetz gegen die Interessenkonflikte der Politiker, schwere Einschnitte im Militäretat.

Damit will er offenbar Grillo auf dessen Terrain herausfordern. Sollte der Populist das Angebot ablehnen, verstieße er damit gegen seine eigenen Prinzipien.

"Ein Toter, der spricht"

Grillo lässt sich Zeit. Denn er weiß, dass er im Moment die Regeln des Spiels bestimmen kann. So verspottet er in seinem Blog zwar Bersani: Der sei "ein Toter, der spricht". Gleichzeitig sagt Grillo aber Journalisten, dass er die Vorschläge des Vorsitzenden der PD gut findet. Mehr noch: "Wenn die PD und die PDL eine stabile Regierung wollen, haben wir kein Problem damit: Dann werden wir eben die Regierung aufstellen."

Inoffiziell gibt es bereits Verhandlungen zwischen hochrangigen PD-Leute und Grillos Team. So soll zum Beispiel am Donnerstag der ehemalige Ministerpräsident Romano Prodi mit dem Strategen der Bewegung, dem Medienguru Gianroberto Casaleggio, gesprochen haben. Einer der wichtigsten Vermittler ist der PD-Abgeordnete Giuseppe Civati. Seit mehreren Jahren fordert er die eigene Partei auf, auf die Fünf-Sterne-Bewegung zuzugehen. Darüber schrieb er sogar ein Buch: Der Anspruch auf die Politik.

"Was Grillo will, ist klar", sagt Civati im Gespräch mit ZEIT ONLINE. "Er will das ganze System hochgehen lassen." Sollte es doch noch zu einem Regierungsabkommen zwischen Bersani und Berlusconi kommen – was unwahrscheinlich ist – würde dies Grillo in die Hand spielen. "Nach einer kurzen Zeit würde die große Koalition zusammenbrechen. Bei der nächsten Wahl käme die Fünf-Sterne-Bewegung dann auf mindestens 35 Prozent", sagt Civati.

Leserkommentare
  1. Vielleicht - aber vor allem müssen die anderen Parteien und Politiker lernen mit denen umzugehen, die nicht unbedingt das das klassische und so beliebte Links-Rechts-Schema passen.

    2 Leserempfehlungen
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  2. ...die Deutschen (Mainstream-Medien) auch. Ansonsten gilt: Die Italiener stecken die jeden Deutschen in den Sack (http://www.welt.de/wirtsc...) und dort gehören Sie vielleicht auch hin.

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    Sie haben schon mitbekommen, dass der Autor ein gebürtiger Italiener ist?

    soll die Welt genesen.
    Da ist ein Sig. Grillo ist fuer einen Deutschen natuerlich sowas wie der Belzebub.
    Deutsche, inhaliert Dante, dann duerft ihr vielleicht mitreden.

    "...So ist die Politik zu einer Glaubensfrage geworden. Gut ist die „marktkonforme Demokratie“, die den Interessen der Spekulanten huldigt und in ihren Parlamenten das nachbetet, was ihr die Hohepriester in den in den Kathedralen der Finanzreligion, den Börsen und Investmentbanken, aufgibt.

    Schlecht ist alles, was das Diktat des Geldes in Frage stellt und die Interessen der Menschen in den Mittelpunkt rückt..."
    http://www.geolitico.de/2...

    "Die Welt steckt immer nur auf den ersten Blick in einer Schuldenkrise, einer Finanzkrise, einer Euro-Krise. Tatsächlich steckt sie in einem gewaltigen Transformationsprozess, mitten in einer tiefgreifenden Veränderung eines krisenhaften und verschuldeten Systems, die geeignet ist, uns arm zu machen, unseren Wohlstand, soziale Sicherheit und Demokratie zu zerstören, mitten in einer Umwälzung, die sich hinter dem Rücken der Handelnden vollzieht."
    http://www.spiegel.de/spi...

  3. Die 5-Sterne werden verhindern, dass die mitte-"links" Regierung die Politik von Monti weitermacht. Ich weiß nicht viel über Grillo und seine Sterne, aber ich glaube sie sind nicht käuflich. Weder von Mafiosis, noch von deutschen Politikern. Das ist in Italien schonmal enorm viel wert.

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    Mit welcher Konsequenz hier von Anfang unsere Meinung über die neuen Parteien von den Medien diktiert wird. "Chaos", "demokratisches Chaos", "dämlich", "Clowns", "müssen noch viel lernen", "Grillos Populisten", etc. etc.

    Diese Berichterstattung ist sowas von undifferenziert!

    Ganz ehrlich, schon das macht sie in meinen Augen sypathisch.

    Das Sie eben nicht korrupt sind! Ich meine so wie italienische Politiker bzw. "anderer" Nationen!

    Sie Grillinies geben übrigens die 70 in Worten SIEBZIG Prozent ihrer Diäten nicht einfach nur an die Region zurück sondern zahlen das Geld in einen Fond ein aus dem Mini und Microkredite für Existenzgründer vergeben werden.
    Das ist gerade in Italien sehr wichtig weil man dort kaum noch an Kredite rankommt!

    Das mit dem freiwilligen Abtreten der Diäten sollte man vielleicht mal einem gewissen Kanzlerkandidaten unterbreiten so als Gegenvorschlag zum höheren Kanzlergehalt!

    Die Antwort würde mich echt interessieren!

    LG

    Klaus

  4. Nach einer Wahl ist nicht das Programm entscheidend, sondern was verabschiedet wird.

    Und da ist es höchst fragwürdig, ob es Sinn macht von Deutschland zu lernen - alternativlos und zuviele Wenden.

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  5. Sie haben schon mitbekommen, dass der Autor ein gebürtiger Italiener ist?

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    ...doch die Richtung gibt der General vor. Und der sitzt zwei Etagen höher bzw. am Heiligen See und bestens ins Kanzleramt verdrahtet.

    Fabio Ghelli ist Italiener, aber er schreibt für eine deutsche Zeitung. Er darf ja seine eigene Meinung haben, aber ob es dann in jedem Fall erscheinen würde. Ich weiss es nicht.

    "Sie haben schon mitbekommen, dass der Autor ein gebürtiger Italiener ist?"

    mir kommt es vor, als waere Herr Ghelli ein klein wenig angepi.... ob des fuer ihn unerwarteten und unerwuenschten Erfolges von Grillo.
    Nicht, dass wir befuerchten muessten, er sei aus der berlusconischen Clownsquadra...

  6. wünsche ich der Partei des angeblichen Komikers Grillo.
    Es ist doch heutzutage wie verhext: viele Politiker verhalten sich so, dass es schon wie Slapstick wirkt, und die Komiker machen die bessere Politik.
    Dabei haben ausgerechnet wir Deutsche doch gar keinen Grund arrogant zu meckern und zu mosern, wie es leider auch in der ZEIT geschieht: in welchem Land ist es denn gelungen, dass eine basisdemokratische, parlamentsunerfahrene Bewegung den Gang durch die Institutionen angetreten ist ?
    Und wo sind die Gruenen jetzt ? In Italien ist es hoechste Zeit geworden, dass das politische Establishment der grauen Haare aufgemischt wird, sozusagen eine nachholende Revolution. Deshalb noch einmal: viel Glueck fuer Grillo und seine Bewegung.

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  7. Mit welcher Konsequenz hier von Anfang unsere Meinung über die neuen Parteien von den Medien diktiert wird. "Chaos", "demokratisches Chaos", "dämlich", "Clowns", "müssen noch viel lernen", "Grillos Populisten", etc. etc.

    Diese Berichterstattung ist sowas von undifferenziert!

    Ganz ehrlich, schon das macht sie in meinen Augen sypathisch.

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    Antwort auf "Gute Neuigkeiten"
  8. ...die meisten Italiener denken da sicher nicht viel anders: Beide mediterranen Völker sind nun mal keine Quadratschädel wie die Deutschen, denen man von oben herab einfach eine Richtung vorgeben kann und sie marschieren darauf blindlings zu. Dazu gehört eben jahrhundertlange Übung und Selektion.

    8 Leserempfehlungen
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    • dacapo
    • 01. März 2013 20:05 Uhr

    Sind Sie einer? Ich bin keiner, soll und kann aber auch nichts bedeuten. Aber ich bin ein bisschen rum gekommen und habe überall ziemlich viele Quadratschädel angetroffen.
    Das wäre ja auch eine Aussage, wie man sie meint heutzutage gar nicht mehr zu hören.

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  • Schlagworte Italien | Europäische Union | Lernen | Abgeordnetenhaus | Blog | Grundeinkommen
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